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10. Jul 2013

Stephan Hammers

Archiv

Ob online oder offline: 100-prozentigen Datenschutz gibt es nicht

-ARCHIV-

Interview zum Thema Verbraucherschutz im Internet

Wer "kümmert" sich um unsere Daten?

Die Enthüllung des Spähprogramms PRISM der USA durch Edward Snowden war ein Paukenschlag in der Diskussion um den Datenschutz im Internet. Und immer mehr bisher gerne verdrängte Möglichkeiten entpuppen sich als sehr wahrscheinliche Realität. Großbritannien und Frankreich sind mittlerweile ebenfalls und bislang unwidersprochen der flächendeckenden Spionage verdächtigt. Und es geistert auch eine Aussage herum, dass die Bundesrepublik Deutschland wohl nicht so ganz unbeteiligt und unschuldig ist wie einige Politiker durch ihre Empörungsbekundungen zuvor suggerierten.

Der Deal von Nutzern und Internet-Service-Anbietern wie Google oder Facebook bestand ja bisher zunächst darin, dass der Nutzer die Services kostenlos nutzen kann, dafür aber dem Anbieter etwas über sich verrät und dieser dann wiederum für personalisierte Werbung Nutzen aus diesen Daten ziehen konnte. Dass staatliche Behörden sich um diese Daten "kümmern", konnte man vermuten, man konnte aber auch hoffen, dass dies zumindest vorsichtig und nach restriktiven Regeln betrieben würde. Nun ist es öffentlich, dass dem wohl nicht so ist. Und betroffen sind alle Internetnutzer.

Der Verbraucherschutzexperte Dr. Kei Ishii im Interview

UNICUM: Muss man jetzt schon oder in absehbarer Zukunft damit rechnen, dass wenn man beispielsweise in einer E-Mail ein paar falsche Wörter benutzt oder – vielleicht einfach nur aus Neugier – auf rechtlich problematischen Internetseiten gelandet ist, die Polizei oder sonstige Exekutivkräfte an der Tür klingeln?
Dr. Ishii: Vielleicht nicht mit ein paar falschen Wörtern oder Besuch einer einzigen problematischen Internetseite – aber die Daten und Handlungen von Internetbenutzern werden schon seit längerem von Behörden als auch Unternehmen gesammelt und ausgewertet. Und es gab wohl auch in Deutschland schon Fälle, in denen die Polizei dann 'an die Tür klopfte'.

Haben Sie persönlich Angst um Ihre Daten? Wie gehen Sie als Fachmann mit diesem Thema um?
Keine Angst, aber ich gehe bewusst mit meinen Daten um und lasse Vorsicht walten im Internet. Als Leiter des Portals "Verbraucher sicher online" stehe ich ja möglicherweise auch stärker im Fokus als andere. Nicht zuletzt folge ich auch unseren eigenen Empfehlungen, um zu sehen, wie praxisnah diese wirklich sind, und um die Erfahrungen in unsere Inhalte einfließen zu lassen.

Das Problem massiver Datensammlungen bei Unternehmen und Behörden sind ja nicht nur die Daten an sich, sondern das, was derzeit als "Big Data" die Runde macht: Algorithmische Methoden, nach der Schlüsse aus den Daten gezogen werden, die keiner nachvollziehen kann, die aber handfeste Konsequenzen für das Individuum haben können. Bei dem derzeitigen Trend nach immer mehr "Sicherheit" zu jedem Preis kann da einem schon mulmig werden.

Können Internetnutzer ihre Daten überhaupt zu 100 Prozent schützen? Auch wenn ich einen privaten Brief oder Ähnliches bei mir zuhause auf dem Rechner speichere, dann aber online gehe – beginnt da nicht schon das Risiko?
Die Balance zwischen Sicherheit und Risiko ist stets eine Abwägungsfrage. Auch "IRL" – in real life –  gibt es nirgendwo einen hundertprozentigen Schutz, also warum im Internet? Häufig jedoch schützen sich Internetnutzer kaum oder überhaupt nicht. Dabei decken eine regelmäßige Datensicherung und Aktualisierung der Software, dazu Software gegen Schadprogramme und einige Grundregeln beim Surfen und bei E-Mails bereits einen großen Teil der Risiken ab. Und mit Technologien wie Passwortmanagern oder der Verschlüsselung von Daten und E-Mails lässt sich ein hohes Sicherheits- und Datenschutzniveau erreichen.

Die mobile Internetnutzung mit Smartphones, Tablets oder auch Laptops mit Funk-Modul nimmt ständig zu. Lauern hier noch weitere Gefahren für den Datenschutz bzw. wie sieht es um den Datenschutz dabei aus, wer ist der Herr über diesen Datenkanal?
Auch hier gibt es Technologien, die Sicherheit und Datenschutz erhöhen können, etwa der Einsatz eines "Virtual Private Networks" (VPN), die den Datenkanal verschlüsselt, oder dem Tor-Browser, mit dem man anonym surfen kann. Und auch Dienste – von Sozialen Medien bis hin zur "Cloud" – lassen sich durch Auswahl und Verhalten datenschutzgerecht nutzen. Aber wichtig ist auch die Einsicht, dass man nicht unbedingt jedes App benutzen muss, oder über unbekannte Hotspots Online-Banking betreibt oder vertrauliche Informationen übermittelt.

Gibt es für die gängigen Nutzungsszenarien sicherere Alternativen als die bekannten Services – für den E-Mail-Versand, für die Suche, für Social Media, fürs Browsen?
Ja,  solche Alternativen existieren. Aber meist ist es nicht damit getan, etwas zu installieren und dann so weiterzumachen wie bisher. Technik und eigenes Verhaltens müssen Hand in Hand gehen. Dann aber helfen Technologien dabei, das Internet sicherer und datenschutzgerechter zu benutzen. Unser Portal "Verbraucher sicher online" etwa bietet mit Themen wie "Datenspuren im Netz" oder "E-Mail-Verschlüsselung" Informationen und Anleitungen an, wie man selber das für sich geeignete Sicherheits- und Datenschutzniveau erreichen kann.

Sehen Sie die Freiheit des Internets, den kreativen Umgang mit den Möglichkeiten des Internets, was ja vor allem die Anfangsjahre geprägt hat, in Gefahr?
Eine der Konstanten eines so komplexen Geschehens wie 'dem' Internet ist seine ständige Veränderung, sowohl in ihren technologischen Strukturen wie auch in ihren Freiheiten und Beschränkungen. Google und Facebook eröffnen Millionen neue Freiheiten, und schränken an anderer Stelle Freiheiten ein. Cyberkriminelle, Nachrichtendienste,  'Hacker', politisch Aktive – sie alle nutzen die Freiheiten zum "kreativen" Umgang des Internets. Es ist nicht nur unklar, wo die Grenzen verlaufen sollen, sondern auch, wer sie nach welchen Verfahren setzen sollte. Dies wird noch über Jahre eine spannende Debatte bleiben. Dies aber nur, solange man es schafft, die grundlegende Komplexität des Internets, ihr Vermögen zur Veränderung zu bewahren.


Zur Person

Dr. Kei Ishii ist Leiter des Informationsportals "Verbraucher sicher online" (https://www.verbraucher-sicher-online.de), ein Projekt der Technischen Universität Berlin. Es informiert umfassend und verständlich über die sichere und datenschutzgerechte Internetnutzung und den sicheren Umgang mit Computern. Über das Kontaktformular des Portals (https://www.verbraucher-sicher-online.de/kontakt) nimmt Dr. Ishii gerne Fragen und Anmerkungen entgegen.

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