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31. Jul 2012

Ann-Christin Kieter

Archiv

Tierische Begleiter: Hunde auf dem Campus

-ARCHIV-

Vier Geschichten von Studierenden und ihren Vierbeinern

Labor-Beagle in Freiheit

"Da war von Anfang an etwas, was mich an diesem kleinen Hundewesen gerührt hat", sagt Veterinärmedizinstudentin Rebecca Pfündl (24) über ihre vierjährige Beagle-Dame Emma. Kennengelernt hat sich das Dream-Team auf dem Campus der Justus-Liebig-Universität in Gießen. "Die Uni kümmert sich um ehemalige Laborbeagles und sucht Studenten, die Patenschaften zum Gassigehen übernehmen", erklärt Rebecca. Auch wenn es Tiere aus Kontrollgruppen sind, an denen keine Versuche durchgeführt wurden, haben sie natürlich einiges nachzuholen und müssen ihre Umwelt erst kennenlernen. "Für uns ist dies eine prima Möglichkeit, sich um einen Hund zu kümmern, ohne die volle Verantwortung zu übernehmen." Doch Rebecca ist seit zwei Jahren nicht mehr nur Patin, sondern auch Frauchen. An der Uni zeigt sich die Hündin trotzdem noch: "Vor allem im letzten Semester hatte ich oft Kurse in Hörsälen, wo ich Emma mitnehmen durfte. Sie hat es richtig als Aufgabe gesehen, mich zu begleiten." Und natürlich übt die angehende Tierärztin auch den einen oder anderen Handgriff an ihrem Hund. Meistens Routine-Geschichten. Doch es kam auch schon zum kleineren Notfall: "Als Emma mal alleine zu Hause war, hat sie einen Vorhang heruntergerissen und angeknabbert. In der Klinik haben wir dann einen handballgroßen Stofffetzen aus ihr herausgeholt." Auch wenn Emma grundsätzlich eine treue Seele ist, manchmal setzt sich eben der Beagle-Dickkopf durch.

Tauber Hund im Hörsaal

Wenn Maike Vaupel, Professorin im Studiengang Gebärdensprachdolmetschen an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau, den Seminarraum betritt, freuen sich die Studenten. Nicht nur, da ihnen der Unterricht bei ihr Spaß macht. Sondern, weil die Professorin manchmal ihre 13-jährige schwarze Labrador-Hündin dabei hat. "Nora ist taub, deshalb ist sie ein sehr ruhiges Tier", verrät Vaupel. Ein tauber Hund in einem Studiengang, in dem Studenten, die normal hören, die Gebärdensprache tauber Menschen erlernen - das ist etwas Besonderes. Vaupel würde Nora am liebsten für praktische Übungen im ersten Semester einsetzen. "Um einem tauben Menschen etwas mitzuteilen, muss man mit ihm ständig im Blickkontakt bleiben", erzählt sie. Insofern müssen Studenten zunächst das besondere Gefühl für Körperspannung und Mimik bekommen. "Die taube Nora reagiert natürlich rein intuitiv, folglich ist es nicht so einfach, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Daher wäre sie der ideale Übungspartner" – leider hat sich eine solche Trainingsmethode im Lehrplan noch nicht durchgesetzt. Neben Nora hat die Professorin übrigens noch Fernet, einen fünfjährigen Cockerspaniel. Fernet kann normal hören und ist das Gegenteil von Nora; wenn er in den Seminarraum kommt, schnuppert er freudig von einem zum anderen, und diese Quirligkeit hat auch Vorteile – "das wiederum", lacht Vaupel, "weckt müde Studenten auf".

Kein Förster ohne Hund

Hunde sind oft tabu auf dem Campus. Im Studiengang Forstingenieurwesen an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf sind sie im Hörsaal total normal. Viele der naturverbundenen Studenten haben einen tierischen Freund – wie sich das für einen angehenden Förster gehört! So auch Eva Rebekka Förster (21) aus Lahr bei Offenburg. Noch vor ihrem Studium hatte sie Gadian, einen Jagdhund-Pointer-Mix, aus dem Tierheim ihrer Heimatstadt geholt. "Als ich sah, wie viele Hunde an der Hochschule herumlaufen, nahm ich Gadian mit", erzählt Eva. So kann es vorkommen, dass in einer Vorlesung manchmal mehrere Hunde recht unterschiedlicher Größe dem Referat lauschen – vom Bernhardiner bis zum Dackel. "Die Hunde haben während der Vorlesung keinen Kontakt, sie liegen auf mitgebrachten Decken zu Füßen ihrer Herrchen und Frauchen", erzählt Eva. Erst in der Pause beschnuppern sich die Vierbeiner – so hat Evas Gadian auch schon Oskar kennengelernt, den sechsjährigen Dackel ihres Professors Erwin Hussendörfer. Denn auch die Dozenten kommen nicht allein nach Weihenstephan. Dabei beginnt sich so etwas wie eine Familientradition auf dem Campus zu entspinnen, verrät der Professor: "Der Lieblingshund unseres zweiten Semesters ist der Sohn meines Oskars und heißt Xaver; ein Student besitzt ihn seit ein paar Wochen und nimmt ihn auch schon fleißig mit in den Hörsaal."

Treuer Begleiter statt Blindenführhund

Wenn ein Blinder von seinem Hund erzählt, denkt man automatisch an einen Labrador. Matthias Fuchs (33) hat einen Dackel. "Ich wollte keinen Blindenführhund, ich finde mich mit meinem Blindenstock gut zurecht", sagt Matthias. "Ich wollte einen Hund, einfach weil ich Hunde mag." Doch die heute 15-jährige Dackel-Dame zu kriegen, war schwer für den Wuppertaler Psychologie-Studenten. Matthias sprach in vielen Tierheimen vor, "aber niemand traute mir einen Hund zu". Eine Tierschützerin vermittelte ihm schließlich Kira. Eine "Win-win-Situation", sagt Matthias. "Kira weicht Hindernissen aus, das gibt mir zusätzliche Orientierung. "Er muss aber auch für Kira da sein. Ihre Vorbesitzerin litt an Demenz, war mit ihr zuletzt in der Wohnung Gassi gegangen; Kira musste erst wieder lernen, draußen ihr Geschäft zu verrichten. "Sie ist bestimmt nicht der einfachste Hund", sagt Matthias, "aber es tut mir gut, dass auch ich was für ihn tun kann. "Auch an der Uni beschäftigt Matthias sich mit Hunden. In seiner Diplomarbeit hat er untersucht, wie man bei behaarten Tieren ein EKG durchführen kann, ohne, dass man ihnen Fell abrasieren, sie gar mit Nadeln stechen muss. Die Uni Wuppertal erlaubt Matthias durch seine Studie, Kira mit an die Uni zu nehmen. So sind er und die Dackel-Dame bekannt wie ein bunter Hund am Campus: als ungewöhnliche Freunde, die füreinander da sind.


Nachgefragt bei ...

... Dr. Andrea Beetz – Die Diplom-Psychologin erforscht, wie Hunde den Menschen beeinflussen.

Können Hunde beim Lernprozess wirklich helfen?
Ja, weil der Kontakt mit einem Hund für einen Entspannungseffekt sorgen kann. Dieser ist eine gute Voraussetzung fürs Lernen. Denn sobald man gestresst ist, funktionieren bestimmte Bereiche des Gehirns nicht mehr optimal. Es reagiert schon auf eine leichte Erhöhung des Stresshormons Kortisol mit Leistungseinbußen, zum Beispiel im Bereichder exekutiven Funktionen wie Selbstmotivation und Impulskontrolle. Interaktion mit einem freundlichen Hund kann den Kortisol-Spiegel deutlich senken.

Aber müsste die Ablenkung nicht auch Gegenteiliges bewirken?
Das ist vielleicht am Anfang so, wenn man einen Hund in ein Seminar mitbringt, aber irgendwann ist das Tier richtig miteingebunden. Natürlich guckt man mal, wenn der Hund rumgeht, aber das sind immer nur kurze Momente. Selbst wenn man den Hund mal ein bisschen krault, kann man ja trotzdem zuhören.

Das heißt, Sie würden sich generell dafür aussprechen, Hunde am Campus zu erlauben?
Ja! Hunde gehören in Deutschland einfach zur Kultur. Wenn der Hund das gewöhnt und gut erzogen ist und man Rücksicht auf Kommilitonen mit Vorbehalten nimmt, ist das auch machbar. Außerdem erleichtern Hunde den zwischenmenschlichen Kontakt - vor allem, wenn jemand eher schüchtern ist und nicht so leicht kommuniziert.

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