Astrid Film
Das Biopic "Astrid" zeichnet nach, wie Astrid Lindgren zu der Kinderbuchautorin wurde, die wir lieben | Foto: DCM Film
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06. Dez 2018

Sandra Ruppel

Filme

Astrid: Das Biopic über Astrid Lindgren startet im Kino!

Astrid: Mit Phantasie gegen die Langeweile

Astrid Ericsson (Alba August) wächst im tiefsten Schweden der 1920er Jahre auf. Ihre Tage bestehen vor allem daraus, auf dem Hof ihrer Eltern mitzuhelfen. Der Kirchgang am Sonntag ist obligatorisch, dabei aber alles andere als erhellend – sondern vor allem eins: schrecklich langweilig. Ebenso wie auch der gelegentlich stattfindende Tanzabend in der nahegelegen Kleinstadt, den sich Astrid mit trotzig-frecher Attitüde selbst lustig gestalten muss. Da die jungen Männer sie nicht zum Tanzen auffordern, nimmt sie die Sache kurzerhand selbst in die Hand und tanzt einfach allein. Und zwar so unangepasst und wild, wie es nur irgend geht.

Immer wieder versucht die 18-jährige Astrid, sich mit Hilfe ihrer Phantasie aus der drögen Routine zu befreien. Sie erzählt ihren Geschwistern Geschichten von den Abenteuern eines alten Schinkens und einem Land, in dem Kinder leben, die sich den ganzen Tag über Guten Morgen wünschen, Limonade trinken, ihre Kleider falsch herum anziehen und einfach immer genau das machen, was sie wollen.

Der Weg in die Freiheit

Ein echter Ausweg aus der Langeweile bietet sich Astrid schließlich, als der Chefredakteur der Zeitung, Reinold Blomberg, durch einen Aufsatz auf sie aufmerksam wird, den sie eingereicht hatte. Er möchte sie als Volontärin für die Zeitung einstellen – und Astrid sagt ohne Zögern zu. Blomberg (Henrik Rafaelsen) bildet sie nicht nur von Grund auf im journalistischen Handwerk aus, sondern eröffnet ihr auch ganz nebenbei einen völlig neuen Zugang zur Welt. So macht er sie etwa mit der deutschen Zeitschrift "Die modernde Frau" vertraut, in der ein für die 1920er Jahre geradezu revolutionäres neues Frauenbild transportiert wird. Die "moderne Frau" trägt nämlich keine komplizierten Hochsteckfrisuren, Korsett und lange Kleider mehr, sondern einen Bob und bequeme, kurze Röcke. Bei Astrid trifft dieses neue Frauenbild voll ins Schwarze. Sie lässt sich kurzerhand die langen Zöpfe abschneiden und geht ab sofort noch ein bisschen selbstbewusster durch die Straßen. Frei fühlt sie sich, und sie blickt voller Mut auf die Zukunft, die nun dank ihrer Arbeit bei der Zeitung plötzlich vor ihr liegt.

Blomberg ist zunehmend fasziniert von der jungen Frau, die nicht nur gut Schreiben kann, sondern auch alles Neue in sich aufsaugt, wie ein Schwamm. "Gib mir etwas ab von deinem Glanz, ich kann es gebrauchen", sagt er zu ihr. Die Anziehung ist gegenseitig – und es dauert nicht lange, bis zwischen dem ungleichen Paar eine Affäre entflammt. Diese bleibt nicht lange ohne Konsequenzen: Astrid wird schwanger.

Das ist nicht nur eine Katastrophe, weil ein uneheliches Kind Astrids Ruf für immer ruinieren kann, sondern auch, weil Blomberg mit einer anderen Frau verheiratet ist. Ihm droht eine Gefängnisstrafe wegen Unzucht, wenn Astrids Schwangerschaft und die Affäre ans Licht kommen. Also beschließen sie, dass Astrid das Kind in Dänemark zur Welt bringen und Übergangsweise bei einer Pflegemutter lassen wird, während er versucht, sich scheiden zu lassen. Doch dann kommt alles anders, als geplant und Astrid ist mit der vielleicht schwierigsten Entscheidung ihres Lebens konfrontiert…



Astrid: Eine Frau gegen die Welt

"Astrid" zeichnet nach, wie Astrid Lindgren – damals noch Ericsson – zu der Frau wird, die all diese großartigen Geschichten verfasst hat, die wohl die meisten von uns durch unsere Kindheit begleitet haben. Die unsere Phantasie beflügelt und uns so vielleicht ebenfalls ein kleines Bisschen zu den Menschen gemacht haben, die wir jetzt sind. Alba August, die bereits in der dänischen Netflix-Serie "The Rain" mehr als nur überzeugen konnte, übernimmt mit "Astrid" nun ihre erste Kinohauptrolle. Sie macht die junge Astrid Lindgren lebendig und ja, um es in Blombergs Worten zu sagen, glänzend.

August trägt den Film, stundenlang möchte man ihr dabei zusehen, wie sie als Astrid mit roten Wangen, strahlenden Augen und offenen Armen auf die Zukunft zu rennt. Wie sie trotzig gegen alle Konventionen antanzt und sich dabei bewusst zum Horst macht. Es ist ihr egal. Durch Alba August wird Astrid ganz spürbar frei und wild und wunderbar. Trotzdem schafft die 23-jährige Newcomerin auch das andere: nämlich das Schwere. Die Trauer. Die Verzweiflung darüber, dass Astrid nicht bei ihrem Sohn sein kann, strömt August aus allen Poren. Über die Leinwand hinweg, hinein in die Kinosessel.

Fazit zu "Astrid"

"Astrid" stellt vor allem die jungen Jahre Astrid Lindgrens in den Fokus. Wer einen kompletten Rundumschlag zur Biografie der Schriftstellerin erwartet, wird also in diesem Punkt enttäuscht werden. Wer allerdings wissen will, wie eine junge Frau aus der tiefsten Provinz Schwedens zu der Jahrhundertautorin Astrid Lindgren geworden ist, der sollte eine Packung Taschentücher einpacken und sich auf den Weg ins Kino machen. Selbst, wer mit Astrid Lindgren nicht sehr viel verbindet, bekommt in "Astrid" die Geschichte einer bewundernswerten, intelligenten Frau geliefert, die sich mit Phantasie, Herz und Willensstärke gegen die Konventionen des frühen 20. Jahrhunderts stemmt.


UNICUM Film-Tipp:

Astrid FilmplakatAstrid

Biopic, Schweden 2018

Regie: Pernille Fischer Christensen

Darsteller u.a.: Alba August, Henrik Rafaelsen, Trine Dyrholm,

Verleih: DCM

Laufzeit: 120 Minuten

Kinostart: 6. Dezember 2018

Artikel-Bewertung:

3.9 von 5 Sternen bei 10 Bewertungen.

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