God of War Review
Mit Kratos und seinem Sohn Atreus ziehst du in God of War in die Schlacht. | Foto: Sony
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08. Jun 2018

Christopher Lymer

Games

God of War

Wenn ein Kriegsgott zum Vater wird

Die Asche einer Mutter

[Drücke R1, um zuzuschlagen] – so in etwa lautet die erste Eingabeaufforderung, mit der uns God of War im Spiel begrüßt. Kaum verwunderlich, mag manch einer denken. Ist es auch eigentlich nicht – bis auf die Tatsache, dass wir unsere Axt mit besagtem Knopfdruck nicht donnernd in den Schädel einer bösartigen Kreatur rammen, sondern in die Rinde eines alten Baumes.

Denn God of War beginnt keineswegs mit Kampfgetümmel. Ganz im Gegenteil: Woran wir teilhaben, sind die andächtigen Vorbereitungen einer Bestattung, bei der das geschlagene Holz bald schon als Scheiterhaufen dient. Darauf aufgebahrt liegt niemand Geringeres als Faye, Kratos' kürzlich verstorbene Gattin und Mutter ihres gemeinsamen Sohnes Atreus.

Ihrem letzten Wunsch nachkommend machen sich Vater und Sohn auf den beschwerlichen Weg, die Asche Fayes auf dem höchsten Gipfel Midgards zu verstreuen. Eine gefährliche Angelegenheit: Nicht nur weil die karge Wildnis seit kurzem von finsteren Kreaturen heimgesucht wird, sondern auch weil die Sippe Odins ein unheilvolles Interesse an den Pilgern zu entwickeln scheint.

Wunderschöne Welt der Götter

Und so beginnt eine fantastische Reise, die uns durch alle neun Welten des nordischen Mythenkosmos führt: Von den verschneiten Ebenen und Wäldern Midgards, Heimstatt der Menschen und der gigantischen Weltenschlange, über die von Aschregen verfinsterten Vulkanlandschaften Muspelheims, deren Lavafontänen wie glühende Säulen in die Höhe schießen, bis hin zur lichtdurchfluteten Heimat der Lichtalben, wo sich allerlei exotische Pflanzen und fluoreszierende Edelsteine bestaunen lassen.

Wo es uns auch hinzieht, die abwechslungsreichen und detailverliebten Kulissen lassen uns regelmäßig die Kinnlade gen Boden sacken – nicht zuletzt, da God of War die Grafikpower der PlayStation hier beeindruckend ans Limit treibt. Ergänzt durch einen stimmungsvollen Soundtrack offenbart sich uns so eine der atmosphärischsten Spielwelten, die wir in letzter Zeit besuchen durften.

Fokussiertes Rätseln statt ziellosen Wanderns

Entgegen dem beinahe obligatorischen Trend entlässt uns God of War nicht in eine komplett offene Welt – was durchaus befriedigend ist und uns bei der Vielzahl an Schauplätzen ein strukturiertes Vorgehen ermöglicht. Die meisten Gebiete, die wir erkunden, sind grundlegend linear und räumlich geschlossen, legen dafür aber ein komplexes und zum Teil forderndes Level-Design an den Tag.

Entsprechend sind unsere Expeditionen häufig davon geprägt, versperrte Passagen freizulegen sowie Hindernisse zu überwinden. Hierfür werden wir vor Umgebungs- und Kombinationsrätsel gestellt, die uns beispielsweise mechanische Apparaturen koordinieren, Platforming-Einlagen meistern oder Puzzles lösen lassen, die auf Geschick und Timing ausgelegt sind.

Nicht selten lassen sich gewisse Barrieren jedoch ausschließlich durch Einsatz spezieller Fähigkeiten oder Artefakte beseitigen, die wir erst im späteren Laufe der Geschichte erhalten, sodass eine restlose Erkundung der Welt auf regelmäßiges Backtracking ausgelegt ist. Das ist aber selten ein Problem, da uns Haupt- und Nebenquests, meist zum geeigneten Zeitpunkt zum entsprechenden Ort (zurück)führen.

Ganz ohne Open-World geht’s nicht

Restlos geschlossen ist die Spielwelt von God of War dann allerdings doch nicht: Mit dem "See der Neun" eröffnet sich eine riesige Hub-Area, von der aus wir per Ruderboot völlig frei zu angrenzenden Gebieten aufbrechen dürfen. Das können wir dann aus purer Neugier tun oder weil es eine Nebenmission gebietet, von denen sich die meisten auf einfache Sammel- oder Eliminierungsaufgaben beschränken. Während letztere immerhin spannende Kämpfe, interessante Storys und wertvolle Belohnungen bereithalten, wirken die unzähligen Herausforderungen á la "Finde Anzahl X hiervon" oder "Töte Anzahl Y davon" häufig wie unnötiges Füllmaterial.

Im Norden kämpft sich's anders!

Selbstverständlich beherbergt die gigantische Welt von God of War auch zahlreiche Götter, Kreaturen und Ungeheuer, mit denen wir unsere Kräfte messen müssen. In solchen Fällen kommt nicht nur das komplett überarbeitete Kampfsystem zum Einsatz, sondern auch Kratos' neue Leibwaffe, die Leviathan-Axt! Ähnlich wie der Hammer Thors in den Marvel-Filmen trotzt diese jedweden physikalischen Gesetzen, während sie in heftigen Rotationen durch die Luft wirbelt, Gegnern auf weite Distanz wie ein Projektil in den Schädel saust, um nur kurz darauf wieder in Kratos' Hand zurückzukehren. Und selbst wenn unsere Axt gerade mal in einem Gegner feststecken sollte, ist das auch kein größeres Problem: Schließlich weiß Kratos seine Fäuste bestens als tödliche Waffen einzusetzen– inklusive Rage-Modus versteht sich.

Entsprechend spektakulär spielen sich die rasanten Gefechte, in denen wir leichte und schwere Hiebe austeilen, Fernangriffe ausführen, gegnerische Attacken wahlweise mit dem Schild blocken, kontern oder ihnen ausweichen. Tatkräftige Unterstützung erhalten wir währenddessen von Sohnemann Atreus, der unseren Feinden mit Dolch und Bogen zusetzt.

Anders als bisher von der God of War Reihe gewohnt überblicken wir das Kampfgetümmel zudem nicht länger aus isometrischer Perspektive, sondern via festinstallierter Schulterkamera.

Alles dreht sich um die Axt

Eine weitere Neuerung bilden die ausgebauten Rollenspielmechaniken, die über ein umfangreiches Level- und Crafting-System eng mit unserer Axt verknüpft sind: Diese lässt sich nämlich bei den Zwergenbrüdern Sindri und Brok – welche auch den Hammer Thors geschmiedet haben – schrittweise aufrüsten. Auf diese Weise erreicht unsere Waffe höhere Qualitäts-Stufen, welche hier – wie üblicherweise der Charakter-Level – festlegen, was für Angriffe und Combos wir im entsprechenden Talentbaum gegen XP erwerben dürfen. Weitere mächtige Spezialangriffe lassen sich zusätzlich mithilfe von Runensteinen freischalten, von denen wir bis zu zwei in die Leviathan-Axt einsetzen lassen können.

Da für einen umsichtigen Krieger aber nicht nur die offensive Stärke zählt, sondern ebenso die Verteidigung, lässt uns God of War nun auch verschiedene Rüstungssets anlegen. Entsprechende Panzerungen für Brust, Arme und Hüfte lassen sich entweder finden oder bei den Zwergenbrüdern im Austausch gegen entsprechende Materialien herstellen und verbessern. Besonders hochwertige Items können zudem mit Runenzaubern versehen werden, durch die wir passive Boni erhalten.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Das größte Novum und gleichzeitig Herzstück des neuen God of War ist ohne Zweifel das Band zwischen Kratos und Atreus, welches den roten Faden der Erzählung permanent durchdringt: Wir erleben ein Vater-Sohn-Gespann, dessen einzige Verbindung mit dem Tod der Mutter verloren gegangen ist. Einander fremd bedarf es der gemeinsamen Reise, um sich erstmals wahrhaftig kennen zu lernen.

Dabei könnten die beiden unterschiedlicher kaum sein: Während Kratos – nüchtern und verbittert durch ein Leben voller Kampf, Zorn und Rache – in jeder impulsiven Gefühlsregung die Gefahr der Achtlosigkeit wähnt, erkundet Atreus quirlig und voller Neugier die Wunder, denen sie begegnen, und verleiht seinem Staunen ungezügelt Ausdruck. Im resultierenden Spannungsfeld zwischen disziplinierenden Mahnungen des Vaters, dem Streben nach Anerkennung seitens des Sohnes und einem stetig wachsenden, gegenseitigem Verstehen entwickelt sich eine feinsinnige und emotionale Familiengeschichte, der wir so auch in einem waschechten Road-Movie begegnen könnten.



Im Namen des Vaters, des Sohnes … und des sprechenden Kopfes

Aber auch spielmechanisch hat Atreus als Side-Kick eine durchaus wichtige Funktion: Nicht nur unterstützt er uns im Kampf und weist uns beizeiten auf Orte oder Gegenstände von Interesse hin, er übernimmt auch die Rolle als Gesprächspartner. Das gilt im Übrigen auch für den Weisen Mimir, dessen unsterbliches Haupt als eine Art Kompass und Fremdenführer an unserem Gürtel baumelt.

Die regelmäßig aufkeimenden Dialoge zwischen den drei Reisegefährten liefern uns – von durchaus gut geschriebener Situationskomik einmal abgesehen – wertvolle Informationen zur Handlung sowie zu Charakteren und Orten des nordischen Mythenkosmos und öffnen zugleich einen Raum, indem sich die Charakterzeichnungen unserer Protagonisten entfalten und weiterentwickeln können.

Fazit zu "God of War"

God of War entführt uns in eine ebenso wunderschöne wie faszinierende Mythenwelt, die uns dank ausgereizter Grafikleistung der PlayStation4 regelmäßig das Wasser in die Augen treibt. Das überarbeitete Kampfsystem ist intuitiv und gerade so komplex, dass es Einsteiger nicht überfordert, aber auch geübten Spielern genügend Abwechslung bietet. Ungefähr denselben Raum nehmen knifflige Rätseleinlagen ein, die dank hohem Variantenreichtum durchweg motivieren können. Das Highlight ist und bleibt jedoch die feinfühlige und behutsam erzählte Geschichte von Vater und Sohn, die auf ihrer epischen Reise nicht nur wundersame Welten, sondern auch einander entdecken. Absolut empfehlenswert!


UNICUM Gaming-Tipp

God of War

Sony

Erhältlich für: PlayStation 4

Ab 18 Jahren

Mehr unter godofwar.playstation.com

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Artikel-Bewertung:

3.69 von 5 Sternen bei 16 Bewertungen.

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