Test Kingdom Come Deliverance
In Kingdom Come: Deliverance tauchst du in die Tiefen des Mittelalters ein. | Foto: Warhorse Studios
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18. Mai 2018

Christopher Lymer

Games

Kingdom Come: Deliverance

Außergewöhnlicher Ausflug ins Mittelalter

Vom einfachen Dorfburschen zum gesalbten Ritter

Böhmen 1403: Während sich der Adel des Reiches in weiter Ferne um die Thronfolge zankt, geht Heinrich, Sohn des hiesigen Schmieds und Protagonist unserer Geschichte, unbeschwert seinem Tagewerk nach. Wenn er nicht gerade Botengänge für seinen alten Herrn erledigt, ihm an der Esse zur Hand geht oder geduldig seinen Lehren und Maßregelungen lauscht, balgt er sich mit seinen Kumpels, hebt das ein oder andere Bier in der Dorfschenke oder macht der Schankmaid schöne Augen.

All dies findet ein jähes Ende, als eine fremde Streitmacht am Horizont erscheint und Heinrichs bisheriges Leben mordend, plündernd und brandschatzend in einen Haufen Asche verwandelt. Während es einigen Dorfbewohnern rechtzeitig gelingt, in der Skalitzer Burg Schutz zu suchen, ergreifen wir die Flucht. Ohne zurückzublicken retten wir uns zur nächstgelegenen Festung, um dem dortigen Burgherrn vom Angriff zu berichten.

Und ehe wir uns versehen, werden auch wir zur Spielfigur auf dem Schachfeld der Mächtigen, dessen Gefahren unsere unbeschwerten Tage als einfacher Schmiedesohn schnell vergessen lassen.

Ein Held, der bei null anfängt!

Die Prämisse, dass der Protagonist eines Rollenspiels zu Beginn ein Dilettant ist, ist sicherlich nicht neu bzw. vielleicht sogar ein viel zu oft genutztes Klischee. Selten aber spricht ein Spiel der Ausgangssituation seiner Heldenfigur ein derartiges Gewicht zu wie Kingdom Come: Deliverance. Zwar starten wir auch in Skyrim und Co. mit einem Helden der Stufe 1, dessen Fähigkeiten noch in Kinderschuhen stecken und entsprechend gefördert werden wollen; der Unterschied zu Kingdom Come: Deliverance ist aber, dass Rollenspiel-Helden für gewöhnlich jede Fähigkeit schon von Anfang an grundlegend beherrschen und durchs stetige Aufleveln nur noch verbessern.

Als Sohn eines Dorfschmieds kann Heinrich hingegen so gut wie nichts: So bedarf es beispielsweise intensives Training, bis wir einen Bogen überhaupt länger als ein paar Sekunden gespannt halten können – noch länger dauert es, bis es uns gelingt, dabei nicht wie ein Volltrunkener zu schwanken. Und selbst wenn wir all dies gemeistert haben, benötigt es immer noch eines ausgezeichneten Augenmaßes, um ein anvisiertes Ziel zu treffen. Schließlich verzichtet Kingdom Come: Deliverance zugunsten eines möglichst realistischen Spielerlebnisses auf unterstützende HUD-Elemente wie das Fadenkreuz.

Einige Spieler mag dieses Konzept durchaus abschrecken. Schließlich kann es langwierig und frustrierend sein, Heinrich in einer Fähigkeit auszubilden – erlernt bzw. verbessert er jede Fähigkeit doch nur, wenn er sie auch regelmäßig anwendet. Es kann aber auch gerade den Reiz ausmachen, sobald wir nämlich akzeptieren, dass der Sohn eines Dorfschmieds in dieser Geschichte nicht zwangsläufig ein Turnierschütze, Schwertakrobat, Meisterdieb, Bücherwurm oder Fachalchemist sein muss – und insbesondere nicht alles zugleich! Wer ein solches Ziel dennoch verfolgt, muss es dem Spiel halt mühsam abringen.

Realismus und Spielspaß im Spannungsfeld

Ganz so frei sind wir dann allerdings doch nicht, was die Ausgestaltung unseres Helden angeht: Während es uns zwar vollkommen offen steht, ob wir Heinrich beispielsweise im Lesen, in der Alchemie oder Kräuterkunde schulen, erweist sich eine Nahkampfausbildung schnell als unverzichtbar. Nicht nur geraten wir im Laufe der Story immer wieder in Gefechtssituation, auch wimmelt das kriegsgebeutelte Böhmen nur so von Wegelagerern und Banditen, die uns nach Habe und Leben trachten.

Können wir in solchen Situation nicht auf einen geübten Schwertarm zurückgreifen, sehen wir schnell alt aus. Schließlich gehört das historisch nachempfundene Kampfsystem nicht zu den geschmeidigsten und intuitivsten der Videospielgeschichte: Mit der Waffe unserer Wahl – Schwert, Axt oder Streitkolben – dürfen wir unseren Kontrahenten aus fünf Richtungen mit Hieb- und Stichangriffen zusetzen. Gegnerische Angriffe aus denselben Richtungen lassen sich mit dem richtigen Timing blocken, ausweichen oder sogar kontern.

Gerade zu Beginn des Spiels scheinen aber ausschließlich unsere Gegner zu wissen, wie genau man all das erfolgreich umsetzt – während unsere Lebensenergie nämlich bereits nach wenigen kassierten Treffern auf ein Minimum schrumpft, gehen die meisten unserer Angriffe zielsicher ins Leere. Entsprechend kann das Erlangen von zumindest soliden Kampffertigkeiten zu einer durchaus nervenstrapazierenden Angelegenheit werden. Insbesondere weil Kingdom Come: Deliverance nur an Schlüsselpunkten der Geschichte speichert und manuelles Speichern ausschließlich durch das Konsumieren eines speziellen und gerade anfangs extrem teuren Schnapses erlaubt.

Wer also gerade zu Beginn nicht regelmäßig von plötzlich auftretenden Strauchdieben um wertvolle Spielzeit beraubt werden will, sollte mangelnde Kampferfahrung durch eine robuste Panzerung ausgleichen! Nach Vorbild historischer Rüstungsmonturen dürfen wir hierfür ganze vierzehn Slots mit individuellen Kombinationen aus wattierten Unterkleidungen, Platten- und Kettenzeug sowie Wappenröcken und Co. bestücken, um den ein oder anderen Hieb wegzustecken.



Bohemia anno 1403: eine rustikale Schönheit

Gut gewappnet können wir uns entspannt in die weitläufige Welt von Kingdom Come: Deliverance vorwagen und die fantastische Atmosphäre genießen, welche die mittelalterlichen Wälder, Auen und Städte versprühen. Sei es die auf einem Felsen erbaute Festung Talmberg, die geschäftige Bauhütte des Klosters Sasau oder die rauchenden Trümmer unseres ehemaligen Heimatdorfs Skalitz – jeder Ort der Böhmischen Provinz bleibt uns dank Alleinstellungsmerkmal im Gedächtnis

Und auch wenn wir es hier – zumindest auf Konsolen – nicht mit einem Grafik-Wunder zu tun haben, sorgen Wettereffekte, ein dynamischer Tag-Nacht-Zyklus sowie eine detailverliebte Gestaltung des Environments dafür, dass wir immer wieder gerne verweilen, um die Kulisse auf uns wirken zu lassen.

Auch das außergewöhnlich gute Sounddesign trägt mit seinen ebenso überzeugenden wie vielfältigen Natur- und Umgebungsgeräuschen zu der durchweg dichten Stimmung bei. Gleiches gilt für die Vertonung der Charaktere, welche dank professioneller und zum Teil bekannter Sprecher überwiegend positiv ausfällt. Die hohe Sprecher-Qualität kann dann auch erfolgreich darüber hinwegtrösten, dass die Charaktermodelle und -animationen ein wenig hölzern wirken und die Lippenbewegung zuweilen arg unter Asynchronität leidet.

Dieser Umstand ist umso gewichtiger, da Kingdom Come: Deliverance mit zahlreichen Quests aufwartet, die sich als überaus dialog-lastig erweisen. Nicht selten gilt es, an Informationen zu gelangen und dabei diplomatisches und detektivisches Geschick zu beweisen. So unterhaltsam die zum Teil komplexen, mehrstufigen und mit dem ein oder anderen Twist versehenen Quests auch sind, umso nerviger sind mechanische Unzulänglichkeiten, die uns hin und wieder Aufgaben nicht abschließen lassen oder dafür sorgen, dass Charaktere, für die wir gerade noch unser Leben riskiert haben, nach Abschluss einer Quest nicht mehr wissen, wer wir sind.

Fazit

Kingdom Come: Deliverance wagt den Spagat zwischen historischer Akkuratheit und unterhaltsamem Spieldesign. Während das First-Person-Rollenspiel mit dichter Atmosphäre, interessanten Charakteren und spannender Story punkten kann, wird es die Geduld des ein oder anderen Spielers in Sachen Kampf-, Skill- und Speichersystem gehörig auf die Probe stellen.

Wer hier ein mainstreamiges Blockbuster-Rollenspiel à la Skyrim erwartet, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht. Wer aber bereit ist, dem gestalterischen Ansatz von Kingdom Come: Deliverance zu folgen und manche Sperrigkeit als Teil des Konzepts zu akzeptieren, darf sich auf eine außergewöhnliche und lohnende Rollenspielerfahrung freuen.


UNICUM Gaming-Tipp

kingdom come deliverence packshotKingdom Come: Deliverance

Deep Silver

Erhältlich für: PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows

Ab 16 Jahren

Mehr unter www.kingdomcomerpg.com

Online bestellen (Amazon): Kingdom Come: Deliverance

Artikel-Bewertung:

3.11 von 5 Sternen bei 172 Bewertungen.

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