Wolfenstein Youngblood Review
In "Wolfenstein: Youngblood" kämpfst du in "Neu Paris" gegen die Besetzung der Nazis. | Foto: Bethesda
Autor

12. Aug 2019

Christopher Lymer

Games

Wolfenstein: Youngblood im Test

Launige Koop-Ballerei für Zwischendurch

Vive la révolution!

Amerika ist wieder frei! Dafür hat Serienheld B. J. Blaszkowicz und seine eingeschworene Truppe aus Freiheitskämpfern gesorgt. Doch auch 20 Jahre später befindet sich Europa noch immer im eisernen Griff des Regimes. Dort verliert sich auch jede Spur von B. J., der in geheimer Mission ins von den Nazis besetze Paris aufgebrochen ist und seither nicht gesehen wurde. Fest entschlossen, den berühmten Herrn Papa aufzuspüren, schnappen sich dessen Zwillingstöchter Jess und Soph kurzerhand ein paar Motorrüstungen und begeben sich nach Neu Paris, um sich dort der Resistance und dem Kampf gegen das Regime anzuschließen. Letzterer geht dank flüssigem Gunplay und wuchtiger Soundkulisse übrigens genauso gut von der Hand wie schon zu Zeiten von Blaszkowicz Senior.

Bevor wir es aber richtig knallen lassen, wählen wir noch, welche der beiden Schwestern wir fortan spielen möchten: Dafür absolvieren wir eine knappe Charakteranpassung, bei der wir sowohl kosmetische Aspekte, wie die Rüstungsfarbe und Helmform, als auch Startequipment und -Fähigkeiten festlegen. Dann müssen wir nur noch entscheiden, ob wir uns mit einem Freund, einem fremden Spieler oder der KI-Begleiterin ins Gefecht stürzen wollen – und los geht‘s!

Wolfenstein: Youngblood – ballern, leveln, weiter ballern!

Unser Einsatzgebiet ist fortan das besetzte Paris, das in insgesamt zehn Distrikte unterteilt ist. Zu diesen brechen wir von unserer unterirdischen Operationsbasis auf, in der die Mitglieder der Resistance uns regelmäßig mit neuen Haupt- und Nebenmissionen versorgen. Diese bestehen hauptsächlich darin, uns zu Punkt X durchzuballern, Gegenstand Y zu bergen oder Person Z auszuschalten. Dabei wird unser Kampagnenfortschritt in der von Beginn an frei zugänglichen Spielwelt über ein neu eingeführtes Level-System geregelt, das uns Sektoren mit höherstufigen Gegnern erst bewältigen lässt, wenn wir selbst stark genug geworden sind.

Und das gelingt uns auf zwei Arten: Zum einen sammeln wir für das Absolvieren von Missionen sowie für jeden Kill Erfahrungspunkte, die uns durch regelmäßige Level-Aufstiege mit Fähigkeitspunkten belohnen. Diese dürfen wir innerhalb von drei Talentbäumen in die Freischaltung oder Verbesserung neuer Fähigkeiten investieren. Zum anderen kommen wir durch das Aufsammeln von Beute und das Erfüllen von Missionen an wertvolle Silbermünzen, mit denen wir Modifikationen für unser stetig wachsendes Waffenarsenal erwerben können. Bei den bis zu fünf zur Verfügung stehenden Mod-Plätzen pro Waffe dürfen wir zwischen drei Kategorien wählen, welche ihren jeweiligen Fokus auf "Genauigkeit", "Nachladegeschwindigkeit" oder "Schaden" legen. Entscheiden wir uns hier mindestens für drei Modifikationen derselben Art, schalten wir einen zusätzlichen Waffen-Bonus frei – cool!



Von stumpfen Nazis, geteilten Leben und lässigen Gesten

Trotz des kontinuierlichen und durchaus motivierenden Charakterfortschritts stellt sich jedoch bald schon das Gefühl ein, dass ein strategisches Vorgehen überdies hinaus nahezu überflüssig ist. Das liegt zum einen daran, dass sich alle taktische Finesse bereits darin erschöpft, dass es beim Beharken unserer Gegner vornehmlich darum geht, jene Waffen zu wählen, deren Schadensarten auch zu den jeweiligen gegnerischen Panzerungstypen passen – von denen es im Übrigen nur zwei (!) Varianten gibt. Zum anderen offenbart sich das Verhalten all unserer Kontrahenten – egal ob Kommandant, Sturmsoldat oder Panzerhund – als wenig raffiniert. Da hilft es auch nicht, dass der wachsende Herausforderungsgrad insbesondere in den späteren Spielstunden allein durch die zunehmende Anzahl an schwergepanzerten Bulletsponges erzielt wird.

Immerhin sorgen die Koop-Mechaniken dafür, dass eine Absprache zu einem gewissen Grad nützlich erscheint: So teilen sich Jess und Soph insgesamt drei Leben, welche erlöschen, sobald eine der Schwestern besiegt und nicht innerhalb des vorgegebenen Zeitfensters wiederbelebt wird. Sind keine Leben mehr vorhanden, muss die Mission von neuem begonnen werden. Damit das nicht so schnell passiert, können die Zwillinge Gesten einsetzen, um einen Buff für das Team zu erwirken: Auf diese Weise kann sich das Geschwisterpaar in brenzligen Situationen zum Beispiel heilen, die eigene Panzerung wiederherstellen oder auf eine kurzfristige Unbesiegbarkeit bauen. Das funktioniert mit einem menschlichen Mitspieler übrigens genauso gut wie mit der KI-Begleiterin, welche ihre Fähigkeiten ebenfalls situationsabhängig und sinnvoll einzusetzen weiß.

Wolfenstein: Youngblood – Abenteuer-Spielplatz "Neu Paris"

Befinden wir uns einmal nicht in einem explosiven Feuergefecht, lohnt es sich, die offenen Areale der Pariser Stadtbezirke ausgiebig zu erkunden. Schließlich können wir in den verwinkelten Gassen, Wohnhäusern und Wachstuben nicht nur unzählige Sammelobjekte wie Zeitungsausschnitte, Briefe und ähnliches aufstöbern, sondern auch zahlreiche Kisten voller Munition, Panzerungsplatten und Silbermünzen sowie Zugangscodes für Tresore, Lagerhäuser und Co.

Dabei wird schnell deutlich, dass das Level-Design sein Augenmerk nicht auf einen bloßen Gigantismus legt, sondern vielmehr auf die komplexe Verzahnung vertikaler Ebenen sowie auf eine größtmögliche Freiheit in der Fortbewegung des Spielers. Zu verdanken ist dies den Arkane Studios, die ihre Kompetenzen in Sachen Level-Architektur bereits mit Titeln wie Dishonored und Prey (2017) eindrucksvoll unter Beweis stellen konnten und den Shooter-Experten von MachineGames hier spürbar unter die Arme gegriffen haben. Kein Wunder also, dass den Motorrüstungen der Blaskowicz-Schwestern nun auch eine Doppelsprung-Funktion spendiert wurde, um die neu gewonnene Freiheit erfahrbar zu machen.

What ever happened to the 80’s?

Obwohl die Pariser Straßen mit ihren historischen Fassaden, den vielen kleinen Cafés und Hinterhöfen sowie den martialischen Straßensperren und Wachtürmen des Regimes durchaus ansehnlich sind, wird der spannendsten Prämisse des Settings kaum Rechnung getragen: Wo bleibt denn nun die überzeichnete, vom Einfluss der Hightech-Nazis geprägte Variante der 1980er? Warum finden Dauerwellen, Vokuhila, Neonfarben, Pluderhosen, Schulterpolster und Co. keinerlei Widerhall? Bis auf einige Synth-Pop-Melodien, die hier und da aus den Radiolautsprechern dringen, scheint sich im Wolfenstein-Universum innerhalb der vergangenen 20 Jahre nur äußerst wenig getan zu haben. Vielmehr begegnet uns weiterhin das retrofuturistische World-Design, das wir bereits aus Wolfenstein: The New Colossus kennen. Dasselbe gilt größtenteils für unser Waffenarsenal und die Truppen des Regimes, welche ebenfalls direkt aus dem Vorgänger zu stammen scheinen.

Darüber hinaus gibt sich Wolfenstein: Youngblood auch keine Mühe, seinem Neu Paris als Stadt der Wahrzeichen ein Gesicht zu verleihen. Ob Notre Dame, Louvre, Arc de Triomphe, Montmartre oder die Champs-Élysées – Sightseeing ist in Neu Paris einfach nicht vorgesehen! Und das führt zwangsläufig dazu, dass sich die Kulisse austauschbar und oberflächlich anfühlt. Mal ganz davon abgesehen, dass die französische Metropole einer Totenstadt gleicht, in der es keinen einzigen Bewohner zu geben scheint.

Das alles fällt umso mehr ins Gewicht, da Wolfenstein: Youngblood aufgrund seiner Missionsstruktur sowie seichten Metroidvania-Mechaniken darauf angelegt ist, dass wir dieselben Bezirke im Spielverlauf immer und immer wieder besuchen.

Große Klappe – nix dahinter!

Ähnliche Defizite lassen sich leider auch hinsichtlich der narrativen Qualitäten von Wolfenstein: Youngblood feststellen. Eine fesselnde, erinnerungswürdige Erzählung sowie eine Reihe fantastisch geschriebener Charaktere, wie wir sie von den vorangegangenen Wolfenstein-Spielen gewohnt sind – ja, welche mittlerweile sogar zur zentralen Stärke der Reihe geworden sind – suchen wir hier vergebens.

Schlimmer noch: Gerade unsere Protagonistinnen, die als Charaktere überwiegend durch das Dreschen überzogener Bad-Ass-Parolen oder das Raushauen plumper Gags in Erscheinung treten, wirken nicht nur überaus unglaubwürdig, sondern gehen uns zuweilen sogar ordentlich auf die Nerven.

Fazit zu "Wolfenstein: Youngblood"

Zuallererst: Wolfenstein: Youngblood ist keine offizielle Fortführung der Wolfenstein-Serie – will es auch gar nicht sein! Worum sich hier alles dreht, sind unkomplizierte Koop-Ballereien, schnörkelloses Missionsdesign sowie ein motivierendes Level- und Upgrade-System. Und in dieser Hinsicht macht der Koop-Shooter durchaus eine gute Figur. Ob dies jedoch rechtfertigen kann, dass wir in Sachen World Design, Storytelling und Charakterzeichnung derart viele Abstriche machen müssen, steht auf einem anderen Blatt.

Wenn du auf der Suche nach einem kurzweiligen Koop-Shooter bist, der dir zu jeder Zeit genügend Hirnkapazität lässt, um mit deinem Mitspieler über die Geschicke der Welt zu philosophieren, liegst du mit Wolfenstein: Youngblood genau richtig. Suchst du nach einer komplexen, Story-getriebenen Spielerfahrungen, die dich nachhaltig beeindruckt, solltest du dich besser woanders umschauen.


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Wolfenstein Youngblood PackshotWolfenstein: Youngblood

First-Person-Koop-Shooter

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Artikel-Bewertung:

3.66 von 5 Sternen bei 130 Bewertungen.

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