Incubus Interview
Jose Pasillas (links) und Brandon Boyd von Incubus beim Interview | Foto: Hella Wittenberg
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24. Apr 2017

Hella Wittenberg

Musik

Incubus im Interview: Wir sind das Universum!

"Ich frage Menschen gerne danach, in welcher Sprache sie träumen"

Frisch und munter sitzen Brandon und José vor mir. Kulisse für unser Interview ist das gehobene Soho House in Berlin Mitte. Das Hotel wie auch die Wahnsinnshistorie der Band können schon ziemlich einschüchternd auf einen wirken. Wie spricht man richtig mit diesen Größen? Ganz genau: Man wählt die Fragen, die andere große Künstler in ihren Songtiteln stellen – und los geht’s. Aber Achtung: Es wird philosophisch!

What You Talking About? (Peter Bjorn and John)

Brandon: Mir macht es beim Songschreiben gerade Spaß, dass ich so lange nicht weiß, worüber ich da rede. Das kann ich meist erst beim fertigen Song benennen – wenn überhaupt. Aber ich kann dir sagen, dass ich schon immer viel zu sagen hatte und es mir stets schwerfiel das alles in den normalen Modalitäten der Sprache und Kommunikation auszudrücken. Früher war ich um einiges schüchterner. Gut, ich bin es immer noch, aber ich habe gelernt mich mehr zu öffnen. Als Teenager war ich so schmerzhaft zurückhaltend, dass ich mich entweder gar nicht oder nur mithilfe des Zeichnens auszudrücken konnte. Und so wurden José und ich auch Freunde. Wir mochten es beide zu surfen, zu skaten, aber vor allem uns über’s Zeichnen mitzuteilen. Inzwischen kann ich mich anders und besser ausdrücken, trotzdem ist der Anfang immer gleich. Da gibt es immer nur ein kleines Etwas, bei dem ich erst mal schauen muss, was es werden könnte, wenn ich es weiter arrangiere. Ich habe also gelernt bei meiner Kunst erst ein Wissenschaftler und dann ein Architekt zu sein. Je älter ich werde, desto klarer und kohärenter kann ich auch meine Gedanken formulieren.

José: Das ist besonders wichtig für unsere Band. Wenn wir uns den anderem gegenüber nicht richtig mitteilen könnten, wären wir nicht mehr zusammen. Aber ich finde auch spannend, dass so ein Songtext für jeden etwas anderes bedeuten kann. Jeder kann eine komplett andere Beziehung zu einem Stück entwickeln.

Brandon: Stimmt. Das ist auch ein interessanter Gedanke in Bezug zur Sprache. Man weiß nur, was jemand wirklich fühlt und ausdrücken will, wenn man die gleiche Sprache spricht. Deshalb will ich auch ganz viele Sprachen lernen. Ich bin so neidisch auf meine polyglotten Freunde. Ich wünschte, ich hätte dieses besondere Talent. Ich frage Menschen auch gerne danach, in welcher Sprache sie träumen. Meine polyglotten Freunde träumen meist in mehreren Sprachen. Das heißt, dass sie die Kapazität haben, in viel mehr Perspektiven und Schichten zu denken, als ich es mir je vorstellen könnte.

Who Could I Be? (Serafin)

José: Momentan arbeite ich daran mein Potential mehr auszuschöpfen. Ich möchte gerne noch viel geduldiger und empathischer werden. Ich habe eine achteinhalbjährige Tochter und da sind das die zwei Dinge, die ich am meisten brauche. Aber zuerst habe ich mit Incubus gelernt, ein offenerer und geduldigerer Mensch zu sein. 

Brandon: In einer Band braucht man Geduld auf Superheldenlevel. Vor allem Geduld mit sich selbst.

"Näher als mit einem Kaffee kommt man dem Glück von außen nicht"

What Difference Does It Make? (The Smiths)

Brandon: Ich habe schwache Momente, in denen ich Morrisseys Borderline- und Nihilistensicht teile. Da glaube ich, dass wir eh alle sterben und rein gar nichts einen Unterschied macht. Aber normalerweise sehe ich das so: Alles macht den Unterschied! Jede noch so kleine Interaktion, jede winzige Sache, die irgendwo irgendwie mal aufkam, ist eine Chance eine Blume in eine schönere Richtung wachsen zu lassen. Diese Grundeinstellung lässt mich mit einem offenen Blick für genau solche Referenzen durchs Leben laufen. Durch diese Einstellung konnte ich bisher stets meine Beziehungen und meine Kommunikation mit anderen Menschen verbessern. Weil ich sie so besser wahrnehme und akzeptiere – genauso wie mich selbst.

What Condition Am I In? (Miles Kane)

Brandon: Man hat mir ins Gesicht geschlagen, ich bin hungrig, habe Jetlag, aber ich fühle mich trotzdem super. Ich bin stolz darauf, wo wir gerade mit der Band sind. Alles ist perfekt.

When Were You Happy? (Laura Marling)

Brandon: Oh, ich habe Laura Marling gerade erst für mich entdeckt. Ich liebe ihre Musik! Also Laura, wann war ich glücklich? Ich glaube, ich bin es dann, wenn ich gerade nicht so viel nachdenke. Beim Fahrradfahren, beim Surfen, beim Songschreiben. Es gibt diese Momente, in denen ich ganz und gar auf eine Sache konzentriert bin und dabei alles andere nicht existent ist. Da gibt es keine Sorgen, nichts beunruhigt mich. Ich bin einfach nur frei.

José: Mich macht der erste Kaffee am Morgen so richtig glücklich. Dazu noch ein gutes Buch und alles ist perfekt.

Brandon: Das ist so wahr! Näher als mit einem Kaffee kommt man dem Glück von außen nicht.

Incubus 8 Album

Keanu Reeves schauen Brandon und Jose von Incubus gerne beim Rennen zu

What Are You Waiting For? (Disturbed)

Brandon: Ich warte wohl darauf, endlich bereit zu sein. Oder wie es Patrick Swayze am Ende des Films "Point Break" so schön sagt: "I am just waiting for my set."

José: Der Film ist so schlecht, dass er schon wieder gut ist!

Brandon: Und ist dir aufgefallen, dass Keanu Reeves in jedem Film extrem viel rennt? Wir lieben es aber auch, Keanu beim Rennen und Schießen zuzusehen.

José: Und Brad Pitt beim Essen zu beobachten.

Brandon: Nur so kann Brad zeigen, was er für ein starkes Gebiss hat! Und Tom Cruise gucken wir auch gerne beim Rennen zu. Der macht ja quasi nichts anderes. Wovor er wohl wegläuft?

Who’s Producing You? (Ty Segall)

Brandon: Mein erster Gedanke war: Ich produziere mich natürlich selbst. Aber das ist so eine fette Lüge. Ich bin ein Produkt von den Einflüssen meiner Eltern, meines Bruders, meiner Großeltern, meiner besten Freunde, von den Büchern, die ich lese, von den Filmen, die ich schaue, den Nachrichten, die ich lese, dem Essen, das ich zu mir nehme, der Luft, die ich atme. Wir Menschen sind ein kleines geniales Ökosystem, das mit anderen, größeren Ökosystemen interagiert, die wiederum mit noch größeren interagieren und das geht immer so weiter. Die Frage wäre also, wer produziert mich nicht? Jeder von uns ist das Universum.


Albumcover Incubus 8UNICUM Musiktipp

8

Incubus

Island Records

VÖ: 21. April 2017

Artikel-Bewertung:

3.47 von 5 Sternen bei 70 Bewertungen.

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