Philipp Poisel Mein Amerika
Philipp Poisel (vorne) und seine Band | Foto: Christoph Köstlin
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13. Feb 2017

Alexander Lemonakis

Musik

Philipp Poisel: "Ich will mich weiter ausprobieren"

UNICUM: Philipp, wir sind auf der mythenumrankten Reeperbahn in Hamburg. Fühlst du dich hier wohl?
Philipp Poisel: Ich habe natürlich auch mit meinen Jungs den einen oder anderen Kiez-Trip gemacht, aber das war immer ganz harmlos (lacht). Ich mag das Stadtbild von Hamburg sehr: Den Hafen, die Cafés und den schönen Bahnhof. Ich bin sehr gerne hier und die Reeperbahn und der Kiez sind immer ne spannende Ecke!

2010 ist dein letztes Album erschienen. Warum mussten deine Fans mehr als sechs Jahre auf dein neues Album warten und was hast du eigentlich so gemacht in der Zeit?
Ich habe viel Zeit dafür gebraucht, eine sinnvolle Aufgabe für mich zu finden. Ich habe zum Beispiel auch in sozialen Einrichtungen und mit Jugendlichen gearbeitet. Es gab kritische Zeiten in den sechs Jahren, in denen ich antriebslos war, keinen Bock hatte, morgens aufzustehen und Orientierung gesucht habe. Ich habe in den Jahren nach "Projekt Seerosenteich" nur ganz wenige Konzerte gespielt und mir einen eigenen Alltag geschaffen. Teilweise war ich es auch Leid, Musik zu machen, da die Erwartungen an mich sehr hoch waren.



Ich war viel in der Natur, habe gemalt und neue Dinge ausprobiert

Das klingt fast nach einem Karriereende. Hast du dich von der Musik und einem Leben als Musiker entfernt?
Mir war schon klar, dass ich irgendwann ein neues Album mache, allein, weil ich tierisch Bock hatte, auf Tour zu gehen. Aber mir war nicht klar, woraus das neue Album bestehen soll. Und dann hab ich mich auf die Suche begeben: Eigentlich auch ein bisschen auf die Suche nach mir selbst. Ich war viel in der Natur, habe gemalt und neue Dinge ausprobiert: Das hat mir extrem geholfen, neue Ideen zu entwickeln und Songs zu schreiben. Ich hatte wieder Visionen im Kopf. Ich hatte manchmal schon vergessen, wie es ist auf Tour zu sein. Aber meine Band und mein Umfeld haben mich positiv gepusht!

Dein Album trägt den Titel "Mein Amerika" – nach der Trump-Wahl scheinen wir alle ein anderes USA-Bild zu haben. Wie siehst du die USA?
Ich verbinde mit Amerika epische Bilder aus Filmen und natürlich Musik. Meine Band und ich waren für die Albumaufnahme auch in Nashville (USA). In dieser Stadt lebt die Musik einfach: Jeder macht Musik, spielt Gitarre und wir wussten sofort, dass wir hier richtig sind und haben das total aufgesogen.

Privat hat sich Philipp Poisel für die neue Platte bei Facebook abgemeldet

Stichwort: Richtig sein und dazugehören. In dem Video zu deiner aktuellen Single "Zum ersten Mal Nintendo" sieht man Kinderfotos von dir, es geht um Heimat und die eigenen Wurzeln. Du wohnst immer noch in deinem Geburtsort Ludwigsburg. Das ist eher ungewöhnlich für einen Musiker. Warum wohnst du nicht in Berlin oder in einer anderen angesagten deutschen Großstadt wie viele deiner Kollegen?
Ich genieße es, in meiner Heimat Kumpels zu treffen, auf den Markt zu gehen und ruhig zu leben. Gerade wenn es um meine Musik und ums Schreiben geht, bin ich dort nicht so abgelenkt. Ich habe für die aktuelle Platte mein iPhone abgeschafft und mich privat bei Facebook abgemeldet. Das handhabe ich schon seit zwei oder drei Jahren teilweise so, weil mich vieles einfach ablenkt, besonders in Großstädten wie in Berlin. Ich muss mich für meine Musik zurückziehen können. Das hier ist meine Homebase.

Viele Menschen stellen sich das Leben als Musiker so vor, dass man morgens ausschlafen kann, abends Konzerte hat und danach Party machen kann...
Es ist natürlich schon teilweise so. Aber viele Leute kommen da gar nicht mehr von runter, heben total ab und posten eine Milliarde Instagram-Bilder von sich am Tag.

Nach dem Abitur wolltest du Realschullehrer für die Fächer Englisch, Kunst und Musik werden. Du bist an der Aufnahmeprüfung im Fach Musik gescheitert. Philipp, Hand aufs Herz, was war da los?
Ich weiß bis heute nicht woran ich in der Prüfung gescheitert bin (lacht). Die Ergebnisse habe ich nie gesehen. Ich hatte anscheinend die fachliche Kompetenz nicht, die Motivation war da! Mein Wunsch war es einen Musikunterricht zu machen, zu dem die Leute gerne hingehen. Aber ich kann mir durchaus vorstellen nochmal zu studieren.



"Ich würde auch gerne später selbst mein eigenes Haus entwerfen und bauen"

...und was würdest du heute studieren?
Architektur finde ich sehr spannend! Ich habe im Berufskolleg Grafik-Design gelernt, das war damals eine Ausbildung plus Fachhochschulreife, und ich interessiere mich sehr für Design und Gestaltung. Nur wenige wissen, dass ich auch mal bei einem Comic-Illustrator gearbeitet habe. Ich würde auch gerne später selbst mein eigenes Haus entwerfen und bauen.

Wie sehen deine Eltern deine Musikkarriere?
Meinen Eltern ist es wichtig, dass ich glücklich bin und natürlich machen die sich auch ab und zu Sorgen und fragen mich, ob mir die Musik noch Spaß bringt und ob ich noch genug Geld auf meinem Konto habe (lacht). Das hat sich aber auch geändert: Früher hieß es, wenn ich meine Hausaufgaben machen sollte, "Pack mal die Gitarre beiseite." Heute ist es andersrum: "Müsstest du nicht ein bisschen Gitarre üben?"(lacht)

Nimmst du dir jetzt nochmal sechs Jahre Pause bis zur nächsten Platte?
Gute Frage! Teilweise wusste ich ja gar nicht mehr, ob da draußen überhaupt jemand auf meine Musik und mich wartet. Ich kann die Frage auch nicht beantworten und lasse mich selber überraschen. Ich will mich weiter ausprobieren und lerne gerade Schlagzeug.


Philipp Poisel kurz & knapp

  • Philipp war als Kind Mitglied in einem Chor, erntete für seinen Gesang mehrmals negative Kritik und verließ den Chor dann wieder.Mein Amerika CD Cover
  • Die Mitte September 2016 veröffentlichte Single "Erkläre mir die Liebe" stieg direkt in die TopTen der deutschen Charts ein, verkaufte sich bisher über 100.000 Mal und hat über 7 Millionen Klicks auf YouTube.
  • Der Chef von Philipps Label "Grönland Records" ist Herbert Grönemeyer.
  • Als Straßenmusiker reiste Philipp durch diverse Länder Europas und verdiente so seinen Lebensunterhalt.
  • Der heimatverbundene Schwabe bezeichnet sich selbst als "Technik-Nerd" und hängt stundenlang in Internetforen über Technikthemen ab.
  • Mehr unter www.philipp-poisel.de

Philipp Poisel Tour 2017:

27.03. Lingen, Emslandarena
28.03. Hannover, Tui Arena
29.03. Hamburg, Barclaycard Arena
31.03. München, Olympiahalle
01.04. Stuttgart, Schleyerhalle
03.04. Berlin, Mercedes-Benz Arena
04.04. Leipzig, Arena
05.04. Wien, Stadthalle
07.04. Bamberg, brose Arena
08.04. Köln, Lanxess Arena
09.04. Bielefeld, Seidenstickerhalle
11.04. Oberhausen, König-Pilsener-Arena
12.04. Frankfurt, Festhalle
30.06. Bad Mergentheim, Schlosshof
01.07. Bluetone Festival, Straubing
02.07. Mainz, Volkspark
13.07. Graz (A), Freiluftarena Messe
14.07. Linz (A), Domplatz
20.07. Emmendingen, Schlossplatz
21.07. Ulm, Münsterplatz
29.07. Mönchengladbach, SparkassenPark
06.08. Schwetzingen, Schlossgarten
18.08. Braunschweig, BraWo-Bühne
24.08. Dresden, Elbufer
26.08. Magdeburg, Domplatz

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