Interview Nora Tschirner
Taryn Brumfitt (links) und Nora Tschirner verstanden sich auf Anhieb super | Foto: Majestic

Zündstoff

16.08.2016

Feminismus heute

Es wird Zeit für modernen Feminismus!

Zwischen #aufschrei und Pinkstinks

Fällt heutzutage der Begriff "Feminismus" verdreht manch einer genervt die Augen. "Frauen dürfen wählen gehen und auch sonst alles machen, was sie wollen. Was wollt ihr d ... mehr »

Autorenbild

04. Mai 2017

Ann-Christin Kieter

Promis & Interviews

Embrace: Nora Tschirner gegen den Schönheitswahn

Interview zum DVD-Start am 18. Mai

Nora tut es weh, wenn jemand an sich rummäkelt

UNICUM: Du hast mal gesagt, auf deiner Visitenkarte müsste auch "Absagerin" stehen. Warum konntest du "Embrace" absolut keine Absage erteilen?
Nora Tschirner: Das Thema hat mich schon lange beschäftigt – nicht nur in meinem Berufsfeld, was ja eine sehr auf Äußerlichkeiten bezogene Branche ist –, sondern tatsächlich noch viel mehr in meinem privaten Umfeld. Sich kleinmachen, sich schlechtmachen, gemein zu sich sein – das hast du überall. Ich bin mittlerweile so sensibilisiert, dass es mir richtig wehtut, wenn das jemand mit sich macht. Ich zucke dann zusammen, als würde ich selbst einen Stromschlag bekommen.

Als ich von Taryns Kickstarter-Projekt hörte, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich hab das auch monetär gezeigt. Sie wiederum fand das wohl ganz spannend und hat sich gefragt, wer sie denn da aus Deutschland so unterstützt? Dann kamen wir in Kontakt, haben uns megagut verstanden und ich wuchs immer mehr in das Team herein. Da dachte ich mir: Komm, ich steige als Executive Producer ein und hole den Film auch nach Europa. 


Embrace Taryn Brumfitt


"Ich fand es immer peinlich, Diät zu halten"

Wäre der mutige Schritt von Taryn, in dieser Art und Weise an die Öffentlichkeit zu gehen, auch etwas für dich gewesen oder ist dir das zu privat?
Ich bin schon sehr froh, dass sie das gemacht hat. Das Nacktsein wäre gar nicht so das Problem – in "Keinohrhasen" saß ich nackt auf dem Klo, diese Brücke ist also überschritten. Aber sie geht eben auch transparent mit ihrer Familie um. Das ist nichts für mich. Es ist schon praktisch, dass ich Taryn immer vorschieben kann: "Guck mal hier, was SIE sagt!"

Wie stehst du denn selber zu deinem Körper? Crash-Diäten, Kalorienzählen, Sport um 5 Uhr morgens – kommt dir das bekannt vor?
Nee, da hat mir eine andere Eitelkeit geholfen. Nämlich die, dass ich es immer peinlich fand, jemand zu sein, der Diät hält. Trotzdem kenne ich solche Gedanken. Für einen Film vor ein paar Jahren mit vielen Nacktszenen hatte ich einen Personal Trainer, weil ich mich besser fühlen wollte. Schon in diesen zwei Monaten habe ich irre "Erfolge" erzielt. Aber was mich in der Zeit wahnsinnig gemacht hat: die absolute Verschiebung deines Fokus. All deine Gedanken drehen sich nur darum, was du wann wie essen kannst. Es fraß mein Leben total auf. Dann gab es für mich erstmal eine Gegenbewegung.

Heißt das, du achtest jetzt gar nicht mehr darauf?
Mittlerweile habe ich von innen heraus ein Bedürfnis nach Sport. Ich fange langsam an, Sport präventiv zu machen, weil ich merke, dass mir mein Körper so manche Moves nicht mehr verzeiht und ich ihn einfach pflegen möchte. Am liebsten würde ich im Alter gar keinen Rollator brauchen, aber wenn, würde ich lieber mit einer aufrechten Haltung daran gehen können, damit ich so viel wie möglich von der Welt sehen kann. Das sind so Überlegungen. Aber Diäten und so ein Schnickschnackschnuck – nein! Diese ganzen, fiesen, ekligen Gedanken kenne ich allerdings auch von früher. Zum Beispiel, dass ich in meinen Phasen mit zwei Schachteln Zigaretten am Tag toll fand, weniger Appetit zu haben.



UNICUM Film Tipp

Embrace – Du bist schön (OmU)

Doku, Australien 2016

Regie: Benjamin Speed

Darsteller u.a.: Taryn Brumfitt, Hugh Fenton, Nora Tschirner

Verleih: Twentieth Century Fox / Majestic

Heimkinostart: 18. Mai 2017

Online bestellen (Amazon): Embrace

Weitere Infos zum Film: http://www.facebook.com/embrace.derfilm

 


"In meiner Wohnung gibt es keine leicht zugänglichen Spiegel"

Wenn du Fotos von dir siehst, wie oft würdest du gerne mit Photoshop loslegen?
Den Impuls gibt es ab und zu. Ich nehme ihn dann sehr bewusst zur Kenntnis und lasse ihn ins Leere laufen. Das kann man ganz gut üben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich bei aktuellen Fotos immer was zu kritisieren hatte. Und wenn ich das Bild dann drei Jahre später gesehen habe, fand ich es eigentlich doch ganz gut. Da dachte ich mir: Kannst du das nicht einfach mal direkt gut finden? Außerdem zeigen Fotos immer nur so 14 Prozent von dem, was man ist und wie man auf die Welt wirkt. In meiner Wohnung gibt es übrigens keine leicht zugänglichen Spiegel. Das ist wahnsinnig entspannend. Im Internet kursiert doch dieses Bild, wo über dem Waschbecken kein Spiegel hängt, sondern nur geschrieben steht: You look fine. Das liebe ich! Also ich gehe maximal mal gucken, ob ich schwarze Körnchen zwischen den Zähnen habe, wenn ich gerade ein Mohnbrötchen gegessen habe.

Wie gut konntest du dich als "hässliches Entlein" Anna Gotzlowski in "Keinohrhasen" sehen?
Das war eine sehr positive Erfahrung. Ich meine, ich wurde ja nicht auf hässlich geschminkt mit Warzen und so, sondern war einfach immer nur zwei Minuten in der Maske. Das "hässliche Entlein", das den ganzen Film über da war, war also ich. Das Geile an dem Film ist doch, dass Anna einfach ein bisschen schlumpfig angezogen ist, weil sie das irgendwie schön findet. Sie sieht zwar nicht aus wie aus dem Katalog, ist aber trotzdem irgendwie die Coolste. Insofern: Megaerfahrung! Ich geh nie in die Maske und am Ende ist halb Deutschland in mich verliebt.

Glaubst du eigentlich, dass die Leute dich als Testimonial für die Doku akzeptieren? Ich könnte mir vorstellen, dass einige denken: "Die hat gut reden, die ist doch so hübsch und schlank und beliebt."
Na ja, dass du überhaupt auf die Frage kommst, zeigt ja schon, dass es eventuell nicht so sein könnte. Aber es gibt schon jetzt ein unglaubliches Feedback auf den Trailer, die Leute flippen total aus. Dass viele über meine Facebook-Seite darauf kamen, zeigt, dass ich offensichtlich schon mal nicht bremse. Bei den ersten Kommentaren war tatsächlich jemand dabei, der geschrieben hat: "Aber du hast das Problem ja auch nicht …" Ich hab sofort geantwortet, dass das ein Totschlagargument ist. Woher wollen die Leute denn wissen, wie es in mir aussieht? Vielleicht habe ich auch Probleme mit einem zu kleinen Busen, Cellulitis oder damit, dass ich so schlecht bräune. Es geht eben nicht ums Äußere, sondern darum, wie ich zu mir selber stehe.

Ein Semester Islamwissenschaften als Lebenshilfe

Du hast vorhin schon die Crowdfunding-Plattform Kickstarter angesprochen. Warum treibst du dich da so gerne rum?
Das ist so herrlich! Ich arbeite total gerne unabhängig von irgendwelchen Strukturen und liebe diesen kurzen Dienstweg: "Was machst du da? Find ich geil! Mach ich mit! Hier hast du Geld! Mach mal!" Dass sich Leute finden und so ein Gruppen-Ding entsteht, ist einfach wunderbar.

Du hast mal ein Semester Islamwissenschaften studiert  – und zwar mit der Begründung, dass du merkst, du beginnst dich einem bestimmten Teil der Welt zu verschließen. Hast du im Studium eine befriedigende Antwort für dich gefunden?
Absolut. Ich habe auf jeden Fall den Zugang gefunden und weiß, wo ich mich informieren kann. Gleichzeitig hat es mir auf einer anderen Ebene eine Struktur gezeigt, die ich vorher nie hatte. Ich bin aus der Schule raus und dann kam hier mal ein Projekt und da mal eins. Manchmal wurde ich 6 Uhr abholt und manchmal um 16 Uhr. Zur Abwechslung ein halbes Jahr lang eine gewisse Struktur zu haben und dadurch auch ein bisschen Lebenshilfe zu bekommen, das war genau richtig. Und auch wenn ich es jetzt nicht mehr kann, war es toll, Arabisch zu lernen.

Hast du jemals "ernste" Karrierepläne neben der Schauspielerei gehabt?
Irgendwie habe ich von Hause aus genug Zutrauen mitbekommen, dass es einfach laufen wird. Deswegen habe ich mir keinen Stress gemacht. Die Jungs hatten ihren Zivi und ich wollte auch ein Jahr lang nichts Schulisches machen und schauen, was so passiert. Wenn nichts passiert wäre, wäre ich vielleicht halbherzig auf die Schauspielschule gegangen. Aber in dem Jahr habe ich gejobbt und es passierte alles. Das, was ich jetzt mache, dieses Filmemacher sein, Projekte anschieben und produzieren, gesellschaftspolitisch wirken, Sachen Gehör verschaffen, das ist total meins.


Nora Tschirner Embrace

Nora Tschirner kurz & kompakt

  • Die Schauspielerin und frühere MTV-Moderatorin wurde 1981 in Ost-Berlin geboren.
  • Nach dem Abi ist sie einfach von einem Projekt zum nächsten gestolpert. Ein Schauspielstudium wäre für sie nur eine "halbherzige Notlösung" gewesen.
  • Aus reinem Interesse hat sie mal ein Semester Islamwissenschaften studiert und dabei sogar Arabisch gelernt.
  • Eine ihre bekanntesten Kino-Rollen ist die Anna Gotzlowski aus "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken".
  • Seit 2013 bildet Nora zusammen mit ihrem Kumpel Christian Ulmen das Ermittler-Duo Lessing / Dorn im polarisierenden Tatort aus Weimar.
  • Sie ist mit Alexander Fehling zusammen, hält ihr Privatleben ansonsten aber sehr aus der Öffentlichkeit raus.
  • Mehr zu ihr: facebook.com/noratschirner/

Artikel-Bewertung:

3.17 von 5 Sternen bei 129 Bewertungen.

Deine Meinung: