Ibeyi Interview
Ibeyi schreiben, singen und produzieren ihre Songs selbt | Foto: Hella Wittenberg
Autor

21. Dez 2018

Hella Wittenberg

Promis & Interviews

Ibeyi im Interview

"Wir pushen uns ständig etwas weiter!"

Ibeyi: "Die Bühne hat uns stärker gemacht"

Auf mittlerweile zwei Alben haben Ibeyi einen Mix aus Ethnopop, Yoruba und R’n’B-Elementen zusammengebracht, der wiederum jegliches Schubladendenken unmöglich macht. Das Duo live zu erleben, ist noch einmal eine ganz andere Nummer: Die Vermischung ihrer Stimmen mit Trommeln und Synthesizern gibt dem Ganzen sogar eine kirchliche Note. Hier wird mit aller Inbrunst gegen Diskriminierung und Rassismus gepredigt. Was treibt die Zwillinge sonst noch an, außer der Kampf gegen Ungerechtigkeit?

Kann man auf Tour erwachsen werden?
Lisa-Kaindé: Auf jeden Fall. Die Bühne hat uns stärker gemacht. Dort haben wir gelernt, was wir sagen möchten – und wie wir das tun müssen. Ich habe so zu mir selbst gefunden. Auch dadurch, dass ich die Songs so oft live gesungen habe, bis ich zu einer neuen Bedeutung durchgedrungen bin. So lernt man Dinge über sich selbst.

Was lernt man da zum Beispiel?
Lisa-Kaindé: Ich glaube, Naomi hat so zuletzt gemerkt, dass sie wirklich eine Sängerin ist, oder?

Naomi: Ich weiß, was du meinst, trotzdem würde ich mich nie trauen, mich eine Sängerin zu nennen.

Lisa-Kaindé: Aber ich habe doch gemerkt, wie sehr du es liebst zu singen. Und dass du den Willen und die Stimme hast, da noch mehr herauszuholen.

Selbstzweifel trotz Künstler-Status?

Was bestärkt euch?
Naomi: Wir bestärken uns gegenseitig. Es tut so gut immer seine Zwillingsschwester um sich zu haben. Allein wäre alles schwerer. Da würden bei mir noch mehr die Selbstzweifel durchkommen. Aber ich denke, die haben die meisten Künstler. So richtig selbstbewusst ist doch keiner.

Lisa-Kaindé: Kanye West ist selbstbewusst.

Naomi: Das glaube ich eben nicht!

Lisa-Kaindé: Vielleicht stimmt das ja. Zumindest muss man dazu in der Lage sein, auch mal an sich zu zweifeln, um überhaupt ein wahrer Künstler werden zu können. Wir sind ziemlich harsch im Umgang miteinander, um uns so zu bestärken. Das geht sogar manchmal so weit, dass ich denke, wir sollten vielleicht doch lernen, netter zu sein.

Naomi: Aber so pushen wir uns wenigstens immer noch ein bisschen weiter. Es ist ein wirklich rarer Moment, wenn man uns sagen hört, dass etwas großartig war. Wir kritisieren uns lieber, anstatt Komplimente zu verteilen. Und wenn wir mal nicht klar sehen, dann hilft uns unsere Mutter dabei. Sie ist immer da und nimmt sicher kein Blatt vor den Mund. Wenn etwas scheiße ist, dann sagt sie uns das auch genau so. Ich finde, das ist der richtige Weg.

Wie bildet ihr euch weiter?
Lisa-Kaindé: Wir lesen viel, gehen in Ausstellungen, hinterfragen Dinge.

Naomi: Auf Tour ist das gar nicht mal so leicht. Da lebt man in seiner eigenen Blase. Manchmal kommen wir dann nach Hause und erst unsere Oma muss uns erzählen, was alles in der Zwischenzeit passiert ist.

Lisa-Kaindé: Wenn wir unterwegs sind, lernen wir eher über die Menschen. Wir lernen unsere Fans und damit auch ihre Sichtweise auf die Welt kennen. Das finde ich immer wieder spannend.


Ibeyi River


"Instagram spielt mit unseren Wertvorstellungen"

Social Media könnte auch helfen, um immer auf den neuesten Stand zu sein, oder?
Lisa-Kaindé: Ich versuche es zu vermeiden, mich zu viel in sozialen Netzwerken aufzuhalten.

Naomi: Das kann ich nicht. Ich bin total süchtig. Das hat gute und schlechte Seiten. Zum einen habe ich so die Möglichkeit, mir über wirklich alles Wissen anzueignen. Zum anderen weiß ich dabei nie so genau, ob dieses Wissen, das da online bereitsteht, auch der Wahrheit entspricht. Wenn man es genau nimmt, wissen wir nur, was man uns wissen lassen will. Aber ist das nicht immer noch mehr, als das, was beispielsweise unsere Großeltern hatten?

Lisa-Kaindé: Ich habe das Gefühl, dass wir am Ende doch nichts wissen. Und wofür soll zum Beispiel Instagram gut sein? Die Plattform spielt nur mit unseren Wertevorstellungen. Plötzlich finden wir das kuratiert perfekte Leben der anderen erstrebenswerter als das, was wir haben. Aber warum soll das immer besser sein?

Naomi: Ich gebe dir vollkommen Recht, nur bin ich trotzdem abhängig davon. Manchmal scrolle ich da so durch, ohne wirklich zu gucken. Das ist so schlimm! Noch schlimmer sind nur die kleinen Kinder, die jetzt schon genau wissen, wie man ein Smartphone bedient, aber dafür nicht richtig sprechen können.

Lisa-Kaindé: Wir sollten feste Regeln haben. Es sollte bestimmte Zeiten geben, in denen das Internet Tabu ist. Meiner Meinung nach hat das Smartphone auch nichts im Schlafzimmer zu suchen. Es geht nicht, dass wir ständig nur stumpf auf’s Handy gucken. Mir fehlt da die bewusste Entscheidung. Immer wird auf ein Like gewartet und alles muss auch so kurartiert sein, dass man von möglichst vielen Menschen gemocht wird. Aber so findet man nicht zu sich selbst. Dazu bräuchte man schon echte Kunst. Oder Bücher, Musik, Filme. Die bringen einen wenigstens zum Denken. Zum Überdenken. Dadurch merkt man, wer man ist und wer man sein möchte.

Der Vergangenheit ins Gesicht sehen und Fakten anerkennen

Welcher Film hat euch zuletzt zum Überdenken gebracht?
Lisa-Kaindé: "Blackkklansman". Der war extrem intelligent gemacht. Ich hatte das Gefühl, der ganze Film war eine Einleitung für die letzten fünf Minuten.

In Berlin sind viele Menschen aus dem Kino gegangen, als die letzten fünf Minuten mit den echten Aufnahmen von den Ausschreitungen während der rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville 2017 gezeigt wurden.
Lisa-Kaindé: Weil diese reale Gewalt schwer zu ertragen ist. Die weißen Amerikaner können der Wahrheit auch nicht ins Gesicht schauen, genauso wenig wie ihrer Vergangenheit. Sie wollen damit nichts zu tun haben, weil sie ja zu dem Zeitpunkt nicht da waren und nichts getan hätten. Aber wir wollen, dass sie die Fakten anerkennen. Schwarze werden aufgrund ihrer Hautfarbe in Amerika getötet. So etwas passiert. Auch jetzt noch. Das ist Fakt.



Ibeyis Oma gehört auf einen Geldschein

Welche Person würdet ihr gerne auf einem Geldschein sehen?
Lisa-Kaindé: Menschen, die ihre Zeit damit verbringen, Gutes für die Allgemeinheit tun. Selbst dann, wenn ihre Taten von den meisten nicht gesehen werden.

Naomi: Unsere Großmutter sollte auf einem Geldschein zu sehen sein!

Warum?
Lisa-Kaindé: Sie hat eine Non-Profit-Organisation geleitet, die es möglich machte, dass mit Kindern in Flüchtlingslagern gespielt wurde. Sie sollten so lernen, wieder Kind zu sein und Wege finden, ihr Trauma zu überwinden. Aber auch sonst hat sie viele großartige Dinge überall auf der Welt getan.

Wie können wir anderen helfen und uns damit vielleicht auch?
Lisa-Kaindé: Oft wissen die Menschen nicht, wie sie helfen können, selbst wenn sie wollen. Aber die kleinen Dinge kriegt doch jeder hin. Also Kompost trennen, einer Person über die Straße helfen oder jemandem ein Lächeln schenken, der es gerade braucht.

Naomi: Es gibt ja Leute, die nichts tun wollen. Aber das sind auch die, die glauben, der Klimawandel sei nicht real.

Lisa-Kaindé: Da kann ich nur sagen: Bilde dich selbst weiter. Nicht alles, was gesagt wird, stimmt. Schaue für dich selbst!

"Frauen müssen noch sichtbarer werden!"

Welches Thema interessiert euch aktuell besonders?
Lisa-Kaindé: Frauenrechte, von früher bis heute. Es beschäftigt mich schon lange, wie es sein kann, dass Frauen immer noch nicht gleichgestellt sind, obwohl wir die Hälfte des Planeten ausmachen. Und wie geht es, dass selbst jetzt noch Sexisten große Macht haben? Ich versuche das zu verstehen, aber finde es einfach nur unfassbar. Frauen müssen noch sichtbarer werden.

Fühlt ihr euch genug gesehen?
Naomi: Ja. Weil wir stark auftreten und zu zweit sind.

Lisa-Kaindé: Und wir lassen nichts durchgehen. Ein Journalist meinte mal zu uns: "Ihr werdet ja als Zwillinge vermarktet." Das habe ich ihn direkt unterbrochen und ihm erklärt: "Wir werden nicht im Geringsten vermarktet. Wenn das einer machen könnte, dann höchstens wir selbst. Und wir sind übrigens tatsächlich Zwillinge." Nur wenn man jung und weiblich ist, haben die Leute oft das Gefühl, man würde nichts selbst tun. Ich erinnere mich an ein Gespräch ganz am Anfang unserer Karriere, bei dem uns gesagt wurde, wir müssten sichergehen, dass die Leute wissen, das wir selbst unsere Instrumente spielen, selbst die Songs schreiben und auch mitproduzieren. Denn wenn wir das nicht sagen würden, würde man automatisch vom Gegenteil ausgehen. Aber mittlerweile haben wir allen sehr wohl gezeigt, wozu wir fähig sind.


"Ash" von Ibeyi anhören:

Artikel-Bewertung:

2.93 von 5 Sternen bei 40 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung: