Snow Patrol Interview
Nach sieben Jahren escheint am 25. Mai 2018 das neue Album "Wildness" | Foto: Universal Music
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15. Mai 2018

Simone Zettier

Promis & Interviews

Snow-Patrol-Sänger Gary Lightbody: "Ich musste die ganze Zeit heulen!"

Keine Liebeslieder mehr: Gary Lightbody ist zu lange Single

UNICUM: Ihr habt sieben Jahre an dem siebten Snow Patrol Album gearbeitet. Was denkst du selbst über "Wildness", das am 25. Mai erscheint?
Gary Lightbody: Es ist sicher ein sehr hoffnungsvolles Album, aber ich musste einiges durchmachen, um es fertig zu stellen. Diesmal wollte ich über etwas anderes schreiben. Lange Zeit war die Liebe eines der Hauptthemen: Verlust der Liebe, fehlende Liebe, Sehnsucht nach Liebe, Ursprung der Liebe … Aber mittlerweile bin ich seit acht Jahren Single, da war dies keine Option. Denn sonst müsste ich lügen. Es kam mir nicht einmal in den Sinn, über etwas zu schreiben, dass grad so deprimierend ist.   

Hast du irgendwann auch den Druck gespürt, endlich etwas Neues zu veröffentlichen? Von deinen Bandkollegen? Von der Plattenfirma?
Meine Bandkollegen haben keinen Druck ausgeübt. Sie haben mich extrem unterstützt, das war super. Auch die Plattenfirma war sehr geduldig. Irgendwann haben die Leute allerdings nicht mehr daran geglaubt, dass wir noch einmal etwas veröffentlichen. Das hat natürlich auch die Spannung etwas rausgenommen. Als die Chefs der Plattenfirma zu uns gekommen sind, um unser Album zu hören, waren sie zum einen happy, wie toll das Album war, und zum anderen, dass es überhaupt eines gab. Ich habe mir aber selbst Druck gemacht. Hätte es zusätzlich auch noch von außen Druck gegeben, hätte mich das ganz sicher zerschmettert.



Garys Kampf mit Alkohol, Diabetes und Depressionen

Ist die erste Single "Don´t give in" im Laufe des Schreibprozesses dann irgendwann zu deiner persönlichen Hymne geworden?
Ich habe diesen Song schon vor ein paar Jahren geschrieben – ursprünglich für einen Freund, der eine sehr traumatische Zeit durchgemacht hat. Aber wie das so mit dem Schreiben ist, deine eigenen Erfahrungen fließen immer mit ein. Und dann ging es plötzlich auch um mich, meinen Kampf mit Depressionen, Alkohol und vor allem damit, dieses Album fertig zu stellen. "Don´t give in" wurde schließlich zu einem Leuchtfeuer, an dem ich mich orientieren konnte. Er war der erste Song, der überhaupt fertig war.

Fühlst du dich denn aktuell glücklich und gesund?
Die meiste Zeit schon. Ich habe schon sehr lange mit Ängsten zu kämpfen, das habe ich in der Vergangenheit verdrängt. Ich habe so getan, als sei alles okay. Jetzt gestehe ich mir ein, dass ich ängstlich bin. Ich habe das Trinken, den Drogenkonsum und viele andere Dinge vor einigen Jahren aufgegeben. Das Schwierigste war auf Zucker zu verzichten. Meine Eltern haben mittlerweile beide Diabetes, ich bin über 40 und daher haben mir die Ärzte geraten, nichts Süßes mehr zu essen. Aber ich denke immer noch täglich an Kuchen – noch mehr als dass ich an Bier denke!   

Meditation, Qigong und Fitness – die Heilmittel des Snow-Patrol-Frontmanns Snow Patrol Interview

Krankheiten spielen trotz allem noch eine sehr große Rolle in deinem Leben – du leidest immer noch unter Ängsten und dein Vater hat fortschreitende Demenz.
Ich habe mich eine zeitlang so mies gefühlt, dass ich nicht einmal aus dem Bett gekommen bin, die Vorhänge waren die ganze Zeit geschlossen und ich konnte das Haus nicht verlassen. Ich musste die ganze Zeit heulen und wusste nicht warum. Das ist mittlerweile eine gefühlte Ewigkeit her. Ich leide zwar immer noch unter Ängsten, aber viele Leute tun das. Ich passe nun auf mich auf und habe mir einige Rituale angewöhnt. Ich meditiere jeden Tag, mache Qigong und gehe regelmäßig ins Fitnessstudio. Das alles hat mir den Weg zurück geebnet und mich mental gelassener gemacht. Aber jetzt geht der Zirkus wieder los, wir geben viele Interviews, sind oft im Fernsehen und auf Tour. Das triggert meine Angst, wird sich aber hoffentlich legen, wenn wir länger unterwegs sind.

"Heal me" spielt darauf an, dass es jemand gab, der dich "geheilt" beziehungsweise dir geholfen hat, aus dem doch schon sehr tiefen Loch herauszukommen.
Es haben mir mehrere Leute dabei geholfen, aber es gab da eine bestimmte Person, die eine Schlüsselfunktion hatte, und sie ist der Grund ist, warum ich noch lebe. 

"Ich selbst bin ein absoluter News-Junkie"

In dem Titel "Soon" schreibst du über die Demenz deines Vaters, die immer weiter fortschreitet. Schon bald wird er sich an nichts mehr erinnern. Wie möchtest du von den Menschen in Erinnerung behalten werden?
Das ist mir egal. Ich war nie wirklich religiös, ich würde mich als agnostisch bezeichnen, aber ich glaube an etwas. Die Person, der ich "Heal me" gewidmet habe, hat mir Dinge gezeigt, die ich nicht erklären kann. Da ist etwas Spirituelles, das ich durch Meditation und Qigong gelernt habe, das ich nach wie vor nicht beschreiben kann. Ich hoffe, dass auf uns nach dem Tod etwas Großartiges wartet, und wir dann realisieren, dass der ganze Schmerz, die Qual keinen Sinn gemacht hat. Wir sind alle Brüder und Schwestern, egal, woher wir stammen und wie wir aussehen.

Burn-Out und Depressionen sind immer weiter verbreitet zu sein, unter Künstlern besonders, aber auch in der Bevölkerung. Warum denkst du, ist das so?
Die sozialen Medien tragen sicher dazu bei. Ich bin auch dort vertreten und dort sehr viel aktiver als zu Beginn. Auch die aktuelle politische Lage in der Welt verstärkt das sicher. Ich selbst bin ein absoluter News-Junkie, was meiner Angststörung nicht unbedingt zugute kommt. Herausragende Kunst entsteht zu 99,9 Prozent nicht, wenn du glücklich und zufrieden bist. Ich verbinde oft nicht so viel mit Songs, die nur positiv sind. Ich mag es, wenn ich Lehren daraus ziehen kann. Wir sind alle gemeinsam auf dieser Reise, das ist die Botschaft dieses Albums. Zusammen können wir erreichen, dass wir uns besser und wilder fühlen. Wir sollten uns nicht nur auf uns konzentrieren, sondern mehr auf die Gemeinschaft. 

"Es wird nicht noch einmal sieben Jahre dauern, bis ein neues Album von Snow Patrol erscheint"

Bist du in der Zwischenzeit auch gereist, um den Kopf frei zu bekommen?
Ich habe die meiste Zeit in L.A. verbracht und dort Musik für Serien und Filme geschrieben. Zudem habe ich dort mit anderen Musikern zusammen gearbeitet (zum Beispiel mit Ed Sheeran und Taylor Swift, Anm. d. Red.). Ich habe also immer noch viel Zeit mit der Musik verbracht – während ich mit mir und meinen Dämonen gekämpft habe. Zudem haben wir zusammen als Band viele Songs geschrieben. Es wird nicht noch einmal sieben Jahre dauern, bis ein neues Snow Patrol Album erscheint.

Du bist mittlerweile an zwei Universitäten – in deiner Heimatstadt Dundee und in Ulster – zum Ehrendoktor ernannt worden. Wie hat sich das angefühlt? Damals hattest du Angst, dass du dein Anglistikstudium gar nicht erst bestehst.
Ich war nie ein guter Student und ich würde auch heute nicht zu mir kommen, um mir einen medizinischen Rat zu holen (lacht). Es hat sich schon irgendwie surreal angefühlt und es war auch sehr emotional, weil man gesamte Familie anwesend war.    

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