Interview Johanna Wanka
Johanna Wanka: Die Ministerin, die Wissen schafft | Foto: Sven Hagolani

06.01.2016

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01. Mär 2016

Ann-Christin Kieter

Promis & Interviews

Von der Professur in die Politik: Johanna Wanka im Interview

Exklusiv: UNICUM bei der Bundesbildungsministerin

"Wir brauchen mehr unbefristete Professuren"

UNICUM: Junge Wissenschaftler haben heutzutage eine unsichere Perspektive. Glauben Sie, dass Sie Ihre universitäre Karriere mit der parallelen Familienplanung noch einmal genauso hinbekommen würden?
Johanna Wanka: Bei mir war es gar nicht so leicht. Die Situation war nur eine ganz andere, da ich aus der ehemaligen DDR komme. Nach dem Erwerb des Doktorgrades und durch meine kritische Einstellung zur SED war eigentlich klar, dass ich dort keinerlei Möglichkeiten zur Weiterentwicklung habe. Durch den Mauerfall habe ich dann überraschenderweise doch eine Chance auf einen Lehrstuhl bekommen. Auf heute bezogen sehe ich das so: Wir haben in den letzten Jahren Milliarden Euro zusätzlich in das System gegeben, sodass Tausende erst eine wissenschaftliche Stelle bekommen und promovieren konnten. Aber dadurch entstand ein Missverhältnis, was die unbefristeten Stellen betrifft. Daran arbeiten wir jetzt.

Wie wollen Sie dem Forscher-Nachwuchs genau helfen?
Wir brauchen mehr unbefristete Professuren, Tenure-Track, also frühzeitige Orientierung und Sicherheit für leistungsstarke Nachwuchswissenschaftler. Klar ist aber auch, dass im Wissenschaftssystem auch in Zukunft Stellen befristet sein werden, um die notwendige Flexibilität zu bewahren und den Nachfolge-Generationen ebenfalls Möglichkeiten zu eröffnen. Die Art und Weise der Befristung regelt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Dieses ist zum Teil missbraucht worden. Deswegen haben wir es novelliert.

Die jungen Leute müssen sich künftig nicht mehr von einem Halbjahres-Vertrag zum nächsten hangeln. Die Erstbefristung muss sich an der Laufzeit der Promotion, der wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit oder des Drittmittelprojektes orientieren. Und Daueraufgaben im akademischen Mittelbau, etwa von Laboringenieuren, müssen auch mit Dauerverträgen abgesichert sein. Die Familienplanung wird dadurch erleichtert, dass eine Kinderbetreuungszeit nicht mehr in die Befristungszeit eingerechnet wird, sondern quasi obendrauf kommt.

Johanna Wanka privat


Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz legt seit 2007 fest, wie lange Forscher nach Abschluss ihres Studiums an der Hochschule forschen dürfen: bis zu zwölf Jahre (sechs vor und sechs nach der Promotion). Wer danach keine Professur ergattern konnte – und davon gibt es aktuell zu wenige –, muss gehen. Dadurch sollen die Nachfolge-Generationen eine Chance bekommen, sich zu etablieren.

Das Problem: Viele Hochschulen haben das Gesetz so interpretiert, dass sie generell immer mehr befristete Stellen schaffen können. Deswegen hangeln sich viele Wissenschaftler von einem Kurzzeitvertrag zum nächsten und können weder ihr Familienleben planen noch ihre Karriere richtig angehen. Jetzt im März tritt eine Neuregelung in Kraft.


"Junge Leute sollen sich mehr zu Wort melden"

Die befristeten Stellen sind allerdings nicht das einzige Problem, mit dem Doktoranden zu kämpfen haben. Sie beklagen auch zu wenig Geld für zu viele Stunden und zu wenig Zeit für ihre Dissertation, weil sie zu sehr in Lehrtätigkeiten eingebunden sind.
Wie genau die Arbeitsverhältnisse ausgestaltet werden, hängt von der entsprechenden Hochschule ab. Das darf der Bund nicht festlegen. Die Gehälter sind in den letzten Jahren jedoch gestiegen. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass die jungen Leute sich mehr zu Wort melden und sich dann auch an ihre Hochschule wenden, wenn sie das Gefühl haben, ausgenutzt zu werden. Bei einer Promotion ist der Zeitfaktor schwer zu kalkulieren. Es kommt durchaus vor, dass die kalkulierte Zeit nicht reicht. Alles ist nicht gleichzeitig zu realisieren. Das muss am Lehrstuhl angesprochen werden, um eine Lösung zu finden.


Wankas eigener Werdegang

Johanna Wanka WerdegangWie haben Sie gemerkt, dass die wissenschaftliche Karriere etwas für Sie ist?
Ich hatte Interesse an Mathe, erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen und auch gute Schulnoten. Aber trotzdem bin ich erstmal mit einer vorsichtigen Haltung herangegangen. Schließlich kam ich von einem kleinen Dorf und war die Erste in meiner Familie, die überhaupt studieren wollte – deswegen engagiere ich mich übrigens auch so bei arbeiterkind.de, weil ich weiß, wie schwierig es ist, etwas Unbekanntes zu wagen. Als ich dann gesehen habe, dass ich gut mitkomme und wie kreativ das Fach sein kann, kam der Wunsch auf, nicht aufzuhören und weiter forschen zu können.

Außerdem hatte ich schon immer Spaß am Lehren und Vermitteln, habe schon als Kind mit den Nachbarskindern Schule gespielt. Fürs Mitmachen gab es dann auch immer kleine Belohnungen, Schokolade oder Ähnliches.

Trotzdem sind Sie dann irgendwann in die Politik gegangen.
Ich war immer sehr gerne Hochschullehrerin. Denn das bedeutet, mit jungen Leuten zu arbeiten, die ganz andere Ideen haben als man selbst. Das ist sehr inspirierend. Aber Politik war für mich die Möglichkeit, die ich in der DDR nie hatte, etwas zu gestalten. Mich stört nur manchmal, dass man in der Politik sehr wenig über seine Zeit verfügen kann. Das war schon als Rektorin so, aber jetzt ist der Tag noch mehr von vorgegebenen Terminen bestimmt.

Spielt Mathe in Ihrem Privatleben noch eine Rolle? Lösen Sie zum Beispiel gerne Logikrätsel?
Überhaupt nicht, null. So etwas liegt mir gar nicht. Außerdem habe ich einen Mann, der auch Mathematikprofessor ist und mich gerne mal in die Welt der Formeln entführt und prüft, was ich noch kann. Also eine ordentliche Grundvorlesung würde ich mir noch zutrauen, aber gewisse Dinge vergisst man mit der Zeit. In der Politik ist logisches Denken für mich aber ein unerlässliches Rüstzeug, es hilft mir bei Problemlösungen sehr.


Das Bachelor-Master-Ungleichgewicht

Wieso gibt es nicht für jeden Bachelor einen Masterplatz?
Dass das Studium direkt bis zum Master der Normallfall wird, ist nicht das Ziel. Dann bräuchten wir nicht die Flexibilität der Bologna-Reform, sondern hätten ein "Durchgängig zum zweiten Abschluss marschieren". Zu meiner Überraschung hat es ein bisschen gedauert, bis die Wirtschaft sich für die Bachelors interessiert hat. Schließlich hatte sie ja immer gedrängt in den 90ern: Wir brauchen Absolventen, die früher fertig werden. Dann kamen sie früher und sind nicht richtig aufgenommen worden. Das hat sich zum Glück geändert. Manchmal haben Bachelors eine andere Startposition, aber es ergeben sich gute Chancen, in Führungspositionen zu kommen. Und man kann den Master besser wählen, wenn man erstmal gearbeitet hat und Erfahrungen hat und weiß, wo man sich spezialisieren möchte.

Aber was macht ein Lehrer-Bachelor, der keinen Master bekommt?
Mir sind keine belastbaren Zahlen bekannt, dass es dort häufig zu Problemen kommt. Überhaupt halte ich die Kritik, dass es zu wenige Masterplätze gibt, pauschal nicht für begründet. Wir haben von Seiten des Bundes über den Hochschulpakt auch für Masterstudienplätze Gelder zur Verfügung gestellt und nach unseren Studien ist es nicht so, dass diese überbucht sind. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ein Lehrer-Bachelor könnte im Personalbereich von Firmen arbeiten oder – etwas fachnäher – im Bereich Sozialarbeit in Schulen oder im Hort.

Johanna Wanka Büro


Die Forschungslandschaft in Deutschland

Das Gutachten der Imboden-Kommission über die Exzellenzinitiative hat ergeben, dass besonders die Stärkung der Spitzenforschung gut vorangekommen ist. Nun stößt der Begriff "Elite" bei einigen sauer auf. Ist es tatsächlich das, was wir brauchen?
Und im Sport regt es niemanden auf, dass wir Olympia gewinnen, Fußballweltmeister sein wollen? Komisch. Und auch bei Schauspielern... Nein, im Wettbewerb weit vorn zu sein, ist gerade in der Wissenschaft ganz wichtig. Wir sind als kleines Land mit einem Prozent der Weltbevölkerung die viertstärkste Industrienation. Und den Stand zu halten, das ist eine tolle Leistung. Dazu braucht es Fachkräfte und Universitäten, die weltweit bekannt sind und dafür sorgen, dass Wissenschaftler und internationale Studierende nach Deutschland kommen. Beispielsweise hat sich die Zahl der ausländischen Masterstudierenden seit 2008 in Deutschland verdreifacht. Wenn man sich anschaut, was die kurze Zeit schon gebracht hat und wie viele deutsche Hochschulen in den Rankings unter den besten 100 sind, dann muss man anerkennen, dass wir viel erreicht haben - und dazu braucht man Elite und Vorbilder.

Wie beurteilen Sie die Forschungslandschaft in Deutschland? Was können wir gut, was weniger?
Unsere Grundlagenforschung ist stark, vor allem durch die Forschungsorganisationen wie Helmholtz, Max Planck und Leibniz, aber sicher ebenfalls durch die Hochschulen. Wir werden international dafür gelobt und beachtet. Was wir verbessern können, ist, mehr auf die Verwertbarkeit zu achten, also auch bei der ergebnisoffenen Grundlagenforschung zu prüfen, welche Erkenntnisse konkret angewendet werden können. Das Potenzial müssen wir noch besser heben. Ein Beispiel: Das MP3-Format hat Fraunhofer mit entwickelt, aber der wirtschaftliche Nutzen entstand weitestgehend woanders.

Sollten wir uns von anderen Ländern etwas abschauen? Ich weiß zum Beispiel aus Israel, dass dort die Angst, zu scheitern, einfach nicht so ausgeprägt ist.
Das stimmt. Wenn in Deutschland eine Existenzgründung nicht funktioniert hat und ein zweites Mal vielleicht auch nicht und der Gründer dann zum dritten Mal zur Bank geht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er für die neue Idee Geld bekommt, äußerst gering. In den USA hingegen wird gesagt, dass man, wenn man nach zwei missglückten Versuchen nochmal zur Bank kommt, dort ein großes Plus hat, weil man durchhält, Energie hat und gewinnen will. Nun wird man die Kultur in Deutschland aber nicht einfach ändern können. Wir sind nicht so wie die Amerikaner und werden das auch nicht werden. Aber man kann die Risikobereitschaft - gerade bei Gründungen - stärker fördern und Experimentierfreude belohnen.

Wenn Sie mal in Pension gehen, kehren Sie dann für ein "Studium im Alter" an die Hochschule zurück?
Ich würde schon schauen, ob es Angebote gibt, die mich interessieren. Aber nicht, um irgendwas unbedingt noch zu lernen oder sich zu beweisen, dass man noch geistig fit ist. Die regulären Vorlesungen würden mich reizen. Daran teilzunehmen und so seinen Horizont zu erweitern, das finde ich sehr anregend.


InfoExzellenzinitiative

Seit 2005 haben die deutschen Unis Milliarden Euro vom Bund bekommen, um in Wissenschaft und Forschung endlich international mithalten zu können. Sie konnten sich für die Förderlinien "Graduiertenschule" (Qualifizierung von Doktoranden), "Exzellenzcluster" (ein bestimmter Themenkomplex) und "Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung" (Universität insgesamt) bewerben.

  • Das Ziel: den Status "Elite-Uni" zu bekommen. Und im Idealfall zum deutschen Oxford oder Havard werden.

Im Januar dieses Jahres kam eine unabhängige Expertenkommission - benannt nach ihrem Leiter Dieter Imboden - zu dem Ergebnis, dass die Spitzenforschung in Deutschland schon gut vorangekommen sei.

Nun soll es in eine zweite Runde gehen. Bis April wollen die Wissenschaftsminister der Länder und des Bundes ein Konzept erarbeiten, wie genau die weiteren Milliarden investiert werden sollen. Zur Diskussion steht unter anderem eine Änderung der Bewerbung (Unis sollen Fakten über die bisherige Arbeit statt Pläne für die Zukunft einreichen) und die Streichung der Förderlinie "Graduiertenschulen".

  • Die Bundeskanzlerin wird im Juni gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Länder darüber entscheiden.

Zur Person Johanna Wanka

  • Prof. Dr. Johanna Wanka ist seit dem 14.02.2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung.Johanna Wanka Lebenslauf
  • Sie trat die Nachfolge von Annette Schavan an, die wegen der Aberkennung ihres Doktortitels zurückgetreten ist.
  • Zuvor war Johanna Wanka niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur (2010-2013) und Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg (2000-2009).
  • Bis zu ihrer Berufung als Ministerin war sie Rektorin der Hochschule Merseburg. Dort wurde sie auch promoviert und erhielt einen Ruf als Professorin für Ingenieurmathematik.
  • Ihren Mann Gert Wanka hat sie schon früh bei Mathe-Olympiaden kennengelernt, gemeinsam haben sie einen Sohn und eine Tochter.

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