No Offence
Szene aus "No Offence" | Foto: STUDIOCANAL
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07. Sep 2016

UNICUM Onlineredaktion

Serien

Mehr Crime-Heldinnen braucht die (TV-)Welt!

Interview mit "Filmlöwin" Sophie Charlotte Rieger

Mädchen, die viel Fernsehen gucken, sind weniger optimistisch

UNICUM: Gibt es eigentlich mittlerweile genauso viele männliche wie weibliche TV-Ermittler?
Sophie Charlotte Rieger: Grundsätzlich gibt es in allen Berufen weniger Frauenfiguren in Film und Fernsehen. Obwohl Frauen in Deutschland etwa die Hälfte der Arbeitskraft ausmachen, stellen sie in Filmen und Serien nur etwa ein Viertel der arbeitenden Charaktere dar. Dahinter verbergen sich ganz simple antiquierte Rollenmodelle, die Frauen eher in der häuslichen Sphäre ansiedeln und in "weiblichen" Berufen wie Lehrerin oder Krankenschwester. Bei der Polizei als Ermittler/in zu arbeiten, ist ja ein Job, der Mut, Stärke und nicht zuletzt auch Intelligenz erfordert. Das sind leider immer noch Charaktereigenschaften, die unsere Gesellschaft als männlich definiert.

Siehst Du die TV-Sender in der Pflicht, mehr auf weibliches Personal zu setzen, statt den sich oft sehr gleichenden männlichen Ermittler-Figuren Platz auf den Bildschirmen einzurichten?
Absolut, denn wenn die Sender bzw. Produzent/innen sich nicht darum bemühen, wer dann? Es ist das absolut mindeste, die reale Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben abzubilden und es spricht im Rahmen des fiktionalen Erzählens auch absolut nichts dagegen, den Frauenanteil etwas höher anzusetzen als er in der Realität ist. Eine Studie das Geena Davis Instituts hat gezeigt, dass Mädchen, die viel Fernsehen gucken, weniger optimistisch in ihre berufliche Zukunft schauen. Und das liegt daran, dass sie dort keine Vorbilder sehen. Es ist höchste Zeit, dass sich Medienmacher/innen ihrer Verantwortung bewusst werden und neue Wege einschlagen!



In Deutschland fehlt der Mut

Wie siehst du das Verhältnis Frau/Mann in "No Offence" dargestellt?
Ich finde nicht, dass "No Offence" eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen aufmacht und darin liegt meiner Meinung nach auch die Stärke der Serie. Weibliche Figuren stehen zwar im Mittelpunkt, aber die Polizei als Berufsfeld ist trotzdem auch hier ganz klar eine männliche Sphäre, in der sich die Heldinnen bewähren müssen. Überzeugt hat mich vor allem die Vielfalt der Frauenfiguren: Sie können dick und dünn sein, starke Nerven haben oder nervös sein, auf dem Schlauch stehen oder den Durchblick haben. Sogar die dicke Chefin hat eine positiv konnotierte Sexualität und ist sexy, was in Film und Fernsehen leider sehr, sehr selten ist. Die Figuren sind auch komplex. So gibt es beispielsweise eine Chemikerin mit Doktortitel, die zugleich eine absolute Shopaholikerin ist. Nicht zu vergessen die Diversität hinsichtlich Menschen mit Behinderung: Es gibt eine Frauenfigur mit Trisomie 21, die keine klassische Opferfigur einnimmt, sondern ihren Freund auf den Strich schickt. So etwas finde ich großartig!

"Broadchurch", "The Fall" oder "Top of the Lake": Haben die Briten die Nase vorn, was erfrischend-neue Crime-Heldinnen angeht?
Das würde ich jetzt so pauschal ungerne behaupten. Aber meiner Meinung nach hat das deutsche Fernsehen hinsichtlich der Darstellung von Männern, Frauen – erst Recht Trans- und Intermenschen – tatsächlich sehr viel Nachholbedarf. Ich glaube, dieses Thema wird in Deutschland allgemein noch häufig als nebensächlich abgetan. Und es geht ja auch nicht nur um die Figuren, sondern auch um die Geschichten. "Top of the Lake" nimmt sich ja beispielsweise Gewalt gegen Frauen und patriarchale Gesellschaftsstrukturen dezidiert als Thema vor. Das ist natürlich unbequem, weil es uns Probleme offenbart und herausfordert uns als Gesellschaft in Frage zu stellen. Ich glaube, dem deutschen Markt fehlt für solche Geschichten einfach der Mut.


No Offence DVDUNICUM Serien-Tipp

In 8 Folgen begleitet die 1. Staffel von "No Offence" ein toughes Ermittlerteam aus der falschen Ecke von Manchester auf der Suche nach dem grausamen Serienmörder, jede Folge bringt dazu einen weiteren Fall, der gelöst werden muss. Unter Leitung der brillanten, aber genauso speziellen Detective Inspector Vivienne Deering stellt sich das Team dem täglichen Kampf gegen das Verbrechen mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und einer guten Prise schwarzem Humor. Autor und Produzent von "No Offence" ist der BAFTA-nominierte Paul Abbott ("Shameless"). In Großbritannien war die Serie ein Erfolg, eine zweite Staffel ist bereits in Produktion.

Artikel-Bewertung:

3.14 von 5 Sternen bei 233 Bewertungen.

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 08. Okt 2016 um 12:03 Uhr von Anderl Ingrid
Frauen können das genauso!
Veröffentlicht am 09. Okt 2016 um 16:02 Uhr von Beyer, Andrea
Filme mit weiblichen Kriminalteams verstärken die Vorbildfunktion für Mädchen und Frauen im Fernsehen. Fälle werden von einer neuen Perspektive dargestellt und durch eine alternative Herangehensweise gelöst. Stereotypen und Binsenweisheiten schwinden dann allmählich.
Veröffentlicht am 14. Okt 2016 um 15:33 Uhr von Kirsten Schulz
Ein gutes Team ist wichtig, egal welchen Geschlechts.