Auch das Schulleben in den 90ern war unglaublich anders.
Nicht nur aus technischer Sicht wirken die späten 90er reichlich retro. Foto: afxhome/AdobeStock
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03. Mär 2021

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Studibuzz

Diese Dinge kennst du nur, wenn du dein Abi vor dem Jahrtausendwechsel gemacht hast

Throwback Time

Natürlich wissen wir, dass nicht alles Gold ist, was da aus der Vergangenheit glänzt. Aber kurz vor dem Jahrtausendwechsel Oberstufenschüler zu sein, war eine ziemlich krasse, coole und im Vergleich zu Heute unglaublich andere Erfahrung. Du willst wissen, wie es sich damals anfühlte, die letzten Jahre seiner Schullaufbahn zu durchleben? Dann haben wir eine kleine Throwback-Parade für dich vorbereitet. Greif dir den Discman, schalte Viva-Interaktiv ein und zieh die Buffalos an, wir reisen in eine Welt vor deiner Zeit.

Es war so unglaublich schwer, Wissen jenseits der Schulbücher zu bekommen

„Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt“. Als junger Mensch wurdest du wahrscheinlich schon mit Sätzen wie diesem konfrontiert. Oftmals verbirgt sich dahinter nur heiße Luft; was jedoch schulische Informationsbeschaffung anbelangt, stimmt der Satz bemerkenswert.

Denn heute gibt es bekanntlich zu allen möglichen Themen Ergänzendes im Netz zu finden, etwa in unserer Lern-Kategorie. Im Zweifelsfall gibt Wikipedia immer einen ersten Überblick samt weiterführender Links und irgendeine gute Seele hat sicher ein erklärendes YouTube-Video erstellt.

In den späten 90ern sah es hingegen so aus: Was nicht durch Schulbücher und Notizen zur Hand war, war nur unter Schwierigkeiten zu bekommen. Einige typische Optionen:

  • Beim örtlichen Buchladen zusätzliches Material oder Lösungsbücher bestellen – sofern letztere von den Verlagen ohne Nachweis einer Lehrerstelle herausgegeben wurden.
  • Schüler höherer Stufen um ihre Unterlagen bitten. Man war in der 13. Klasse und die Vorjahresabiturienten in alle Winde zerstreut? Pech gehabt.
  • Die Schulbibliothek aufsuchen. Typischerweise war die chronisch unterversorgt und speziell vor Prüfungen musste man schon viel Glück haben, um eines der wenigen Werke zu dem Thema zu ergattern. Stadtbewohner konnten mitunter auf die örtliche Bibliothek ausweichen, Landbewohner hatten abermals Pech.

Du fragst dich, was mit dem Internet war? Nun, je nachdem, welches Jahr der Spät-90er man betrachtet, gab es tatsächlich schon zwischen einer und drei Millionen Websites. Das Problem war nur: (deutschsprachige) Wissens-Seiten waren darunter kaum vertreten.

Der echte Knackpunkt war jedoch praktischer Natur: Computer gab es damals zwar schon in vielen deutschen Haushalten, bloß haperte es überhäufig am Netzzugang. Hinzukam, dass die damaligen Suchmaschinen alles andere als die perfektionierten Alleskönner von heute waren.

Dementsprechend hieß es für deine damaligen Vorgänger: Augen und Ohren im Unterricht auf, alle Fragen notieren und zeitnah nachhaken.

Schnelligkeit hat sich in der Bibliothek ausgezahlt.

Oberstufe war manchmal ziemlich elitär geprägt – kein Wunder

Hast du das Gefühl, dass es in deiner Stufe ein irgendwie geartetes elitäres Denken gibt? Eine gewisse „Wir sind Elite“ Attitude? Falls nicht, ist das nicht verwunderlich. Es liegt schlicht daran, dass die allgemeine Hochschulreife heute ein üblicher Abschluss geworden ist – 2019 beispielsweise gab es in den relevanten Jahrgängen rund 40 Prozent mit allgemeiner Hochschulreife.

In den späten 90ern hingegen betrug dieser Wert nur ein gutes Viertel der Jahrgänge. Knapp 75 Prozent der damaligen Altersgenossen machten kein Abitur. Diese Tatsache führte tatsächlich dazu, dass sich zumindest in den Oberstufenjahrgängen viele als Leistungselite begriffen – und manche das auch offen raushingen ließen.

Bei vielen Arbeitsblättern und Tests war das Identifizieren die schwierigste Aufgabe

Wenn heute dein Lehrer Materialien verteilt, stammen diese höchstwahrscheinlich aus einem technisch perfektionierten Laserdrucker, einem nicht minder perfekten Kopierer und wurden vielleicht mit brillanter Auflösung eingescannt. Die angenehme Folge: Was du heute vorgelegt bekommst, unterscheidet sich in Qualität und Lesbarkeit kaum von professionell gedruckten Werken.

Anders in den späten 90ern. Damals waren Tests und Arbeitsblätter oft die Kopie einer Kopie einer Kopie – denn auch beim Lehrkörper war der Computerbesitz keine Selbstverständlichkeit. Und als wenn das noch nicht abträglich genug für die Qualität gewesen wäre, waren die damaligen Drucker und Scanner alles andere als ausgeklügelt.

In der Folge wimmelte es auf solchen Blättern vor Druckfehlern, waren Wörter oder ganze Sätze unleserlich und mussten Grafiken vielfach gedeutet werden. Bei reinen Informationen war das bloß ärgerlich. Bei Tests konnte es jedoch wichtige Zeit rauben.

Einen Vorteil hatte die Sache allerdings: Die Chancen standen nicht schlecht, dass ein Lehrer die gleiche Klassenarbeit benutzte, die er schon im vorigen Jahr ausgeteilt hatte. Konnte jemand diese ergattern, war die Note gerettet.

Früher war mehr Kunst

Schultische waren oft lebende Graffiti-Kunst

Klar kennst du vollgekritzelte Schultische. Allerdings ist das heute vornehmlich ein Problem in den untersten Jahrgangsstufen. An vielen Gymnasien sind die Tische in Räumen, die ausschließlich von höheren Jahrgängen verwendet werden, geradezu makellos.

Welcome to the late 90s: Das war die Zeit, in der es viele Schüler geradezu als Pflicht ansahen, sich auf Schultischen zu verewigen. Beliebte Methoden:

  • Eddings und andere Permanentmarker.
  • Die Zirkelspitze (gern in Verbindung mit Tintenmarker, um die Vertiefung farbig auszufüllen).
  • Bleistift (bei stark bemalten Tischen auch hervorragend geeignet, um einen gutgetarnten Spicker zu erstellen).

Manche Tische zeigten sogar regelrechte Schnitzarbeiten, feinsäuberlich per Taschenmesser gearbeitet, teilweise von mehreren Schülergenerationen gepflegt. Und: Das war definitiv kein Phänomen von Gymnasien in „schlechten Gegenden“, sondern kam überall vor – und von Songtexten über politische Statements bis zu Hochphilosophischem war alles vertreten.

An seinem 18. kam man mit dem Auto zur Schule

Hast du einen Autoführerschein bzw. ein Auto? Falls nicht, ist das abermals nicht sonderlich auffällig. Es liegt daran, dass in deiner Generation beides kein Must Have mehr ist, das zeigen die Statistiken deutlich, speziell im urbanen Bereich.

Ende der 90er war das jedoch anders. Damals hatten Autos auch bei Menschen deines Alters viel weniger ein Stigma des Kostenfaktors und Umweltschädlings, sondern standen für Freiheit und waren blecherner Beweis für Volljährigkeit – der Autoführerschein mit 17 wurde erst im Verlauf der 00er Jahre eingeführt.

Typischerweise lief es damals so ab:

  • Ab dem 17. Geburtstag wurde genau getimt, wann die Fahrschule beginnen musste, um auch mit etwas Spielraum zum 18. den „Lappen“ (bis 1998 war der Führerschein tatsächlich noch aus farbigem, stoffartigem Dokumentenpapier) sicher zu haben.
  • Mit Schülerjobs, Angespartem und finanzieller Mithilfe der Verwandten wurde dafür gesorgt, dass zum Stichtag ein fahrbarer Untersatz vorhanden war – und wem Musik wichtig war, der sorgte dafür, dass wenigstens ein Autoradio mit CD-Player zugekauft wurde, statt dem damals üblichen Kassettenspieler; wohlgemerkt mit normalem CD-Spieler. Mp3-fähige Geräte kamen erst 2001 auf.
  • In den Tagen vor dem Geburtstag schickte man einen Elternteil zur örtlichen Zulassungsstelle – samt obligatorischem Gang zum in der Nähe residierenden Schildermacher. Ebenfalls etwas, das sich dank des Internets völlig gewandelt hat, weil solche Schilder heute problemlos dort geordert werden können.

Wenn alles klappte, war der Morgen des 18. Geburtstags davon geprägt, sich erstmals (legal) ans eigene Steuer zu setzen. Natürlich wurden auf der Fahrt auch besten Freunde abgeholt und man rollte standesgemäß vor der Schule vor – die typischerweise auch Parkplätze für ihre volljährigen Schulgänger bereithielt.

Vielfältige Subkulturen

In jeder Klasse waren diverse Jugendsubkulturen vertreten – und deutlich unterscheidbar gekleidet

Jugend(sub)kulturen gibt es heute auch. Allerdings sei dir gesagt, dass es bis auf wenige Ausnahmen sehr harmlos zugeht – speziell im Vergleich mit den späten 90ern.

Diese Zeit war massiv davon geprägt, dass sich Jugendliche und Jungerwachsene in „Lager“ aufspalteten; stärkster Motivator war die präferierte Musikrichtung. Praktisch immer wurde diese Zugehörigkeit umfassend durch Kleidung und Styling nach außen transportiert.

So kam es, dass sich in dieser Zeit in einer typischen Oberstufenklasse gut und gerne fünf Subkulturen problemlos unterscheiden ließen.

  • Punks bzw. alle, die anderweitig nonkonformistisch dachten.
  • Metalheads, oftmals an diversen Band-Aufnähern deutlich zu erkennen.
  • Skater mit den oft wie Geheimcodes wirkenden Labels auf T-Shirts und Kappen.
  • Hip-Hopper, unzweifelhaft erkennbar an den damals unglaublich weit geschnittenen und unter dem Po getragenen Baggy Jeans (die allerdings von den Skatern ebenfalls getragen wurden).
  • Technofans, damals standesgemäß in XXL-Schlaghosen und bei den Mädels oft mit der ersten Inkarnation der derzeit wieder so trendigen Space Buns.

Natürlich gab es auch genügend Oberstufenschüler, die keiner Subkultur anhingen. Aber sie waren in vielen Klassen die Minderheit. Und als wenn diese Vielfalt nicht schon groß genug gewesen wäre, gab es innerhalb der Gruppierungen auch noch Untergruppen – so teilten sich die Skater typischerweise in Inlineskater, Skateboarder und BMX-Fahrer auf.

Doch so angenehm vielfältig dies auch war, so war die Gruppenpolitik durchaus kritikwürdig. Denn sie sorgte dafür, dass sich Klassen in Lager aufteilten, die sich nicht selten aus unerfindlichen (oder aus heutiger Sicht ziemlich oberflächlichen) Gründen spinnefeind waren.

Falls du dich für die Skate-Kultur der damaligen Zeit interessierst, können wir dir den gefeierten (US-)Film Mid 90s empfehlen:

Tafel, Kreide, Projektor – und wenn es hochkam, ein Fernseher mit Videorecorder

Der schier unerschöpfliche Quell technischer Differenzen geht in die nächste Runde. Du glaubst, heutige Schulen hätten digitale Probleme? Dann kennst du die 90er nicht. Zur Erklärung: Ende dieses Jahrzehnts hatten rund 40 Prozent aller deutschen Haushalte einen Computer.

In vielen damaligen Gymnasien hingegen fand sich die einzige Digitaltechnik im Sekretariat, im Direktorbüro und im Lehrerzimmer musste sich das Kollegium zwei, drei PCs teilen.

Normaler Unterricht fand damals mit Kreide an der Tafel statt. Sollte es mehr sein, kam der Overhead-Projektor hinzu, für den der Lehrer zuvor noch Folien bedrucken musste – oder er schrieb auf die leere Folie, wodurch der Lernerfolg signifikant von seiner Handschrift abhing.

Multimediale Anreicherung? Fehlanzeige. In seltenen Fällen wurde ein Schüler in den Materialraum geschickt, um ein Rollengestell mit einem großen (für damalige Verhältnisse) und veralteten (ebenfalls für damalige Verhältnisse) Röhrenfernseher samt VHS-Videorekorder zu besorgen.

Ganz ehrlich: Deutsche Schulen in den späten 1990ern waren wirklich eine digitale Wüste, gegen die die heutigen Zustände rosig wirken.

90er Düfte

Wenn Tommy, Calvin und Bruno Kopfschmerzen verursachten

Du kommst heute in einen Klassenraum und denkst, dass schnellstens gelüftet werden sollte? Dann kannst du froh sein, die späten 90er nicht erlebt zu haben. Damals hatten die Parfümeure gerade erst die Jugend als wichtige Zielgruppe erkannt und einige Düfte speziell auf sie zugeschnitten:

  • ck one
  • Cool Water
  • Tommy Girl und -Boy
  • Bruno Banani Man
  • Sunflowers

Diese und weitere Düfte sorgten damals für ganz eigene Probleme. Denn erstens wurden sie oft in unverantwortlichen Mengen aufgetragen und zweitens waren sie überall.

Das führte dazu, dass viele Klassenräume wie eine Parfümerie rochen, durch die ein Elefant gestapft war: eine kopfschmerzverursachende Mischung von intensiven Düften, die sich zu etwas vermengten, was nichts mehr mit Parfüm zu tun hatte.

Ferien waren Ferien – keine schulfreien Zeiten für Praktika

Absolvierst du als Gymnasiast der Oberstufe heute Praktika und Ähnliches in den Ferien? Höchstwahrscheinlich ja, schließlich wirkt das nicht nur gut auf der Bewerbung, sondern hilft auch bei der Studien- und Joborientierung.

Abermals hat sich in den vergangenen gut 20 Jahren hier viel getan. Denn in den späten 90ern gab es an vielen Gymnasien nicht einmal ein einziges Pflichtpraktikum; das war Sache der Real- und Hauptschulen.

Dass Gymnasiasten darüber hinaus Praktika absolvierten, war ebenfalls die Ausnahme – dementsprechend waren sämtliche Ferien für die meisten lange Wochen der Freiheit, in denen sie sich bestenfalls zum Ferienende kurz schulischen Themen widmeten.

Du möchtest wissen, wie sich dieses Lebensgefühl anfühlte? Dann sei dir die Filmkomödie Schule von 2000 nahegelegt, die diesen Zeitgeist sehr schön einfängt:

Lehrer begannen plötzlich, von ihrer Jugend als Steinewerfer zu erzählen

Junge und alte Lehrer wird es immer geben. Und sie werden auch immer ein Produkt ihrer jeweiligen Zeit sein. Doch wer Ende der 1990er unterrichtete und nicht gerade erst sein Referendariat abgeschlossen hatte, hatte zumindest seine Jugendjahre in einigen der politischsten Jahrzehnte Deutschlands erlebt; namentlich die 60er, 70er und 80er.

Zeiten, in denen tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche vonstattengingen. Gleichberechtigung beispielsweise, ziviler Ungehorsam, ein erwachtes Umweltbewusstsein und die Ablehnung von Atomkraft und -waffen.

Die Chancen standen in den späten 90ern deshalb gut, einen oder gar mehrere Lehrer zu haben, die in ihren „wilden Zeiten“ gegen Wiederaufbereitungsanlagen demonstrierten oder gegen atomare Nachrüstung. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn der Geschichts- oder Sozialkundelehrer plötzlich erzählt, wie er bei Wackersdorf oder der Startbahn West Steine geworfen hat oder dass er während seiner Hochschulzeit in besetzten Häusern lebte.

So viel sei verraten: Was den Status bei den Schülern anbelangt, waren diese Lehrer die absolute Spitze jedes Kollegiums. Rebellinnen und Rebellen, die mehr als einen Hauch Nonkonformismus verströmten.

Heute wird weniger geraucht als früher

In der Pause rauchen? Manchmal sogar mit dem Lehrer

Deine Generation raucht nicht mehr – zum Glück. Bei Minderjährigen liegt derzeit die Raucherquote unter sechs Prozent auf einem Allzeittief. Die Gründe, warum es so ist, sind vielfältig:

  • Seit 2007 ist Rauchen Volljährigen vorbehalten. Davor lag die Grenze für Jahrzehnte bei 16.
  • Zigarettenautomaten haben ebenfalls seit vielen Jahren eine Altersprüfung.
  • Deine Generation ist deutlich gesundheitsbewusster und informierter als es ihre Vorgänger waren.
  • Rauchen ist teuer geworden. Ende der 90er kostete eine Schachtel fünf D-Mark. Selbst unter Berücksichtigung der Inflation wären das heute nur 3,60 Euro, wohingegen eine Packung tatsächlich rund das Doppelte kostet.

Ergo: Damals war Rauchen in deiner Altersklasse deutlich mehr akzeptiert (auch gesamtgesellschaftlich), günstiger und leichter zugänglich. Kein Wunder also, dass die Raucherquote unter Jugendlichen und Jungerwachsenen anno 1997 um 40 Prozent pendelte.

Doch es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu, den wir mit Absicht noch nicht erwähnten: Damals durfte man überall rauchen – in Restaurants, Kneipen und auch auf öffentlichem Gelände und somit Schulhöfen.

Jede Schule hatte ihre „geheimen“ Raucherecken, in denen sich diejenigen trafen, die noch nicht offiziell qualmen durften. Und in den Oberstufen-Pausenhofecken standen lauter Aschenbecher. Es war völlig normal, dort in der Pause mit der Aufsicht zu rauchen und über die Welt zu diskutieren – während das restliche Kollegium das Lehrerzimmer einräucherte.

Die Zukunft sah wirklich rosig aus

Wie sehen heutige Menschen deines Alters die Zukunft? Nicht zuletzt wegen Corona eher düster – auch in den letzten Jahren vor der Pandemie waren die Aussichten bestenfalls durchwachsen.

Das Lebensgefühl von Oberstufenschülern in den späten 90ern war jedoch von gänzlich anderen Vorzeichen geprägt:

  • Der Kalte Krieg war seit den frühen 1990ern passé, der 11. September lag in unbekannter Zukunft. Globalpolitisch herrschten ruhige Zeiten.
  • Die Wirtschaft war halbwegs stabil. Speziell für Abiturienten und Studierende war die Arbeitsmarktlage glänzend. Dass es unter der Oberfläche brodelte, dass man Deutschland kurz nach dem Jahrtausendwechsel den „kranken Mann Europas“ nennen würde, war für die wenigsten abzusehen.
  • Digitaltechnik und das Netz begangen erst ihren Siegeszug. Für die meisten Menschen standen deren positive Aspekte überdeutlich im Vordergrund – über gläserne Menschen, datensammelnde Suchmaschinen etc. dachte kaum jemand nach.
  • Es gab keine größeren sozialpolitischen oder generationenübergreifenden Verwerfungen. In den späten 90ern hatte sich zudem die nur wenige Jahre zuvor so prekäre Lage in den damals noch wirklich „neuen“ Bundesländern etwas entschärft.

In der Folge fühlte sich die Lebensrealität eines angehenden Abiturienten damals wie ein lauer Sommerabend an. Angst vor der Zukunft hatte kaum einer. Was sollte schon passieren? Das Internet würde die Menschheit verbinden und informieren, die Zeit der politischen Blockkonfrontationen war vorbei und wer ein halbwegs passables Abitur vorweisen konnte, musste sich um den Rest kaum noch sorgen.

Vielleicht mag das für dich aus heutiger Sicht zu sorglos wirken, geradezu leichtfertig und blauäugig. Aber für die damaligen Abiturienten waren sowohl Gegenwart wie Zukunft rosig – nach Ansicht vieler Gesellschaftsexperten die bis dato letzte Generation, die diesen Luxus erlebte.

Fazit

Ein Journalist schrieb einmal, dass die Abiturienten der späten 1990er die letzten waren, die noch analoge Jugendkultur miterlebten, wohingegen alle, die danach kamen, eine immer bestimmender wirkende digitale Komponente vorfanden. Keine Frage, das stimmt absolut. Allerdings ist die weitgehende Abwesenheit der heute allesbestimmenden Digitaltechnik sicher nicht das Einzige, was damalige Abiturienten von deiner heutigen Generation unterscheidet.

Damals war nicht alles besser, auch nicht alles schlechter. Jede Zeit hat ihre Stärken und Schwächen, auch die späten 90er. Und wenn du etwas aus diesem Text mitnehmen möchtest, außer einer Ahnung, wie sich all diese Punkte in echt anfühlten, dann das: Halte deine Abi-Zeit im Herzen. Irgendwann wirst du mit Wehmut auf diese wunderbare, seltsame, geniale und schräge Epoche zurückblicken.

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