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09. Aug 2016

Christopher Lymer

Entertainment

UNICUM spielt: Bioshock: Infinite

-ARCHIV-

Materialschlacht in himmlischen Höhen

Odyssee über den Wolken

Wir schreiben das Jahr 1912. In der Rolle von Booker DeWitt, einem überdrüssigen Ex-Pinkerton-Agenten, erhalten wir den Auftrag, ein junges Mädchen namens Elizabeth aus der Stadt Columbia zu schleusen und unseren Auftraggebern zuzuführen. Wer diese sind, wissen wir nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass sie versprochen haben, im Gegenzug unsere Schulden zu begleichen, die wir offenbar bei den falschen Leuten angehäuft haben. Soweit so gut – wäre da nicht dieser gewaltige Haken: Columbia ist nämlich alles andere als eine gewöhnliche Stadt.

Vielmehr ist Columbia ein Wunderwerk des wissenschaftlichen Fortschritts und befindet sich auf unzähligen Luftkissen schwebend über der Wolkendecke der USA. Kein Wunder, dass ihre Einwohner leicht exzentrisch veranlagt sind. In Folge eines Zerwürfnisses mit der US-amerikanischen Regierung hat sich in Columbia eine separatistische Gesellschaft von religiösen Fanatikern geformt, welche George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson als Heilige verehrt, Lincoln als Häretiker verdammt und einem einzigen Mann Gehorsam und Treue schwört: Zachary Hale Comstock. Der selbsternannte Prophet predigt seinem Volk die Ankunft eines neuen Eden und herrscht bis dahin mit eiserner Faust, während er als Schlüsselfigur seiner Heilslehre den eigenen Spross, das 'Lamm von Columbia', als Erlöser in Aussicht stellt.

Bereits kurz nach unserem Eintreffen in der Stadt über den Wolken, wird klar, dass wir in ein Komplott geraten sind: Nicht nur ist die Obrigkeit von unserer Ankunft informiert, auch scheint sie von unserem Vorhaben zu wissen. Ziemlich verdutzt erkämpfen wir uns trotz allem den Weg zu der überraschend gut weggesperrten Elizabeth, um nicht nur festzustellen, dass es sich bei ihr um niemand Geringeres als das besagte 'Lamm von Columbia' handelt, sondern auch dass sie über die Fähigkeit verfügt, Tore zu anderen Dimensionen zu öffnen. Mit einem Haufen Fragezeichen auf der Stirn hetzen wir von nun an in Begleitung der liebenswürdigen Elizabeth durch die Straßen Columbias auf der Suche nach einer Möglichkeit zur Flucht. Dabei verläuft unser Weg alles andere als geradlinig, doch mit jeder Wendung fügt sich das Puzzle Stück für Stück zusammen.

Columbia – einfach himmlisch!

Was den Schauplatz dieser spektakulären Irrfahrt angeht, schlägt Bioshock: Infinite  einen ganz neuen Ton an. Während wir in den ersten beiden Teilen noch durch das bedrohliche Dunkel der maroden, teils undichten Glasröhren und Kammern der Unterwasserstadt Rapture gewatet sind, leuchtet Columbia im prallen Sonnenlicht und bietet stets den Blick auf das grenzenlose Wolkenmeer, das die Himmelsstadt umgibt.

Wer die Straßen Columbias erstmals betritt, wird verharren und die leuchtenden Fassaden der Gebäude betrachten, welche auf ihren Luftkissen wie Korken im Wasser daher treiben. Blumenkränze, Grünflächen, Girlanden – alles wirkt sauber, freundlich, utopisch, wäre da nicht die allgegenwärtige Propaganda, die der Idylle einen bitteren Beigeschmack verleiht. An jeder Ecke Columbias ragen Monumentalplastiken von Prophet Comstock empor, goldene Adler zieren die Dächer und beinahe jede Mauer trägt Plakate oder Werbetafeln, die der Volkserziehung dienen. Wie bereits in den Vorgängern glänzt auch Bioshock: Infinite  hier besonders durch das tolle Art-Design im historischen Stil.

Obwohl Columbia ein echter Hingucker ist und ein spannendes Setting bietet, wurde das Potential einer schwebenden Stadt im Spielgeschehen leider kaum ausgenutzt. Zu keinem Zeitpunkt spüren wir die Gefahr der Höhe, nie droht ein Gebäude herabzustürzen, noch können wir die Kulisse spielerisch ausnutzen. Zwar bietet Columbia die Skylines (achterbahnartige Schienen, die sich durch die Gebäudeschluchten schlingen), an denen wir uns mit dem Skyhook einklinken können, um schnell von A nach B zu gelangen. Letztendlich dient dieses Feature aber nur dazu, um sich auf dem räumlich begrenzten Kampfschauplatz flink zu positionieren. Hier wäre deutlich mehr drin gewesen.

Zwischen Philosophie und Vorschlaghammer

Dagegen wurde sich bei der Entfaltung der Story sichtlich mehr Mühe gegeben. Bioshock: Infinite  profitiert ungemein von der Interaktion und den Dialogen, die sich immer wieder zwischen Elizabeth und Booker abspielen, sowie der daraus resultierenden Beziehung, die der Spieler zu dem naiven aber einfühlsamen Mädchen aufbaut. Diese Momente dienen uns als Reflexionsfläche, auf der die nicht gerade leicht verdaulichen Themen einer komplexen Geschichte rund um Religion, Rassismus, Schuld, Verantwortung, Schicksal und Selbstbestimmung angestoßen werden. Auf eines muss man sich allerdings gefasst machen: Bioshock: Infinite  wirft mehr Fragen auf, als es Antworten liefert. So wird es immer wieder vorkommen, dass der Finger zum Pausenknopf wandert, um dem Hirn die Chance zum Aufholen zu bieten.

Im krassen Gegensatz dazu stehen allerdings die ziemlich eindimensionalen Feuergefechte. Hier heißt es anvisieren, draufhalten und tonnenweise Blei in die Gegner pumpen. Für ein wenig Abwechslung sorgen lediglich unsere Vigor-Kräfte, mit denen wir Gegner kontrollieren, Feuerbälle schleudern oder kinetische Barrieren errichten können. Dringend erforderlich wird der Einsatz dieser Fähigkeiten jedoch lediglich bei den gelegentlich auftretenden Mini-Bossen wie z.B. dem Handyman, der Columbia-Version des Big Daddys.

Vor allem hier fällt Bioshock: Infinte  weit hinter seine Vorgänger zurück. Denn taktisches Vorgehen scheint an dieser Stelle weder vorgesehen noch möglich zu sein. Und so arten diese Begegnungen zwangsläufig in ein chaotisches Hit-And-Run-Gemetzel aus. Auch das neue Feature, mit dem wir Elizabeth das Schlachtfeld manipulieren lassen können, indem sie Munitionskisten, Geschütztürme oder Deckungsmöglichkeiten aus anderen Dimensionen importiert, kann daran leider nichts ändern.

Fazit: Das Beste kommt zum Schluss

Ein Grundsatz der Aeronautik lautet, überflüssigen Ballast zu vermeiden. Während es Bioshock: Infinite  mit Leichtigkeit gelingt, uns mit seinem spektakulären Setting, den erstklassig geschriebenen Charakteren und der tiefgründigen wie wendungsreichen Story auf Wolke 7 schweben zu lassen, sorgen die öden Kampf-Einlagen immer wieder dafür, dass die Begeisterung bis kurz über den Meeresspiegel sinkt, wo nur selten die Sonne scheint.

Das belastet leider auch das gesamte Spielerlebnis. Wer sich davon aber nicht abschrecken lässt und die Geschichte von Booker DeWitt, Columbia und Elizabeth bis zum Ende verfolgt, wird garantiert einige Zeit brauchen, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Denn das Finale allein – so viel sei verraten – macht aus diesem bis dahin guten First-Person-Shooter einen unvergesslichen Top-Titel.


Bioshock: Infinite

Getestet für Xbox360

Erhältlich für Xbox360, PlayStation 3, PC

USK ab 18

Mehr Infos unter www.bioshockinfinite.com

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