Gehaltsgefälle Beziehung
Zum Haareraufen: Das liebe Geld wird für viele Paare zum Problem | Foto: Thinkstock/Master1305
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02. Nov 2015

Christina Scholten

Liebe & Sex

Du und Ich. Und das Geld.

Streitthema Geld: Gehaltsgefälle in der Beziehung

Moralapostel sein - muss das sein?

Das Gefühl kam mit dem Paar Nike-Schuhen. Simon hatte seit längerer Zeit mal wieder eine größere Summe Geld am Ende des Monats übrig – keine Selbstverständlichkeit für den Studenten der Rehabilitationswissenschaften an der HU Berlin. Der beste Zeitpunkt also, um die nicht ganz preiswerten Sneakers zu kaufen, die sein modeaffines Herz höher schlagen ließen. Doch als er seiner Freundin Irina davon erzählt, war ihre erste Reaktion: "Das muss ja nicht sein." Sie fühlt sich komisch, nachdem sie das gesagt hat. Er auch. "Ich wollte gar nicht der Moralapostel sein, sondern mich für ihn freuen", erzählt die 28-Jährige.

Denn eigentlich ist Geld nie ein Thema in den zwei Jahren gewesen, in denen sie nun zusammen sind. Sogar im Gegenteil: seitdem Irina eine höhere Position bei der PR-Agentur bekommen, bei der sie seit einem Jahr arbeitet, hat sie vorgeschlagen, einen größeren Teil der Kosten für ihre gemeinsame Wohnung in Berlin zu bezahlen. "Das ist für mich gar kein Thema, ich verdiene ja einfach mehr," erklärt sie. Trotzdem gibt es manchmal, wie mit den Nike-Schuhen, kleine Auseinandersetzungen. "Aber die ebben schnell ab," sagt Simon.

"Der erste Schritt ist das Gespräch"

Unterschiedliche Gehälter Beziehung

Doch was passiert, wenn das Thema Geld auf einmal wie ein Brocken auf dem Tisch liegt, an dem man gerade noch in trauter Zweisamkeit gefrühstückt hat? Und dieser Brocken mit zum Einkaufen kommt, in die Urlaubsplanung hinein redet und im Kino zwischen einem sitzt?

"Der erste Schritt ist das Gespräch", sagt Tobias Weigl. Er kennt sich aus mit diesen Brocken Streit, denn er ist Psychologe in der Psychologischen Beratungsstelle der Universitätsklinik Essen. "Wenn es einschneidende Veränderungen im Leben gibt, wie der Eintritt ins Berufsleben, steht eine Beziehung immer auf dem Prüfstand. Doch wenn schon vorher erarbeitet wurde, dass man Enttäuschung oder Probleme offen anspricht, dann sollte das Thema Geld kein Auslöser für eine Trennung werden."

Konkrete Absprachen zur Geldverteilung helfen

Also sind vor allem Kompromisse und ehrliche Aussprachen wichtig. Denn für den Partner, der noch kein Geld verdient, kann es sich komisch anfühlen, dass der andere mehr Geld hat. "So können sich durchaus Machtverhältnisse innerhalb der Beziehung verschieben oder neu ergeben," erklärt Tobias Weigl. Auch wenn der arbeitende Partner gerne die Rechnungen übernimmt, kann das beim Gegenüber ein schlechtes Gefühl hervorrufen, erzählt Melanie* aus Bochum.

Ihr Freund René* verdient seit seinem Start ins Berufsleben im letzten Jahr deutlich mehr als sie in ihrem Anglistik-Studium. Seitdem übernimmt sie mehr Aufgaben in ihrem gemeinsamen Haushalt, um einen kleinen Ausgleich dafür zu schaffen, dass er für diesen mehr Geld beisteuert. "Wenn mir die Einladungen aber zu viel werden würden, dann würde ich das ablehnen und zum Beispiel abends lieber etwas anderes machen oder was Günstigeres vorschlagen." Das ist eine gute Strategie, meint auch Tobias Weigl.

Erst einmal solle man für sich selbst klären, welche Bedürfnisse man hat und welche nicht mehr erfüllt werden. Wenn das Problem angesprochen wird, muss jedoch darauf geachtet werden, diese Bedürfnisse nicht durch Anklagen oder Kritik durchzusetzen. Konkrete Absprachen zur Geldverteilung in der Beziehung helfen besser.

"Streitereien um Geld drehen sich nicht um Geld per se"

Also muss bei dem Thema Geld die Liebe doch nicht aufhören? Die Arbeitspsychologin Dr. Caroline Ruiner hat sich für eine Langzeitstudie bei Doppelverdienerpaaren intensiv mit dem Thema beschäftigt: "Streitereien um Geld drehen sich nicht um Geld per se. Vielmehr sind es die Vorstellungen, was die Beziehung ausmacht, die dahinter liegen."

Wenn beide Partner also das gleiche Konzept von ihrem gemeinsamen Leben haben, spielt Geld für sie keine Rolle. So hat die Studie, die elf Paare über elf Jahre begleitet hat, ergeben, dass Probleme sich dann entwickelt haben, wenn einer Ausgaben getätigt hat, die der andere argwöhnisch betrachtet. "Das hängt vor allem mit der Auffassung darüber zusammen, was man mit dem vorhandenen Geld machen kann. Ist es mein Geld, das ich für mich ausgeben kann? Oder gebe ich es für die Beziehung aus?", erklärt Caroline Ruiner. Immer dann, wenn dies beim Paar nicht gemeinschaftlich gedeutet worden ist, resultierte Streit daraus. Aber auch innerhalb der Studie eskalierte dies selten – neun von den befragten Paaren sind über den Zeitraum zusammengeblieben.

Deshalb sind die Nike-Schuhe bei Irina und Simon auch nie wieder ein Thema gewesen, denn sie haben eine sehr klare Vorstellung von dem, was sie möchten: Zusammen sein. Mit oder ohne Geld.

* Namen von der Redaktion geändert


InfoGehaltsunterschiede in der Beziehung: Tipps vom Psychologen Tobias Weigl

  • Die Grundlage für eine Lösung ist eine ehrliche Aussprache, die aber nicht von Vorwürfen und Kritik durchzogen sein darf.
  • Für das Gespräch solltet ihr euch überlegen, welche Bedürfnisse ihr habt und welche Bedürfnisse nicht vom Partner erfüllt werden.
  • Es sollten konkrete Absprachen getroffen werden, wie viel und wofür jeder bezahlt.
  • Bei Beratungsstellen findet ihr zu dem Thema professionelle Hilfe.

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