Bindungsangst
Lieben, entlieben: Warum fällt es uns so schwer, uns zu binden? | Foto: Thinkstock/stevanovicigor
Autorenbild

20. Jan 2016

Barbara Kotzulla

Liebe & Sex

Sind wir die Generation "Beziehungsunfähig"?

Experten-Interview zum Thema Bindungsangst

Bindungsangst: Kein Phänomen unserer Zeit

UNICUM: Heutzutage hört man ziemlich oft den Satz: "Ich bin einfach beziehungsunfähig!" Aber gibt es so etwas wie Beziehungsunfähigkeit überhaupt?
Stefanie Stahl: Es gibt nicht wenige Menschen, die die Nähe und Verbindlichkeit einer festen Liebesbeziehung schlecht aushalten können. Sobald die Beziehung in ein sicheres Fahrwasser gerät, überkommen sie Enge- und Erstickungsgefühle. Nach der ersten Verliebtheit stellen sich dann heftige Zweifel ein, ob der Partner überhaupt der oder die Richtige ist und die Liebesgefühle lassen nach. Andere wiederum verspüren Angst und Panik bei dem Gedanken sich von einer Person emotional abhängig zu machen. In beiden Fällen verbergen sich hinter der Bindungsscheu tiefsitzende Verlustängste, die vielen Betroffenen jedoch nicht so bewusst sind – vor allem jenen nicht, die ständig an ihrem Partner zweifeln.

Ist Bindungsangst ein Problem unserer Zeit?
Unsere Zeit begünstigt Bindungsangst, weil man sie leichter ausleben kann. Ich glaube aber nicht, dass die Menschen an sich bindungsängstlicher geworden sind. Es ist nur heute so, dass jeder ganz frei über seinen Lebens- und Liebesstil entscheiden kann. Es gibt keine gesellschaftliche Verpflichtung, dass man eine Familie gründen muss. Außerdem ist Sex durch das Internet viel leichter verfügbar – auch hierfür benötigt man also keine feste Partnerschaft.

Gleichsam muss man jedoch verstehen, dass Bindungsangst nicht zwangsläufig dazu führt, dass die Betroffenen sich nicht binden. Viele Menschen mit Bindungsangst gehen feste Beziehungen ein oder heiraten auch. Der Punkt ist, dass sie die Partnerschaft auf einem distanzierten Level gestalten – beziehungsweise, dass es starke Schwankungen zwischen Nähe und Distanz gibt. So flüchten sich die Bindungsängstlichen beispielsweise in die Arbeit oder in Hobbys, um somit die gemeinsame Zeit mit ihrem Partner zu begrenzen. Nach einer leidenschaftlichen Anfangszeit geht die Sexfrequenz häufig auf null zu. Sie schotten sich innerlich ab, gehen fremd, legen sich nicht auf Zukunftspläne fest usw.

Ich bin überzeugt, dass es früher viel mehr solcher unglücklichen Beziehungen mit bindungsängstlichen Strukturen gab. Äußerlich gesehen, waren diese Menschen also fest gebunden. Heute fallen sie eher auf, weil sie sich schneller trennen und zwischendurch immer wieder Single sind oder in die nächste Beziehung flüchten.


Generation Beziehungsunfähig


Von Selbstwertgefühl und starken Zweifeln

Was bedeutet Bindungsangst überhaupt – sprich: Wovor haben die Menschen wirklich Angst? Und woher stammen diese Ängste?
Bindungsängstliche bekommen in ihrem Gefühl zwei Dinge nicht unter einen Hut: Ich kann in einer festen Beziehung leben und ein freier Mensch sein! Sie meinen, sich in einer Partnerschaft für die Ansprüche und Erwartungen ihres Partners einschränken und verbiegen zu müssen. Das löst in ihnen einen Fluchtimpuls aus.

Die tieferliegende Ursache ist ein labiles Selbstwertgefühl. Sie meinen, so, wie sie wirklich sind, kann man sie nicht lieben. Die Lösung ist, sich den Bedürfnissen des Partners anzupassen. Dies ruft in den Betroffenen aber schnell das Gefühl hervor, sich selbst zu verlieren. Deswegen müssen sie sich knallhart von den Nähewünschen ihrer Partner abgrenzen. So richtig frei und unabhängig fühlen sich Bindungsängstliche nur, wenn sie allein sind. Dann können sie ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse am besten verspüren.

Die Ursache liegt in den meisten Fällen in der Kindheit: Die Liebe der Eltern war an zu viele Bedingungen geknüpft. Manche sind auch an der Bedürftigkeit und den Liebeswünschen eines Elternteils (meistens der Mutter) erstickt. Und/oder die zerrüttete Beziehung der eigenen Eltern hat ein tiefsitzendes Misstrauen in Liebe und Beziehung erzeugt.

Oft sagt man dann, dass man den oder die Richtige/n einfach nicht findet. Aber sind wir heutzutage nicht einfach zu wählerisch geworden?
Symptomatisch für Bindungsangst sind nach anfänglicher Verliebtheit starke Zweifel, ob der Partner überhaupt die oder der Richtige ist. Dahinter verbergen sich zumeist eigene Selbstzweifel. Der Partner dient auch als Prestigeobjekt. Zeigt er Schwäche, dann fällt das auf einen selbst zurück. Will man die Schwächen seiner Partner akzeptieren, dann muss man auch mit seinen eigenen Schwächen umgehen können. Wer meint, er müsse möglichst perfekt sein, um Anerkennung zu finden, überträgt dieses Denken auch auf den Partner, der schließlich der verlängerte Arm der Selbstdarstellung ist. Das Problem ist, dass die wenigsten Menschen mit den perfekten Schönheiten aus den Medien mithalten können und sich deswegen sehr schnell Gefühle von Minderwertigkeit einstellen.

Allerdings gibt es noch eine weitere Ursache für die Zweifel an der Partnerschaft, nämlich die Angst vom Partner verlassen zu werden. Um diese zu bewältigen, redet man sich den Partner schlecht. Allerdings ist den wenigsten dieser Zusammenhang bewusst. Bewusst empfinden die Betroffenen nur ihre schwächelnden Liebesgefühle.

Die 3 Phasen der bindungsängstlichen Beziehung

In welcher Phase scheitern die meisten Beziehungen an einer Bindungsangst?
Die Beziehung wird meistens dann kompliziert oder sie scheitert, wenn eine nächste Stufe der Verbindlichkeit ansteht. So zum Beispiel, wenn es an der Zeit ist, sich zu dem Partner und der Beziehung zu bekennen oder die Frage im Raum steht, zusammenzuziehen. Bei einigen bricht die Bindungsangst auch erst nach der Heirat aus. Bei manch "Hochsensiblen" aber auch schon nach der ersten Nacht. Bindungsängstliche Beziehungen weisen einen typischen 3-Phasen Verlauf auf.

  • Phase: leidenschaftliche Verliebtheit.
  • Phase: Ambivalenz und Zweifel an der Partnerschaft.
  • Phase: Flucht aus der Beziehung und Schluss machen.

Häufig kommt dann noch Phase 4: Wiedervereinigung. Sobald nämlich Schluss ist und vom bindungsängstlichen Partner der Druck abfällt, stellt dieser häufig fest, dass er seinen Expartner vermisst und er will ihn wieder haben. In kürzeren Abständen wiederholen sich dann die Phasen 1-3. Das Drama der meisten Bindungsängstlichen ist, dass sie wenig bindungswilligen Partnern hinterherlaufen und vor Partnern, die sie sicher haben könnten, davonlaufen. Ganz nach dem Motto: Ich liebe nur jene, die ich nicht kriegen kann.

Braucht es einen starken Partner, um jemand beziehungsunfähigen zu einem beziehungsfähigen Menschen zu wandeln?
Normalerweise geht Penetranz nach hinten los, weil sie die Druckgefühle im Bindungsängstlichen erhöht. Außerdem finden viele bindungsängstliche Partner, die ihnen hinterherlaufen, ziemlich abtörnend. Eigentlich kann der Partner sich nicht richtig verhalten, weil die Bindungsangst im Betroffenen verankert ist, der sich nur durch Selbsterkenntnis heilen kann. Strategisch klug ist es aber, wenn die Partner dem Näheflüchter möglichst nicht hinterherlaufen.

Außerdem sollten sie sich unbedingt mit ihren eigenen Anteilen an der Beziehung beschäftigen. Die meisten liebessüchtigen Partner, die einem Bindungsängstlichen hinterherschmachten, fühlen sich extrem abhängig und hilflos. Dabei ist es in vielen Fällen so, dass sie deshalb so rasend verliebt sind, gerade weil ihr Partner sich nicht sicher binden will. Bindungswillige Kandidaten finden sie hingegen oft gar nicht so spannend. Die Partner leiden nämlich häufig selbst unter Bindungsangst.

Liebe ist eine Frage der inneren Entscheidung

Welchen Tipp oder Ratschlag können Sie jungen Menschen, die an der Liebe verzweifeln, mit auf den Weg geben?
Liebe hat wenig mit dem hysterischen Gefühl der Verliebtheit am Anfang zu tun. Dieses Gefühl ist zwar berauschend und macht einen völlig high, aber auch gerade deshalb ist es ein schlechter Ratgeber, weil wir den oder die Angebetete/n in einem völlig verzerrten und rosaroten Licht wahrnehmen. Auch uns selbst präsentieren wir in dieser Phase von der besten Seite, was in späteren Stadien der Beziehung zu der Sorge führen kann "aufzufliegen", wenn der Partner mal merken sollte, wie man "wirklich" ist.

Aber genau dieses Gefühl, letztlich nicht zu genügen und irgendwie eine "Attrappe" zu sein, ist häufig die Grundlage von Bindungsangst. Deswegen ist es so wichtig, sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen richtig einzuschätzen und zu beidem zu stehen. Die Arbeit an seinem eigenen Selbstwertgefühl ist für eine glückliche Liebesbeziehung mithin die beste Investition, die man tätigen kann. Authentizität ist nämlich die unabdingbare Voraussetzung für eine nahe und lebendige Liebesbeziehung. Und für eine solche ist es noch nicht einmal notwendig, dass man anfänglich höllisch verliebt ist.

Liebe ist letztlich eine Frage der inneren Entscheidung: Wenn man einen potenziellen Kandidaten hat, den man äußerlich durchaus akzeptabel findet und mit dem man viele gemeinsame Interessen, Hobbies und Werte teilt, dann ist dies eine sehr gute Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft. Häufig eine viel bessere als die rasende Anfangsverliebtheit.


Psychologin Stefanie Stahl

Die Expertin

Stefanie Stahl, Jahrgang 1963, hat an der Universität Trier Psychologie studiert. 20 Jahre lang hat die gebürtige Hamburgerin als Gutachterin für Familiengerichte gearbeitet, heute bietet sie freiberuflich Seminare, Vorträge und Beratung zu Themen wie Bindungsangst und Selbstwertgefühl an.

Stahl hat zudem bereits mehrere Bücher veröffentlicht, darunter "Ja, nein, vielleicht: Ein Mutmachbuch" und "Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen".

Artikel-Bewertung:

3.14 von 5 Sternen bei 410 Bewertungen.

Deine Meinung: