Containern
Dumpstern: Strafbar wird's, wenn Supermärkte ihre Container abschließen | Foto: Thinkstock/lolostock

Zündstoff

 

Zero Waste

Zero Waste: Leben ohne Müll

Konsum runter – Umweltbewusstsein rauf

Heutzutage muss alles schnell gehen. Dabei greifen wir im Supermarkt kurzerhand ins Regal, ohne uns Gedanken um unseren tatsächlichen Bedarf und den damit verursachten Ab ... mehr »

Autorenbild

02. Mai 2017

Teresa Groß

Zündstoff

Containern: Müll essen aus Protest!

Kampf der Lebensmittelverschwendung

Im Abfall wühlen aus Überzeugung

"Je tiefer du reingehst, umso ekliger wird es": Wenn Tatjana* (30) ihr ungewöhnliches Hobby beschreibt, passt das nicht so richtig zu den gehäkelten Stuhldeckchen auf ihrem WG-Balkon. Die Großstädterin promoviert gerade in Deutscher Literatur und hätte es eigentlich nicht nötig, im Müll nach Essen zu wühlen. Aber genau das tut sie und zwar aus Überzeugung.

Seit vier Monaten gehen Tatjana und ihre Mitbewohner ein- bis dreimal pro Woche containern: Sie bedienen sich in den Mülltonen großer Supermärkte und Discounter und füllen mit dem, was sie dort finden, ihren Kühlschrank. Das, was die Märkte wegwerfen, ist keinesfalls alles Müll. Von den meisten ihrer Streifzüge kommen Tatjana und ihre Mitbewohner zurück wie von einem Großeinkauf.

Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, zieht Tatjana meist mit nur einem ihrer drei Mitbewohner los. Ein bis zwei Stunden nach Schließung der Märkte steuern sie zwei nebeneinanderliegende Supermärkte an. Als Ausrüstung haben sie leere Eierkartons, ein Schmutz-Handtuch für den oft verschmierten Tonnenrand, Tragetaschen und Stirnlampen dabei. Alles muss schnell gehen. Ekel empfindet Tatjana keinen mehr. Sie wühlt inzwischen auch ohne Gummihandschuhe. "Ich empfehle das obere Drittel der Tonnen, weil da die Sachen oft unversehrt und oft sogar noch schön sortiert sind. Mal in gammlige Sachen zu fassen, macht mir überhaupt nichts aus. Die Freude über unsere Beute ist mir das auf jeden Fall wert."

Containern: Schont Konto und Umwelt

Stolz zeigt die Lebensmittel-Aktivistin, die es sich zum Ziel gesetzt hat, so wenig Müll wie möglich zu produzieren, Fotos ihrer Funde. "Schon zweimal haben wir deutschen Imkerhonig im Wert von über 50 Euro rausgezogen. Außerdem finden wir öfter Räucherfisch, üppige Käseplatten, Sushi, kiloweise Erbeeren oder jetzt in dieser Jahreszeit auch weißen und grünen Spargel."

Solche Funde erleichtern die WG-Kasse und machen auch in Tatjanas Monatsbudget einen deutlichen Unterschied: "Im Vergleich zu früher gebe ich 60 bis 70 Prozent weniger Geld für Lebensmittel aus", erklärt die 30-Jährige, die auch schon ein Hotel für Wildbienen gebaut hat und sich mit umweltschonenden Trends wie Upcycling und DIY beschäftigt. "Obwohl wir das gar nicht im großen Stil betreiben, spare ich jeden Monat etwa 100 Euro."


containern lebensmittel retten


Lebensmittelverschwendung entgegenwirken

Einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zufolge werden in Deutschland jedes Jahr knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall entsorgt. Bei solchen Zahlen bekommt Tatjana eine Zornesfalte auf der Stirn. Den Fehler im System sieht sie einerseits im "absurden Mindesthaltbarkeitsdatum". Die meisten Lebensmittel sind ihrer Erfahrung nach weit über das ausgewiesene Datum hinaus genießbar.

Außerdem findet sie es falsch, dass die industrielle Lebensmittelproduktion so billig geworden ist, dass es für die Supermärkte mehr Kosten bedeutet, mangelhafte Lebensmittel auszusortieren als sie ungeachtet ihres Zustands zu entsorgen. Die übersteigerten Erwartungen der Verbraucher sind für Tatjana ein weiterer Grund: Alles muss zu jeder Zeit verfügbar sein.

Für Tatjana ist das ein Grund zum Protest. "Es ist ein netter Nebeneffekt, dass ich durch das Containern Geld spare, aber das ist nicht meine Hauptmotivation. Ich mache das in erster Linie aus politischen Gründen." So wie Tatjana geht es vielen ihrer Mitstreiter. Ein Teil der Containerer, die auch Mülltaucher genannt werden, handeln aus finanzieller Not. Immer mehr Menschen erkennen in dieser Form der Nahrungsbeschaffung aber auch die Möglichkeit, gegen die Produktionsweise der Lebensmittelindustrie zu protestieren.

Nachts im Kapuzenpulli auf Parkplätzen, in Tiefgaragen oder Industriegebieten einen Eintrag ins eigene Vorstrafenregister zu riskieren, war früher Sache der Schmierer, Sprayer und Graffitti-Künstler. Heute sind sie nicht die einzigen, die für ein politisches Statement Ärger mit dem Gesetz riskieren.

Besser nicht erwischen lassen!

Die Angst, erwischt zu werden, schwingt auch bei Tatjana immer mit. Rechtlich gesehen ist das Containern eine Grauzone. Nach dem in Deutschland gültigen Abfallrecht (ja, so etwas gibt es) ist Weggeworfenes so lange Eigentum des Besitzers, bis es abgeholt wird – etwa von einer Entsorgungsfirma.

Sobald Supermärkte und Discounter ihre Mülltonnen in irgendeiner Form unzugänglich machen oder sichern, machen sich Mülltaucher also strafbar. Dann wird aus dem guten Gedanken nämlich Hausfriedensbruch beziehungsweise Diebstahl. In Österreich und der Schweiz ist das übrigens anders. Hier gilt Müll generell als herrenlos, und damit ist es legal, Lebensmittel aus dem Müll zu holen.

Taste the Waste

Containern ist kein neues Phänomen. Mit der Kino-Dokumentation "Taste the Waste" aus dem Jahr 2011 und dem dazugehörigen Kochbuch wurde das Thema in Deutschland bekannt. Inzwischen gibt es mehrere Facebook-Gruppen, in denen sich Mülltaucher für gemeinsame Streifzüge verabreden oder Tipps für gute Spots austauschen. Neben allgemeinen Gruppen wie "Containern und Dumpstern" mit rund 6.500 Mitgliedern sind die meisten Facebook-Gruppen auf einzelne Städte bezogen, darunter die drei größten: "Containern in Berlin" mit 3.400 Mitgliedern, "Containern in Hamburg" mit 1.450 Mitgliedern und "Containern in Köln" mit 1.170 Mitgliedern.

Den eigenen Konsum überdenken

Für die Zukunft wünscht sich Tatjana, dass Supermärkte das Containern weiterhin dulden. Sie sieht es realistisch: "Es müssen nicht alle Menschen aus dem Müll leben. Aber wenn jeder seinen Lebensmittelkonsum ein bisschen überdenken würde und ein, zwei Ansätze fände, um sein Konsumverhalten in eine bessere Richtung zu lenken, würde sich sehr viel verändern."

Tatjana hat mit dem Containern eine ganz konkreten Weg gefunden, um der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Die Doktorandin sieht darin nur Vorteile: "Als bewusste Verbraucherin stand ich früher vor dem Dilemma: Wie kann ich Müll vermeiden und gleichzeitig nachhaltig, regional und bio einkaufen?", erinnert sich Tatjana. "Diese Fragen stelle ich mir jetzt gar nicht mehr. Ich nehme einfach das, was gerade da ist, und das ist dann von vorn herein schon nachhaltig."

Containern heißt auch kreativ Kochen

Wer containert, muss mitunter kreativ sein, was das Kochen angeht. Oft sind von einem Lebensmittel große Mengen vorhanden, die schnell verarbeitet werden müssen. Tatjana und ihre WG-Mitbewohner kochen viel öfter zusammen, seit sie containern. Oft laden sie sogar Freunde ein, weil sie nicht alles alleine essen können. Die gemeinsame Jagd nach Essbarem schweißt sie zusammen und ist ein richtiges WG-Event geworden. Sogar ihre Mutter konnte Tatjana schon mit dem Mülltauch-Virus infizieren. "Die kam vor einer Weile auch mal mit, um den Kick zu spüren."


* Tatjana heißt in Wirklichkeit anders. Da man sich mit Containern aber aktuell noch in einer Grauzone bewegt, möchte die Lebensmittel-Aktivistin lieber anonym bleiben.

Artikel-Bewertung:

3.34 von 5 Sternen bei 118 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung: