Dumme Studierende
Dumm studiert gut – Klischee oder Wirklichkeit? | Foto: Thinkstock/Alexa Mitiner
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08. Okt 2014

Ann-Christin Kieter

Zündstoff

Dumm studiert gut: Mangelnde Intellligenz bei deutschen Studenten?!

Wer googeln kann, ist klar im Vorteil

Theoretisches Wissen ist nicht entscheidend

Ein Drittel der Studierenden in Deutschland gehöre nicht an die Uni, so der provokative Standpunkt des Marburger Soziologie-Professors Dirk Kaesler. Er ist der Meinung, viele studierten nur mangels Lehrstelle und Alternative. Sie seien weder den Anforderungen gewachsen noch bereit, zu lesen und zu lernen. Diesen Eindrücken wollte Gerhard Wolf von der Universität Bayreuth nachgehen. Der Professor für Ältere Deutsche Philologie befragte seine Kollegen über die Studierfähigkeit ihrer Studenten – und erfuhr Schlimmes. Der Umgang mit Sprache, Schrift, Grammatik und Interpunktion lasse zu wünschen übrig.

Auch Mathematik sei ein großes Problem. Wolf geht davon aus, dass das eine Folge der um ein Jahr verkürzten Schulzeit sei. Früher sei die  Grundbildung breiter und damit die Vorbereitung für ein Studium besser gewesen. Während seine Generation in Wort, Schrift und Mathematik so firm war, dass sie ein Studium ohne Weiteres aufnehmen konnte, müssen Vorkurse heute die fehlenden Kenntnisse der zu jungen Studenten kompensieren. "Heute wissen einige Studenten nicht mehr, wann der Zweite Weltkrieg war, oder fragen ernsthaft, ob Hitler die DDR gegründet hat", erzählt Wolf aus seinem Uni-Alltag.

Trotzdem schließt er sich nicht der Meinung an, dass junge Leute dümmer seien: "Es verändert sich nur die Operationalisierung der eigenen Intelligenz." Das heißt, theoretisches Wissen ist nicht entscheidend, solange man weiß, wie man an Informationen kommt. Der entscheidende Unterschied zu früheren Generationen sei, dass sich mit den neuen Medien auch das Bildungsverhalten wandle. Statt Fakten und Daten zu lernen, glaubten die Studenten, es reiche zu wissen, wo es im Internet stehe. "Die Studenten von heute haben Qualitäten in anderen Bereichen, beispielsweise dem Multitasking oder im Umgang mit den verschiedenen Medien."


Alles halb so schlimm bei deutschen Studierenden?

  • Tino Bargel, Hochschulforscher und Soziologe der Uni Konstanz: "Die Studenten sind nicht wirklich dümmer – das ist ein Denk- und Wahrnehmungsfehler, eine 'soziale optische Täuschung'. Grund ist die stark gestiegene Anzahl der Studenten. Als Folge der Bildungsexpansion gibt es natürlich mehr 'dumme Studierende' – aber auch mehr kluge. Die heutige Generation ist genauso 'studierfähig' wie frühere, nur die 'Studierbarkeit' der Angebote hat sich verschlechtert: rigider, härter, regulierter, langweiliger, mehr Prüfungen."
     
  • Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk: "Das Studium ist nicht mehr so ein geschützter Bereich wie früher, es gibt keine Phase mehr des Experimentierens und der Selbstfindung. Vielmehr wird es heute nicht zuletzt wegen Zeit- und Konkurrenzdrucks ganz ökonomisch betrachtet. Wenn ich Bildung stärker formalisiere, in Credit Points parzelliere und viel stärker quantifiziere, muss ich mich nicht wundern, wenn der Studierende fragt: Professor, wie viele Credit Points kriege ich denn bei dir?"
     
  • Heinz-Elmar Tenorth, Berliner Bildungshistoriker: "Das Zeitbudget fürs Studium ist begrenzt, ebenso die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Fortkommen an der Universität zu übernehmen. Ich sehe darin aber kein Defizit, sondern eine Differenz. Der kulturelle Hintergrund von Studenten und Professoren klafft einfach immer weiter auseinander. Jede neue Professorengeneration klagt besonders dann über ihre Studenten, wenn der eigene Abstand zum Studium eine Generation alt ist und sie nicht mehr wissen, wie es ist, Student zu sein. Ich selbst habe bis 2011 an der Humboldt-Universität gelehrt und fand dennoch die neue Studentengeneration viel ermutigender und produktiver. Durch die Verbindlichkeiten in den Prüfungsordnungen mussten die Studenten einfach aktiver mit arbeiten. Das waren fast die schönsten Lehrjahre meiner Tätigkeit."

Muss ich das alles lesen? von Alix Both

Unerhörtes aus dem Uni-Alltag

Nachgefragt bei Alix Both – Professorin undercover. In "Muss ich das alles lesen, Frau Professor? Unerhörtes aus dem Uni-Alltag" erzählt eine 38-jährige Vertretungsprofessorin unter Pseudonym mit einem Augenzwinkern von ihren Studenten, die am liebsten ohne was zu tun gute Noten abstauben wollen.

UNICUM: Ihr Buch hat den Titel "Muss ich das alles lesen, Frau Professor?". Heißt das, alle Studenten sind faul?
Alix Both: Nee, das glaube ich nicht. Durch die Einführung des Bachelors liegen mehr kleinteilige Arbeiten an, deswegen ist die Vorbereitungszeit für Veranstaltungen weniger geworden. Ich nenne das auch "Durchlauferhitzer-Studium". Studis müssen sich durch immer mehr Stoff fressen, der ohne Umweg über das Gehirn direkt wieder ausgeschieden wird. Der Druck kommt sicher auch von außen, durch die ganze Praktika-Thematik und die Frage, mit welchen Sprachen und wie man sich noch fit machen kann für den Beruf. Ich will das jetzt nicht nur den Studierenden zuschreiben.

Aber Sie schreiben schon, dass Studierende das Lesen verlernt haben.
Ich höre das immer von Kollegen, da ist gleich so eine Kulturkritik mit im Spiel. Aber wenn man ehrlich ist, hat sich unser aller Arbeitsverhalten stark verändert. Das beobachte ich an meiner eigenen Aufmerksamkeitsspanne, wie lang ich beispielsweise an einem Text sitzen kann, bevor ich wieder im Internet google oder E-Mails lese. Außerdem führen elektronisch zur Verfügung gestellte Texte dazu, dass man ständig zwischen den vielen Dateien, die man da gerade so jongliert, hin- und herswitcht. Diese konzentrierte Ruhe, die man früher in der Bibliothek, teilweise Stunden über ein Buch gebeugt, hatte, kennen einige vielleicht gar nicht mehr.

Wie können Dozenten ihre Studierenden denn am besten unterstützen?
Man sollte die Studis von ihren Frustrationserlebnissen kurieren. Es ist normal, dass man wissenschaftliche Texte mehrmals durchlesen muss. Meine Idee ist, sie in ihren eigenen Interessensgebieten abzuholen. Mir fällt immer wieder auf, wie viel engagierter und geradezu feurig das Interesse wird, wenn sie merken, dass es etwas mit ihrer eigenen Lebenswelt zu tun hat. Das ist dann nicht mehr nur eine formale Vorgabe, irgendwas zu lesen.

Das klingt, als hätte sich die neue Studentengeneration auch zum Positiven verändert?
Ja, sie besitzt viel mehr Selbstsicherheit. Ich kriege kaum mit, dass Leute sich nicht trauen, ihre Präsentationen zu halten. Außerdem hat sie auch die Fähigkeit, auf Augenhöhe mit den Dozenten zu reden und viel weniger Angst und Respekt zu spüren. Das ist wirklich ein hierarchiefreierer Umgang.

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