Eltern
Wenn es nur immer so harmonisch mit den Eltern wäre... | Foto: Thinkstock/Kikovic
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06. Okt 2017

Sandra Will

Zündstoff

Warum vergessen wir, dass unsere Eltern auch nur Menschen sind?

Rücksicht nehmen? Bei den Eltern doch nicht.

Wenn mich meine Eltern bitten, etwas im Haushalt zu tun, antworte ich meistens mit "Jetzt nicht" oder "Wenn ich Zeit habe, vielleicht". Das klingt vielleicht nach einer pubertären 16-Jährigen, sicherlich aber nicht nach einer verantwortungsbewussten Studentin. In teuren Großstädten ist es sicherlich keine Schande, noch bei den Eltern zu wohnen, sich als quengelndes Kind aufzuführen aber schon.

Insbesondere die eigenen Eltern fragen sich dann wahrscheinlich, was sie falsch gemacht haben, wieso sich ihr eigentlich längst erwachsenes Kind nicht genauso einbringen kann wie jedes andere Familienmitglied – und manchmal frage ich mich das auch.

Wenn ich in einer ruhigen Minute realisiere, was ich meinen Eltern wieder an den Kopf geworfen habe, obwohl ich mich doch eigentlich für ihre Unterstützung dankbar zeigen sollte, zweifle ich manchmal an meinem eigenen Mitgefühl. Rücksicht nehmen? Bei den Eltern doch nicht, schließlich sind sie diejenigen, die 24 Stunden am Tag am Meckern sind, die mir ständig vorhalten, meine Klamotten liegen zu lassen und diejenigen, die sich sogar über meine schlechte Laune beschweren.

Wieso also sollte ich ihnen nicht ins Gesicht sagen, dass ich und nur ich selbst über die Ordnung oder Unordnung in meinem Zimmer entscheide?

Warum bin ich ein anderer Mensch, wenn ich mit meinen Eltern in Konflikt gerate?

Seit ich einen eigenen Sinn für gewisse Dinge im Haushalt entwickelt habe, sage ich es geradewegs heraus, wenn ich die Ordnung meiner Eltern für übertrieben halte. Ich werfe ihnen Spießertum vor und wähle meine Worte unbedacht – auch wenn ich sie hinterher bereue. Eine offene Entschuldigung bringe ich dann aber meistens nicht über die Lippen, stattdessen versuche ich, das zu erledigen, worum sie mich gebeten haben oder sogar etwas zu tun, bevor sie mich überhaupt danach fragen – das ist meine Art von Entschuldigung.

Man könnte mich jetzt für einen verwöhnten Menschen halten, der weder Mitgefühl, Dankbarkeit noch Rücksicht zeigen kann, wären da nicht meine Freunde, die vom Gegenteil überzeugt sind. Warum also bin ich ein völlig anderer Mensch, wenn ich mit meinen Eltern in Konflikt gerate?

Der Unterschied zwischen Eltern und Freunden

Erstens und letztens: Es sind nur meine Eltern, wobei das "nur" zu viel Platz einnimmt. Ich konnte und kann mich immer auf sie verlassen, ich musste ihnen nichts beweisen, damit sie mich so lieben wie ich bin. Es war die Bedingung, die sie eingingen, als ich zur Welt kam. 

Wenn ich etwas an meinen Freunden auszusetzen habe, wähle ich meine Worte viel bedachter. Ich bin immer noch ehrlich zu ihnen, aber versuche ihnen meine Meinung zu erklären und mich nicht aus Prinzip gegen sie zu stellen. Warum? Weil ich Angst habe, dass ich sie vergraulen könnte und weil ich selbst auf diese Weise von ihnen behandelt werden möchte. Eigentlich ist es ein Wunder, dass mich meine Eltern nicht schon längst so behandeln wie ich sie, aber wenn sie doch einmal schlechte Laune haben und mich scharf angehen, feuere ich gleich zurück.

Dabei sollte ich gerade in solche Situationen meine Zunge hüten, Rücksicht darauf nehmen, dass auch meine Eltern mal einen schlechten Tag haben und sich nicht noch mit den schlechten Angewohnheiten ihres Kindes beschäftigen möchten. Denn gerade in solchen Momenten liegt die Aufgabe nicht bei meinen Eltern, ihre Liebe für mich zu zeigen, sondern bei mir, indem ich zeige, dass ich ihr Vertrauen verdiene.

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