Feminismus
Feminismus ist für jede/n | Foto: Thinkstock/Rawpixel Ltd

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16.08.2016

Feminismus heute

Es wird Zeit für modernen Feminismus!

Zwischen #aufschrei und Pinkstinks

Fällt heutzutage der Begriff "Feminismus" verdreht manch einer genervt die Augen. "Frauen dürfen wählen gehen und auch sonst alles machen, was sie wollen. Was wollt ihr d ... mehr »

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12. Jun 2017

Hannah Essing

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Frauensache? Der Feminismus-Klischee-Check

Feminismus im Reality-Check

Im 21. Jahrhundert ist Feminismus immer noch ein Thema, nicht zuletzt, da Regierungen wie die von Donald Trump sich mit komplett männlicher Besetzung versuchen, in die Rechte der Frauen einzumischen. Große mediale Beachtung bekam der Feminismus beim Women’s March am 21. Januar 2017, als Millionen von Frauen in Washington, London, Paris und vielen anderen Städten auf die Straße gingen, um für Frauenrechte zu protestieren.

Aber wie viele Bewegungen ist auch der Feminismus nicht perfekt. Stimmen aber die Klischees, die viele über wütende Frauen, "Feminazis" und Männerhass haben? Antworten hat Julia Korbik parat, freie Journalistin und Autorin von "Stand Up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene".

Klischee 1: Nur Frauen können Feministinnen sein.

Julia KorbikDas hört man öfter – nur Frauen können Feministinnen sein. Feminismus will Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen schaffen, in jedem Bereich des Lebens. Und das ist definitiv ein Ziel, dass Männer nicht nur unterstützen können, sondern auch sollten! "Wenn wir wirklich wollen, dass sich was verändert in unserer Gesellschaft, dann kann es nicht sein, dass sich nur eine Hälfte dieser Gesellschaft, nämlich die Frauen, dafür einsetzen. Da muss die andere Hälfte auch mitmachen", meint Julia Korbik. Kurzum: Jede/r kann ein/e Feminist/in sein! 

Klischee 2: Feministinnen hassen Männer.

Klischee stammt höchstwahrscheinlich noch aus den 70er-Jahren. "Damals hat sich die neue deutsche Frauenbewegung in Deutschland gegründet, und die bestand nun mal hauptsächlich aus Frauen", erklärt Julia. "Frauen haben BHs 'verbrannt' – zwar nicht wortwörtlich, aber sie haben sich von ihnen frei gemacht. Solche Symbole hängen noch ein bisschen nach." Dazu kommt, dass viele immer noch falsch verstehen, dass es beim Feminismus gar nicht darum geht, gegen Männer oder besser als Männer zu sein, sondern um eine Gleichstellung. Feministinnen hassen also keine Männer, sondern kämpfen gegen eine patriarchische Gesellschaft.

Außerdem ist Feminismus immer mit Kampf verbunden: "Es ist ein Kampf um gleiche Rechte und dieser Kampf muss natürlich auch geführt werden. Viele Leute empfinden das dann gleich als wahnsinnig aggressiv, aber ich denke, wenn man nicht kämpft und sich nicht einbringt und nicht für diesen Wandel eintritt, dann wird sich auch nichts ändern", meint Julia.

Klischee 3: Alle Feministinnen sind lesbisch.

"Natürlich gibt es auch einen lesbischen Feminismus. Der war besonders in den 1970ern und 1980ern einflussreich und propagierte die bewusste Entscheidung für Homosexualität als politischen Akt. Lesbische Frauen haben einen großen Beitrag zur Frauebewegung geleistet und tun es immer noch", erklärt Julia, woher das Klischee, dass Feministinnen grundsätzlich lesbisch sind, kommt. "Ich glaube, das ist ein bisschen hängen geblieben, weil das auch die Zeit war, in der Homosexualität zum ersten Mal wirklich zum Thema wurde." Gerade weil Feministinnen nicht nur für die Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch für die Gleichberechtigung aller sexuellen Orientierungen stehen, ist es für einige einfach, das starke Interesse daran gleich anders zu deuten.

"Gleichzeitig ist es ein Mittel, Frauen stumm zu schalten", erklärt Julia weiter. "Wenn man sagt: Du bist lesbisch, du bist ja auch Feministin, dann ist das gleich eine Abwertung von dir als Frau, weil du absichtlich in deiner Sexualität abgewertet wirst. Du bist lesbisch, deshalb bist du eh uninteressant für Männer und deswegen hast du eigentlich auch nichts zu sagen oder das, was du zu sagen hast, ist unwichtig. Quasi: Ist ja klar, dass dir nichts anderes übrig blieb, als Feministin zu werden."

Klischee 4: Feminismus ist eine Bewegung für weiße Frauen aus der Mittelschicht.

Da ist noch Luft nach oben! Gerade Postfeminismus bekommt oft unterstellt, eine Bewegung für weiße Frauen aus der Mittelschicht zu sein und dass die Probleme, die Frauen auf der ganzen Welt erleben müssen, keine universellen Erfahrungen sind. Und das stimmt! Deshalb wird intersektionaler Feminismus immer wichtiger. Der steht dafür, nicht nur das Geschlecht zu beachten, sondern sich auch mit Themen wie Ethnizität, Geschlechterrollen, Geschlechtsidentität, gesellschaftlichen Schichten, Behinderungen und vielem mehr zu beschäftigen und zu akzeptieren, dass es nicht nur "den einen Feminismus gibt", der zu allen passt.

"In jeder Lebenslage ist Heterogenität besser als Homogenität. Es kann einfach nicht gut sein, wenn eine Gruppe von Menschen, die sich alle ähneln, Entscheidungen treffen. Im Feminismus ist das das gleiche. Man kann so viel lernen, wenn man auch mal Menschen zuhört, die andere Erfahrungen gemacht haben, die andere Hintergründe haben, eine andere sexuelle Orientierung haben. Das kann nur gut sein," meint Julia.

Klischee 5: Feministinnen rasieren sich nicht.

Jede, wie sie mag! Dass Frauen sich überhaupt rasieren, begann erst in den 1920er-Jahren und wurde von verschiedenen Werbungen und Modezeitschriften vertreten, ehe es zum Trend wurde. Schaut man Filme aus den 80er-Jahren, sieht man immer noch unrasierte Achseln und Beine, während rasierte, glatte Haut heute kaum noch wegzudenken ist. In den letzten fünf Jahren ist in der Hinsicht allerdings viel passiert – viele Feministinnen sprechen sich dafür aus, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen, ohne sich von gesellschaftlichen Standards beeinflussen zu lassen.

"Es gibt die Vorstellung, dass Feministinnen generell alles ablehnen, was irgendwie weiblich ist", erklärt Julia. "Was auch mit den Anfängen in den 70er-Jahren zusammenhängt. Damals war es ein radikaler Akt, sich nicht zu rasieren, sich die Haare kurz zu schneiden oder keinen BH zu tragen, um zu zeigen: 'Ich bin mehr als mein Körper!'" Für einige gehört dazu, sich nicht mehr zu rasieren, wie der beliebte Hashtag #pithairdontcare zeigt. Letztendlich geht es vor allem darum, dass jeder die Entscheidung selbst überlassen wird – und dass es okay ist, egal wie man sich entscheidet.

Klischee 6: Wir brauchen keinen Feminismus mehr.

"Feminismus ist überflüssig, wir haben doch schon Gleichberechtigung" hört man immer mehr. Tatsächlich verdienen Frauen in Deutschland um die 21 Prozent weniger als Männer (was etwa 79 Cent für jeden Euro, den ein Mann verdient, sind), sexualisierte Gewalt ist noch immer ein gewaltiges Problem und momentan versuchen gerade männliche Politiker, sich in die reproduktiven Rechte von Frauen einzumischen (wie beispielsweise in den USA, wo die Abtreibungsgesetze regelmäßig verschärft werden).

Aber viele Menschen sind gut darin, Ungleichheiten in ihrem Alltag nicht wahrzunehmen, meint Julia. "Viele Frauen werden in ihrem Leben die Erfahrung machen, dass sie anders behandelt werden als Männer und dass nicht alles gut ist. Man könnte so viele Gründe aufzählen, warum Feminismus noch wichtig ist, von dem alltäglichen Sexismus über die Gender-Pay-Gap bis zu dem Mangel an Frauen in Führungspositionen. Oder auch die Tatsache, dass viele immer noch nicht mitdenken, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt, sondern auch Menschen, die sich ganz anders definieren. Frauen nehmen hauptsächlich Elternzeit, um sich um die Kinder zu kümmern, während bei dem Vater oft überhaupt keine Verantwortung gesehen wird. Es gibt viele Sachen, bei denen man nur die Augen aufmachen und hingucken muss, um zu sehen, wie viele Probleme es eigentlich noch gibt."

Solange wir es also nicht eine politische, soziale und gesellschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter und Sexualitäten zu schaffen, hat der Feminismus noch einen langen Weg vor sich und ist längst nicht überflüssig.

Und wie kann man reagieren, wenn man mit solchen Vorurteilen konfrontiert wird?

Julia: "Das ist eine Kontroverse im Feminismus, weil viele Feministinnen genervt sind von solchen Vorurteilen. Ich auch. In meinem Buch habe ich trotzdem Klischees angesprochen, weil ich es wichtig finde, das offensiv anzugehen. Diese Klischees gibt es nunmal und sie begegnen mir ständig. Vielen fanden nicht gut, wie viel ich darüber geschrieben habe, weil sie es negativ finden, wenn Klischees – die ja gar nicht stimmen – thematisiert werden. Das ist natürlich einfach, wenn man in dieser Bewegung drin ist, sich als Feministin sieht und denkt, dass solche Vorurteile Blödsinn sind. Aber viele Menschen denken eben, dass sie stimmen und sind deshalb nicht bereit, sich über Inhalte und Anliegen des Feminismus zu unterhalten.

Wenn ich also merke, dass jemand bestimmte Vorstellungen davon hat, wie Feministinnen sind oder nicht sind, dann rede ich mit der Person darüber. Das ist oft anstrengend, aber was ist die Alternative? Sonst halten sie weiter an ihrer Meinung fest, da muss ich meinen Mund aufmachen und was sagen. Es ist eine ermüdende Diskussion, aber irgendjemand muss es ja machen."


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Über Julia Korbik

Geboren ist Julia Korbik im Ruhrgebiet, heute arbeitet sie aber als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie studierte European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus und veröffentlichte 2014 ihr erstes Buch "Stand Up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene". 2016 startete sie den Blog "Oh, Simone!", der sich mit den Werken der französischen Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir beschäftigt. Im Dezember erscheint ihr neustes Buch "Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten".

Mehr von Julia Korbik gibt es auf www.juliakorbik.com

Artikel-Bewertung:

3.25 von 5 Sternen bei 61 Bewertungen.

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 14. Jun 2017 um 01:25 Uhr von Thomas Schenk
"nur Frauen können Feministinnen sein. Feminismus will Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen schaffen, in jedem Bereich des Lebens" Das stimmt so nicht. Der Feminismus strebt die Bevorzugung der Frau in der Gesellschaft an. Bevor ich jetzt aber gleich in den Hals gebissen werde. Das ist nichts schlimmes. Der Feminismus ist von Frauen für Frauen. Und natürlich können Männer auch Feministen sein, nur gibt es einen Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Feminismus. Für die Gleichberechtigung benötigt es zwei Dinge. 1. Man muss sich für beide Geschlechter einsetzen und 2. es muss ein definiertes Ziel geben. Da ich ein absolutes Ziel nicht definieren kann, sind Ziele daher immer relativ. Dies bedeutet, dass egal wie weit der Feminismus voranschreitet, es immer jemand geben wird, die sich diskriminiert fühlt und daher für ihre spezielle Situation eine Gleichberechtigung fordert. Die "Grenze" wird demnach immer weiter zu Gunsten der Frauen verschoben. Wie gesagt...das ist nicht schlimm und ich spreche mich auch in keinster Weise dagegen aus. Aber zumindest so ehrlich kann man sein, um zu sagen, dass der Mann im modernen Feminismus lediglich als Nebenprodukt oder als Steigbügel fungiert.