jugend im osten
Wie war es, in der DDR aufzuwachsen? | Foto: Aprott/Getty Images, Marie Bellando Mitjas/Unsplash
Autor

06. Nov 2019

Sandra Ruppel

Zündstoff

Jugend in der DDR

Jung und frei in der DDR?

Jung sein heißt meistens auch: den Wunsch nach Freiheit zu haben. Sich auszuprobieren, Grenzen auszutesten und sich selbst zu entdecken. Welche Interessen, Wünsche und Träume hat man? Welche Zukunftspläne hat man für das eigene Leben? Und wie geht das alles zusammen mit einem Staatssystem, das ursprünglich eine soziale Gesellschaft und ein Leben in Frieden für alle ermöglichen wollte – dabei aber in Wirklichkeit keinerlei Freiheiten und echte Entfaltungsmöglichkeiten erlaubt? Das Musik, Nachrichten und sogar Aussehen zensiert und reglementiert? In dem sich Nachbarn, Freunde und teilweise sogar Familienmitglieder gegenseitig überwachen?

Wir haben mit Michael Beitz und Daniel Fröhlich gesprochen, die beide in der Deutschen Demokratischen Republik, also der DDR, aufgewachsen sind. Ihre Teenagerzeit fällt in die 1970er und 1980er Jahre und während sie recht unterschiedliche Lebensumstände hatten – Michael ist im Grenzgebiet bei Eisenach in Thüringen aufgewachsen, Daniel in Ostberlin, dem heutigen Berlin Mitte – haben sie doch ein paar Dinge gemeinsam. Zum Beispiel die Liebe zur Musik.

Während Michael heimlich mit Platten aus dem Westen dealt, steigt Daniel mit 14 Jahren in verschiedene Punkbands ein. Beide geraten wegen ihrer Aktivitäten auf das Radar der Stasi, also des Staatssicherheitsdienstes, dem Nachrichten- und Geheimdienst der DDR. Die systemkritischen Texte von Daniels Bands sind in der DDR ebenso wenig erwünscht, wie die Platten aus dem kapitalistischen Westen, mit denen Michael handelt.


Inhaltsverzeichnis

  1. Punk und Plattenhandel in der DDR
  2. Überwachung in der DDR
  3. Freizeit in der DDR
  4. Medien in der DDR
  5. Schule, Ausbildung, Studium in der DDR
  6. "Wir hatten ja nichts im Osten": Fakt oder Klischee?
  7. Flucht aus der DDR
  8. Fall der Mauer

Punk und Plattenhandel in der DDR: Wie sah das aus?

Michael:

"Angefangen hat alles mit meiner ersten West-LP von Grand Funk Railroad. Die habe ich in Berlin auf dem Schwarzmarkt gekauft, für 130 Ostmark. [Zur Einordnung: Das entspricht damals in etwa zwei Monatsmieten für eine 60qm-Wohnung, inklusive der Nebenkosten. Anm. d. Red.] Das war der Hammer! Aber ich war happy und habe die Platte gehütet wie meinen Augapfel. Durch einen guten Freund bin ich außerdem an Platten von Deep Purple, Led Zeppelin, Accept und Pink Floyd gekommen – und das wars dann, ich war total infiziert! Durch meinen Ausbildungsberuf als Kellner hatte ich außerdem Zugang zu LPs aus dem Westen, weil sich in der Gaststätte, in der ich damals gearbeitet habe, die 'Plattenhaie' aus Eisenach getroffen haben. Die wiederum hatten gute Verbindungen in den Westen. So kam ich an verschiedene LPs, die ich dann auf Tonband überspielt und getauscht habe. Es ist ein reger Handel entstanden. Mit den Musikgrößen aus dem Osten, also den Puhdys oder Karat, konnte ich nichts anfangen."

Daniel:

daniel fröhlich zerfall band"Mit 14 wurde mir klar, was die DDR für ein Laden ist und bin ausgestiegen. Zum Punk bin ich dann über die Musik gekommen, ich wusste einfach, das ist voll meins. Wir haben auch sofort angefangen, selbst Musik zu machen: Mit einer Gitarre, die nur eine Saite hatte und einem Pappkarton. War uns egal, wir haben losgelegt.

Aber es war schwierig, aufzutreten. Denn in den Jugendclubs – das waren die Begegnungsstätten, in denen auch Discos stattgefunden haben – durfte man nur spielen, wenn man vorher eine sogenannte Einstufung gemacht hatte. Dabei wurde entschieden, welche Gage man bekommt und es wurde zensorisch eingegriffen, wenn die Texte oder der Bandname nicht gepasst haben. Für uns war das absolut nicht tragbar, wir haben die Einstufung nicht mitgemacht. Aber das hieß auch, wir durften nirgends spielen – zumindest nicht offiziell. Also haben wir bei privaten Partys oder in Kirchen gespielt. Aber natürlich wurden diese Orte von der Stasi überwacht und auch entsprechend schnell wieder geräumt."

Überwachung in der DDR: Welchen Einfluss hatte die Stasi auf euer Leben als Jugendliche?

Michael:

"Tatsächlich wurde ich wegen der Platten von der Stasi beobachtet. In meiner Stasi-Akte steht, dass ich 'nichtsozialistische Tonträger‘ angekauft und verkauft habe. Auf jeden Fall hatte das Vorhandensein der Stasi zur Folge, dass man sehr vorsichtig sein musste, wem man was sagt und sich sehr genau ausgesucht hat, mit wem man offen über bestimmte Themen spricht. Am Ende hat man sich mit der allgegenwärtigen Überwachung irgendwie arrangiert."

Daniel:

"Die persönlichen Geschichten sind sehr unterschiedlich, manche wurden bloß von der Stasi beobachtet, wie ich zum Beispiel. Ich bin zwar auch ein paar Mal verhaftet worden, konnte aber nach einer Nacht immer wieder gehen. Manch andere, gerade aus der Punkszene, haben sie mehrere Jahre in den Knast gesteckt. Zum Beispiel, weil sie heimlich Platten aufgenommen haben, um sie im Westen zu veröffentlichen. Zwischenfälle mit der Stasi gab es dauernd, vor allem, wenn sie dich einmal auf dem Schirm hatten. Sie haben außerdem ständig versucht, dich zum Spitzel für sie zu machen und es war schwer, sich dagegen zu wehren. Die haben immer nach Schwachstellen gesucht, um dich zu erpressen. Das war ein großes Problem in der Punkszene, in fast jeder Band gab es Spitzel. Das Misstrauen und die Paranoia untereinander waren flächendeckend. Das war einerseits krass – ich war zu der Zeit auch erst 16. Andererseits war es aber auch normal für uns."

Freizeit in der DDR: Wie habt ihr als Jugendliche eure Zeit verbracht?

Daniel:

"Wir haben uns in irgendwelchen Kellern getroffen, Mucke gemacht, was getrunken und uns über den Staat lustig gemacht. Uns ging es trotz allem nicht die ganze Zeit beschissen, wir hatten unseren Spaß. Das war auch Teil des Punks, dass wir uns unser Leben nicht wegnehmen lassen."

Michael:

"So anders, als beim 'Klassenfeind' im Westen war das glaube ich nicht. Wir sind Rad und später Moped gefahren, waren schwimmen, sind ins Kino oder die Disco gegangen, haben die ersten Zigaretten zusammen geraucht und Alkohol ausprobiert. Ich hatte eigentlich eine schöne Jugend in der DDR, in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, kannte jeder jeden. Die Freundschaften, das Mit- und Füreinander war schon prägend."


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Medien in der DDR: Welche Medien habt ihr genutzt?

Michael:

"Weil ich so nah an der Grenze gewohnt habe, war der Empfang von Radio- und Fernsehprogramm aus dem Westen kein Problem. Das Problem war eher die Frage, wem man so weit vertrauen konnte, dass man sich über das Programm austauscht. Wir haben im Garten heimlich den 'Rockpalast' geschaut."

Daniel:

"Wir hatten überhaupt kein Interesse an DDR-Medien. In Berlin hatten wir das Glück, dass wir den SFB (Sender Freies Berlin) und RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sender) empfangen konnten. Da lief richtig viel Punk. Über meine Großmutter, die in Westberlin war, hatte ich Zugang zu Platten aus dem Westen und wir haben dann alle geteilt und getauscht. So waren wir immer gut informiert und kannten alle Texte. Musik war das wichtigste Medium. Andersrum war es aber so, dass die West-Punks unsere Musik gar nicht kannten, weil wir keine Aufnahmen machen durften. Während sie sich im Westen frei entfalten konnten, war das für uns so nicht möglich, darunter hat die Qualität der Bands im Osten stark gelitten."

Schule, Ausbildung, Studium in der DDR: Wie frei konntet ihr entscheiden?

Daniel:

"Meine Mutter hat mir eine Lehrstelle als Elektriker besorgt, Abitur durfte ich erstmal nicht machen, weil ich mich nicht angepasst hatte. Studieren durfte ich auch nicht. Das Abi habe ich dann auf der Abendschule nachgemacht, drei Jahre lang, bis 1988.

Welche Lehre ich mache, war mir damals völlig egal, ich hatte mit 16 absolut kein Interesse mehr an diesem ganzen System. An gute Lehrstellen kam man eigentlich nur mit Beziehungen, wenn man keine hatte, musste man irgendeine Ausbildung machen.

Als Elektriker habe ich eine Weile für das Magistrat gearbeitet, irgendwann konnte ich das mit meinem Gewissen aber nicht mehr vereinbaren, schließlich habe ich ja quasi für den Staat gearbeitet. Danach war ich Beleuchter für das Gorky-Theater, habe aber auch damit wieder aufgehört, weil auch das für mich Systemunterstützung war. Ich fand, dass man eigentlich gar nicht arbeiten gehen darf. Aber das war sehr gefährlich, es gab Arbeitspflicht – und wer es nicht gemacht hat, konnte wegen Asozialität verhaftet werden.

Nach der Wende in 1989 habe ich nochmal ein weiteres Jahr mein Englisch-Abitur nachgeholt, was ich brauchte, um Geisteswissenschaften studieren zu können. In der DDR hätte ich nicht studieren wollen, selbst wenn sie mich gelassen hätten."

Michael:

"Meine Ausbildung habe ich in der Gastronomie gemacht, viele Alternativen gab es nicht. Ich wusste schon früh, dass ich mich fortbilden und studieren möchte. Meinen Wehrdienst habe ich deshalb in der Marine geleistet, weil ich dadurch nach vier Jahren Dienstzeit direkt studieren konnte – ohne Parteimitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland, also der SED, werden zu müssen. Als ich mein Studium dann aber aufgenommen habe, hat es niemanden interessiert, ob ich Wehrdienst geleistet habe oder ob ich in der Partei bin, oder nicht."

"Wir hatten ja nichts im Osten": Fakt oder Klischee?

Michael:

"Als Kind hat man dieses konstruierte, angebliche Zusammengehörigkeitsgefühl, das einem permanent vermittelt werden sollte, vielleicht als schön empfunden. Als Jugendlicher hat man dann die Missstände aber deutlich mitbekommen und gesehen, wie veraltet die Technik und wie schlecht die Versorgung mit Lebensmitteln oder Produkten war. Wie unterschiedlich Rohstoffe verteilt wurden. Gut allerdings war das komplette Gesundheitswesen und die medizinische Betreuung."

Daniel:

"In Berlin Mitte gab es den Laden 'Takt und Ton', in dem wir oft waren. Einem der Mitarbeiter hatten wir den Spitznamen 'Hammwernich' verpasst. Denn immer, wenn wir dort etwas besorgen wollten, hat er uns nur mit stoischem Blick angeguckt und gesagt 'hammwernich'. Allein, Gitarrensaiten zu bekommen, war unheimlich schwierig. Wenn eine gerissen ist, musste man einfach ohne weiterspielen. Und wenn man dann doch mal welche bekommen konnte, hat man gleich so viele gekauft, dass sie für fünf Jahre reichen und den anderen was abgegeben. Auch Verstärker gab es nicht wirklich, wir mussten uns alles selbst basteln – beispielsweise aus der Fernbedienung einer Modelleisenbahn. Irgendwie ging es schon, wir haben uns was einfallen lassen (lacht)."

Flucht aus der DDR: Ja oder Nein?

Daniel:

"Ich wäre auf keinen Fall in der DDR geblieben. Meine Flucht war auch schon organisiert, ich hätte eine Bekannte aus dem Westen geheiratet. Dadurch hätte ich rübergehen können. Aber dann kam die Wende, die Mauer ist gefallen – und dann gab es für mich keinen Grund mehr, rüberzugehen."

Michael:

"Ich habe nie an Flucht gedacht, obwohl ich ja direkt an der Grenze aufgewachsen bin und jeden Baum, jeden Fluss kannte. Im Freundeskreis haben wir aber häufig über das Thema gesprochen. Irgendwer kannte immer jemanden, der es entweder geschafft hatte, zu fliehen – oder aber geschnappt und inhaftiert wurde."


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Fall der Mauer: Wie habt ihr den 9. November 1989 erlebt?

Michael:

"Ich war mit meiner Frau – zu dem Zeitpunkt war ich schon verheiratet und wir hatten eine kleine Tochter – plötzlich ganz allein in der Gaststätte, die ich geleitet habe, weil sich alle ins Auto gesetzt und direkt über die Grenze gefahren sind. Die Stimmung war euphorisch, aber auch von Unsicherheit geprägt, wir wussten nicht, wie sich alles weiterentwickelt. Das war auch in der Zeit danach das wichtigste Gesprächsthema. Gleich im Dezember haben wir dann unser erstes Konzert im Westen besucht, BAP live zu sehen – das war unvergesslich! Gefolgt sind viele weitere Konzert- und Festivalbesuche und ich habe alle möglichen und unmöglichen LPs gekauft."

Daniel:

"Wir hatten mit unserer Band 'Einsatz' geprobt und saßen danach im 'Hauptmann von Köpenick', einer Kneipe am Bahnhof. Plötzlich kam der Kellner und meinte, die Mauer sei auf – wir haben es ihm nicht geglaubt. Als ich später schon ziemlich betrunken nach Hause gefahren bin, mit meiner Gitarre unterm Arm, war plötzlich alles voller Trabis und ich habe mich gewundert, was das soll. Als ich in meiner Wohnung ankam, war meine damalige Freundin auch schon da und sagte mir nochmal, dass die Mauer auf ist. Also sind wir zusammen los und haben uns mit all den Trabis durch einen Übergang gequetscht, der nicht weit von der Wohnung entfernt war. Und auf einmal hat sich die Masse aufgelöst und wir standen im Westen. Nach einem halben Jahr hatten wir dann Freunde aus aller Welt. Das war eine schöne Zeit, diese Wende-Zeit, wirklich der Hammer."

Eine Timeline mit Facts zur DDR haben wir in unserer Infografik für dich zusammengestellt:

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