Off University
Zum Sommersemester 2018 sollen die Online-Kurse der Off-University starten | Foto: seb_ra/Thinkstock

News

20.10.2016

Erasmus in der Türkei

Trotz Putschversuch: Die Erasmus-Saison in Istanbul hat begonnen

Das türkische Hochschulwesen wird von den staatlich organisierten "Säuberungen" erschüttert. Die Zahl der Erasmus-Studierenden ist wegen dieser Unsicherheiten rapide gefa ... mehr »

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27. Feb 2018

Nina Weidlich

Zündstoff

Off-University: Hier lehren entlassene Akademiker aus der Türkei

Von Entlassung bis Verhaftung: Die aktuelle Situtation in der Türkei

Alles begann mit der Petition "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein", die Anfang 2016 mehr als 1.000 Akademiker aus der Türkei und aus anderen Ländern unterzeichnet haben. Darin forderten die "Akademiker für den Frieden" die türkische Regierung unter anderem dazu auf, die Angriffe auf kurdische Städte, bei denen auch viele Zivilisten ums Leben gekommen sind, zu stoppen.

Für viele der Akademiker hatte die Unterschrift ihre Entlassung zur Folge, für andere sogar das Gefängnis. Der Putschversuch im Juli 2016 hat die Lage weiter verschärft. Viele Wissenschaftler verloren neben ihrem Job auch ihren Pass und damit das Recht, die Türkei zu verlassen.

Auch Julia Strutz hat die Petition unterzeichnet. Sie ist Postdoktorandin im Fachbereich Turkologie an der LMU München und hat selbst zehn Jahre lang in der Türkei gelebt. Zur aktuellen Lage der Akademiker in der Türkei erklärt sie: "Die Betroffenen können nicht mehr an staatlichen Universitäten oder irgendwelchen staatlichen Organisationen angestellt werden, weil sie angeblich Mitglieder einer Terrororganisation sind. Das ist ein bisschen wie ein Open-Air-Gefängnis: Man kann das Land nicht verlassen, kann aber gleichzeitig auch nicht arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu sichern."

Eine Online-Uni für türkische Akademiker

Julia Strutz

An der schwierigen Lage von Studierenden und Dozenten möchte Julia Strutz jetzt etwas ändern: Mit der Unterstützung von anderen Wissenschaftlern aus Deutschland, der Türkei und anderen Ländern auf der ganzen Welt hat die 33-Jährige deshalb die "Off-University" gegründet. Das "Off" steht dabei nicht für offline, sondern für "Organisation für den Frieden". Auf der Plattform sollen zunächst einmal türkische Akademiker, die in ihrem Land nicht mehr arbeiten dürfen, Vorträge halten und Kurse anbieten können.   

Noch befindet sich das Projekt ganz am Anfang, aber die Ziele sind bereits klar definiert: "Wir möchten, dass die Person, die in der Türkei ist, weiter unterrichten kann, dass sie angemessen vergütet wird, dass ihre Studierenden die Kurse belegen und sich in ihren normalen Studiengängen anrechnen lassen können. In den Augen der türkischen Regierung sind wir durch die Initiative allerdings auch zu sogenannten Terroristen oder Staatsfeinden geworden", gibt die Mitinitiatorin Julia Strutz zu bedenken. 

Wann die Anrechnung der Kurse ohne Hürden möglich sein wird, lässt sich deshalb noch nicht genau bestimmen. Durch Kooperationen mit deutschen und europäischen Universitäten sollen aber schon jetzt Zertifikate für die Belegung der Kurse ausgestellt werden, welche die Studierenden sich dann in ihren Studiengängen anrechnen lassen können.

Nicht nur für die entlassenen Lehrkräfte, auch für die türkischen Studierenden ist das Angebot von Online-Kursen der Off-University ein wichtiger Schritt. "Sie können die Kurse von ihren Professoren weiter belegen, die in vielen Fällen schmerzlich vermisst werden. Da sind auch häufig Leute dabei, die Bachelorarbeiten, Masterarbeiten oder Doktorarbeiten betreuen."

Das Projekt ist ein Risiko für Studierende und Dozenten

Nichtsdestotrotz birgt die Teilnahme an dem Projekt für Wissenschaftler und Studenten ein Risiko, das die Initiatoren nicht verhindern können. "Eine unserer größten Herausforderungen ist deshalb, diese Gefahr einzudämmen", erläutert Julia Strutz. "Die Dozenten müssen sich natürlich kenntlich geben – es geht nicht, dass die Kurse anonym durchgeführt werden. Wir müssen aber versuchen, dass zumindest die Studierenden anonym bleiben können, damit niemand ihre Teilnahme an den Kursen an eine staatliche Stelle weitergeben kann."

Aber nicht nur türkische Studierende sollen von dem Angebot profitieren. Auch alle anderen Studierenden, die sich für die behandelten Themen interessieren, sollen die Kurse kostenlos belegen können. Eine konkrete inhaltliche Ausrichtung gibt es bisher aus organisatorischen Gründen noch nicht. Die Mitinitiatorin erklärt: "Wir handeln gerade aus der Situation heraus und versuchen, konkrete Lösungen für einzelne Menschen zu finden. Durch die Zusammensetzung der teilnehmenden Wissenschaftler wird es aber vermutlich eher in Richtung Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften gehen." Für Fachrichtungen wie Medizin oder andere Fächer, die zum Beispiel ein Labor benötigen, sieht es dagegen eher schlecht aus, da sie online schwer zu unterrichten sind.

Wie ein Kurs technisch umgesetzt wird, hängt davon ab, an welcher "echten" Universität er angesiedelt ist. Es soll sowohl Veranstaltungen in einer Art Livestream mit Chatfunktion als auch sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs) geben. Bei dieser Form des E-Learnings erwartet die Teilnehmer meist eine Mischung aus Vorlesung, Videos, Quizzen und anderen interaktiven Elementen. Die technische Zukunft der Off-University wird deshalb laut Julia Strutz vielfältig sein: "Jede Uni hat ihre eigenen Prüfungsvorgaben und Systeme, über die sie Online-Kurse anbietet. Wir versuchen, uns daran anzupassen."



Die Off-University soll zum Sommersemester 2018 starten

Die virtuelle Eröffnung der Off-University fand im Oktober 2017 im Rahmen einer einwöchigen Online-Konferenz statt. Unter dem Titel "Harte Fragen zum Frieden" wurden Wissenschaftler dazu aufgerufen, in kurzen Vorträgen auf Fragen zu den Themen Krieg und Frieden zu antworten. Diese Beiträge sind auf der Homepage der Off-University öffentlich zugänglich – meist in türkischer Sprache mit englischen und deutschen Untertiteln.

Ab April, also zum Sommersemester 2018, planen die Organisatoren den regulären Betrieb der Plattform erst einmal mit fünf Online-Kursen zu starten. Die Themen der Kurse sollen im nächsten Monat bekannt gemacht werden. Ob die Off-University auch irgendwann einen physischen Sitz haben wird, steht bisher noch in den Sternen. "Wenn man eine echte, physische Universität ist, gewinnt man an Autonomie", so Julia Strutz.

In Sachen Organisation und Finanzierung würde die Gründung einer Universität also Vieles einfacher machen. "Aber momentan ist unsere Zielgruppe – sowohl auf der Seite der Unterrichtenden als auch auf Seite der Studierenden – sehr stark auf das Internet angewiesen."

Freiwillige vor: So kannst du die Off-University unterstützen

Wer möchte, kann die Off-University auf verschiedene Weise unterstützen: Zum einen sucht die Initiative immer Freiwillige, die sich mit ihrer Zeit einbringen wollen – auch Studierende sind hier herzlich willkommen. Leute, die institutionelle Kontakte an Universitäten haben oder selbst als Professoren tätig sind, können das Projekt mit ihrem Know-How voranbringen.

Außerdem hat die Off-University auf ihrer Webseite ein Spendenkonto eingerichtet. Das eingenommene Geld wird zum Beispiel genutzt, um die Arbeit der teilnehmenden Akademiker in der Türkei angemessen zu vergüten.


Du möchtest mehr über das Projekt erfahren, selbst an Kursen teilnehmen oder die Initiative unterstützen? Dann informiere dich jetzt auf der Webseite der Off-University.

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