Sexismus an Hochschulen
Werke von Autorinnen sind in vielen Uni-Bibs Mangelware | Foto:Thinkstock/nensuria

Liebe & Sex

01.07.2015

Sexuelle Belästigung im Studium

Sexuelle Belästigung im Studium: Selber Schuld?

Jede zweite Studentin wird in...

Grabschen, Sprüche klopfen, Druck ausüben – jede zweite Studentin in Deutschland macht im Laufe ihres Studiums Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Clara (25) hat die A ... mehr »

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15. Aug 2017

Juli Zucker

Zündstoff

Wie sexistisch ist die Hochschulwelt?

"Es dominiert ein männlicher, weißer und heteronormativer Blick"

UNICUM: Angefangen hat es mit dem Artikel im "Faltblatt", mittlerweile habt ihr euch zu dem Kollektiv SOLO formiert, um Forderungen an die universitäre Lehre zu stellen. Was wollt ihr verändern?
Jana Zimmermann: Am Hildesheimer Literaturinstitut gibt es fast nur männliche Dozierende, die Machtpositionen innehaben und Entscheidungen treffen. Deswegen dominiert an der Schreibschule, wo Literatur bewertet und produziert wird, ein männlicher, weißer und heteronormativer Blick.

Wir fordern aber diversere Perspektiven auf allen Ebenen, in Lehrinhalten oder Ansätzen von Lehrenden. Bisher lesen wir nur sehr wenige Texte von Frauen oder People Of Color und auch in der Uni-Bibliothek wird schwarzen Autoren und Autorinnen kaum Platz eingeräumt. Wer wählt denn aus, was in den Regalen steht? Zu sagen, es gebe eben kaum Literatur von Frauen oder People Of Color, ist eine fatale und faule Einstellung. Viel mehr sollte man fragen, wieso man viel seltener Texte von diesen Personen findet – und wie man das ändern kann.

Wir fordern, dass Rücksicht genommen wird, wenn Studierende sich über Literaturlisten beschweren oder Textvorschläge einbringen. Außerdem sollen Lehrpositionen unbedingt so besetzt werden, dass mehrperspektivisch unterrichtet wird. Wir müssen uns auch in den eigenen Reihen um Mitgestaltung bemühen. Das politische Klima kommt mir auf studentischer Seite oft eher faul vor – mich selbst will ich gar nicht ausnehmen. Unsere Forderungen als SOLO-Kollektiv haben wir auf dem Blog Prosanova zusammengefasst.

Stimme zu erheben ist oft nicht leicht – gerade in struktureller Abhängigkeit gegenüber Lehrkörpern, die man in Seminaren trifft und von denen man benotet wird. Gibt es keine bequemere Möglichkeit, auf Problematiken hinzuweisen?
Dinge zu kritisieren ist nicht bequem – und sich aus einer Diskriminierung zu befreien schon gar nicht. Wahrscheinlich ist der Faltblatt-Artikel deswegen anonym verfasst worden: Aus Angst, dass die Kritik auf eine Person zurückgeführt und kurzer Prozess gemacht wird, wenn man den Vorwurf als persönliches Problem abtut. Es kostet Überwindung, überhaupt etwas zu sagen. Man geht ja nicht wegen jedem Kommentar, jedem Seitenhieb, jedem Blick oder jedem Witz zum Gleichstellungsbüro.

Aber sich auf die Wut auf Einzelpersonen einzuschießen, behebt das Problem nicht. Es ist nie allein die Schuld von irgendwem. Patriarchalische Strukturen oder Machtverhältnisse spielen dabei eine erhebliche Rolle. Wir haben ein nichtöffentliches Dokument angelegt, wo Studierende eintragen konnten, welche Erfahrungen sie mit Sexismus am Institut gemacht haben. Es ist dafür da, zu verstehen, welche Forderungen wir daraus ableiten können.


Szene aus Mad Men


"Jetzt, wo die Wunde aufgekratzt ist, kann man sie auch direkt verarzten"

Erst gab es im MerkurBlog nur Texte von Schreibschülern und Schreibschülerinnen, mittlerweile schalten sich auch andere Fachbereiche ein und reflektieren Sexismus an Hochschulen. Was hat sich bei euch entwickelt und wie geht es weiter?
Es ist gut, wenn sich der Fokus verändert. Sexismus ist ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft, aber sich deutlich in künstlerischen Studiengängen niederschlagen kann. Gerade in der Kunst, die Welt und Gesellschaft betrachtet und zum Teil auch gestaltet, ist es wichtig, über Diskriminierung zu sprechen.

Als SOLO-Kollektiv wollen wir künftig Strukturen in unserem Fachbereich kritisch beäugen: Wir erarbeiten in einer Arbeitsgemeinschaft, die aus Studierenden und Mitgliedern des Gleichstellungsbüros besteht, Evaluationsalternativen. Beim ersten Gespräch mit den Vertretern des Instituts wurden konkrete Verbesserungsvorschläge offen aufgenommen, zum Beispiel dass Hiwi-Stellen ausgeschrieben und nicht unter der Hand vergeben werden, damit alle die gleichen Chancen haben. Ob es mit der Umsetzung klappt, ist eine andere Frage. Wir müssen regelmäßig miteinander sprechen, damit der Diskurs nicht einschläft. Jetzt, wo die Wunde einmal aufgekratzt ist, kann man sich auch bemühen, sie direkt zu verarzten.

Welche Möglichkeiten haben Studierende, um Strukturen im universitären Rahmen zu hinterfragen?
Der Blick ins eigene Bücherregal lohnt für eine Bestandsaufnahme, wie viel Literatur beispielsweise von schwarzen Autoren und Autorinnen vorhanden ist. Der nächste Schritt ist Veränderung. Zum Einstieg empfehle ich Chimamanda Ngozi Adichis wundervolles Buch "We Should All Be Feminists" oder ihren TedTalk "The Danger of a Single Story". Oder Audre Lorde mit "Sister Outsider" sowie "Deutschland Schwarz Weiß" von Noah Sow. Margarete Stokowskis Spiegel Online-Kolumne erscheint wöchentlich. Und "Ene Mene Missy" von Sonja Eismann: Das Buch richtet sich zwar eher an Jugendliche, aber ich wäre lieber auch schon früher im Bilde gewesen.

Sonst gilt: Das Internet ist unendlich. Austausch mit Freunden und Kommilitonen ist aber auch wichtig: Was nervt, was stört? Wovon gibt es zu viel oder zu wenig? Man muss wissen, dass man nie alle Fragen beantworten können wird. Es ist ein Prozess, der einen immer auch selbst betrifft.


Sexismus-DebatteHintergrund-Info: Sexismus-Debatte auf dem "Merkur"-Blog

Der besagte "Faltblatt"-Artikel gab Anstoß zu einer Debatte über Sexismus an Hochschulen: Neben unserer Interviewpartnerin Jana Zimmermann haben seit Anfang Juli über 20 Autoren und Autorinnen Texte auf dem Blog der Zeitschrift Merkur veröffentlicht, die von ihren Erfahrungen als Studierende oder Lehrende an Hochschulen bezüglich sexistischer Strukturen berichten.

Schriftstellerin und Hildesheim-Absolventin Alina Herbing zeigt, was "homosoziale Männergemeinschaften" für alle bedeuten, die nicht dazugehören. Wie Sexismus als Kompliment getarnt daherkommt, erzählt Christiane Frohmann über ihre Zeit als Studentin an der FU Berlin. Und die Lyrikerin Martina Hefter, ehemals am Literaturinstitut in Leipzig, beschreibt einen akademischen Sexismus, "der Frauen nach ihrer Herkunft und Bildung für seine jeweiligen Bedürfnisse sortiert".

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