Tatsachenbericht Drogenkrieg
Machtkämpfe im kolumbianischen Bogotá (li.) fordern Tote | Fotos: Thinkstock/AndreyPS, Tylinek
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08. Feb 2016

Jannik Gronemann

Zündstoff

Von der Uni in den kolumbianischen Drogenkrieg

"Nachts träumte ich von meiner Ermordung"

Gefährliche Berufswahl im Herzen Kolumbiens

Die Situation ist eigentlich keine ungewöhnliche: Als Juan 2010 sein Studium beendet, fragt er sich, wo es für ihn beruflich hingehen soll. Strafrecht hatte ihn immer interessiert, aber im korrupten Kolumbien sieht er zu viele Gefahren. "Man muss oft entgegen der eigenen Moral arbeiten und Menschen verteidigen, die einem im besten Fall einen Haufen Geld zahlen und im schlimmsten Fall die eigene Familie bedrohen", erklärt er.

Und trotzdem führt ein 15 Jahre zurückliegendes Ereignis dazu, dass Juan schlussendlich doch beruflich in die dunklen Verstrickungen von Politik und Kriminalität eintaucht.

Zeitsprung ins Jahr 1995: Der angesehene Politiker Álvaro Gómez verlässt nach einer Vorlesung das Universitätsgebäude und steigt in seinen Wagen. Kurz darauf durchbohren Kugeln die Fahrertür und Gómez stirbt. Der zuständige Staatsanwalt ermittelt einige Jahre und legt den Fall 2003 ungelöst zu den Akten. Gómez' Angehörige wollen sich damit nicht abfinden und gründen eine Stiftung zur Aufklärung des Verbrechens.

Ein alter Mordfall wirft lange Schatten

"Als ich die Möglichkeit bekam, Teil der zugehörigen Ermittlungsgruppe zu werden, hab ich einfach auf mein Bauchgefühl gehört", erklärt Juan seinen spontanen Sinneswandel und ergänzt: "Außerdem hat meine Familie immer viel Respekt vor Gómez gehabt." Eine Meinung, die ein Großteil der Kolumbianer teilte. In der Öffentlichkeit galt er als unbestechliche moralische Instanz, die Missstände im korrupten Politzirkus furchtlos anprangerte. Gerade dies wurde ihm zu Verhängnis, wie Juan und seine zwei Kollegen der "Fundación Álvaro Gómez Hurtado" aufdeckten.

Nach Ernennung des neuen Präsidenten, Ernesto Samper, hatte Gómez diesem öffentlich vorgeworfen, Wahlkampfgelder von zwei Drogenkartellen erhalten zu haben, und seinen Rücktritt gefordert. Samper beauftragte daraufhin seine Ermordung. Der ermittelnde Staatsanwalt, ein Freund von Samper, ließ anschließend Beweise verschwinden und beschuldigte stattdessen das Militär.

Den Schlüssel zu all diesen Erkenntnissen fand Juan in einem US-amerikanischen Gefängnis. Der dort inhaftierte Drogenboss Rasguño war 2005 an die USA ausgeliefert worden und erklärte sich nun – mit Aussicht auf eine Haftverkürzung – bereit auszusagen. Seinem Beispiel folgten inhaftierte Kongressabgeordnete und Guerilla-Gruppen, die die Aussagen des Drogenbosses bestätigten.

Zeugen werden ermordert – Juan steigt aus

Doch mit jedem weiteren Aktenordner, der sich in den Büroräumen der Ermittlungsgruppe stapelte, stieg auch der Druck. Juans Beschreibungen seines damaligen Arbeitsalltags lassen tief blicken: "Wir fuhren jeden Tag in gepanzerten Autos zur Arbeit und vor unserer Tür standen Polizisten." Als sein Chef die ersten Morddrohungen bekommt, wissen sie um den Ernst der Lage. "Nachts träumte ich davon, wie mich Kartellmitglieder umbringen", erinnert sich Juan. Aber die Gewissheit, für die richtige Sache zu kämpfen, treibt ihn an.

Was dann passiert, kann aber selbst sein inbrünstiger Idealismus nicht auffangen: Nach und nach werden Zeugen ermordet. Juan beginnt zu zweifeln: "Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich mein Leben so leben wollte." Nach einem harten Tag vertraut er sich seiner Familie an. "Sie flehten mich an, dass ich aussteige", erzählt er.

"Kolumbien muss lernen zu vergeben"

Man muss kein Psychologe sein, um herauszuhören, wie schwer diese Entscheidung gewesen sein muss. Doch die Ermittlungen werden ohne ihn fortgesetzt. Dass der Gerichtsprozess nie zu Stande kommt und Samper sich nie für den Auftragsmord an Gómez verantworten muss – geschenkt. Alles andere hätte in Kolumbien einer Sensation geglichen.

Mittlerweile lebt Juan in Berlin, wo er gerade seinen Master in Public Policy beendet hat. Schon bald soll es für ihn aber zurück in die Heimat gehen. Den Kampf für ein gerechteres Kolumbien will der heute 29-Jährige diesmal aber anders angehen. "Ich lasse mich gerade als Coach ausbilden und will zur Resozialisierung von ehemaligen Guerilla-Kämpfern beitragen. Kolumbien muss lernen zu vergeben", sagt er mit einem enthusiastischen Lächeln.

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