Fachhochschule
FH oder Universität? Beide Hochschulformen haben ihre Vorteile | Foto: Thinkstock/Gajus

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23. Jul 2014

Ann-Christin Kieter

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Fachhochschule: 7 Vorurteile im Check!

Was steckt hinter dem ewigen Duell Uni vs. FH?

Vorurteil 1: Nur an der Uni gibt's eine internationale Ausbildung

"International ist die Ausbildung ja schon durch den Bachelor- und Masterstudiengang", sagt Ferdinand Ziegler (25), Bachelorstudent der Laser- und Optochtechnologien an der Ernst-Abbe-Fachhochschule in Jena. Für ihn seien Auslandssemester kein Problem, weil Module problemlos anerkannt werden. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn FHs viele Kooperationen mit ausländischen Hochschulen haben. So wie die Hochschule Ruhr West in Mühlheim und Bottrop, an der Andreas Große-Kracht Elektrotechnik studiert. "Dadurch ist ein Austausch jederzeit möglich", erklärt der 31-Jährige und sagt über seine Professoren: "Einige haben Jahre im Ausland gearbeitet und lehren sehr weltoffen."

Wie stark Studierende dabei unterstützt werden, ins Ausland zu gehen, hängt sicher von der einzelnen Institution ab. Natascha Lindner (29) beispielsweise ist begeistert vom Angebot an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, an der sie als akademische Mitarbeiterin tätig ist: "Wir haben viele Partnerhochschulen. Fast alle Studenten gehen im sechsten Semester ins Ausland und im Gegenzug kommen etwa 30 Erasmusstudenten zu uns – bei insgesamt 600 Studenten sind das ziemlich viele." An der FH Münster hingegen, an der sie studiert hat, musste man die Dinge selbst in die Hand nehmen. "Deshalb sind wahrscheinlich auch nicht viele ins Ausland gegangen", vermutet die Designerin.


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Vorurteil 2: Wer an der FH studiert, forscht nicht

"Oft sitze ich länger im Labor als in der Vorlesung", meint Andreas Große-Kracht zu dem Vorurteil. Doch nicht allen geht es so wie dem Mitglied in der Kommission Forschung und Transfer an der Hochschule Ruhr West. Markus Tessnow (29), Bachelorstudent der Mechatronik an der Fachhochschule Reutlingen, erlebt den Stellenwert der Forschung ganz anders: "Einige unserer Dozenten befürworten Forschung grundsätzlich nicht, weil sie befürchten, dass dann die Lehre zu kurz kommt."

Beiden ist allerdings klar, dass Projekte, die von Unternehmen an die Hochschule herangetragen werden, auch ganz genaue Vorstellungen aus der Wirtschaft mitliefern. Doch das ist gar nicht unbedingt etwas Negatives. Vielen gefällt das Gefühl, an etwas gesellschaftlich Relevantem zu forschen.

Prof. Dr. Micha Teuscher, Sprecher der Hochschulrektorenkonferenz-Mitgliedergruppe Fachhochschulen und Rektor der FH Neubrandenburg, bringt es auf den Punkt: "Wir forschen einfach anders: Wo die Universitäten Grundlagenforschung betreiben, haben wir einen Anwendungsbezug. Unsere Forschung hat einen sehr großen Nutzen für die Studierenden und die Gesellschaft drum herum. Sie ist problemorientiert."


Vorurteil 3: An der FH hat man keine akademische Freiheit, weil Unternehemen die Themen für Projekte etc. vorgeben

"Natürlich stehen wir in engerer Kooperation mit Firmen, wir forschen mehr mit Blick auf die Praxis. Außerdem werden unsere Projekte in der Regel vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert und dies geschieht unter der Voraussetzung, dass Kooperationen mit der Wirtschaft bestehen", gibt Michael Seiler (23) zu. Der Bachelorstudent der Laser- und Optotechnologien an der Ernst-Abbe- Fachhochschule Jena sagt aber auch ganz klar: "Unsere Professoren werben die Forschungsprojekte an, das heißt, die Initiative geht immer von der Fachhochschule aus."

Prof. Dr. Micha Teuscher kann das nur bestätigen: "Die Rechte von FH-Professoren unterscheiden sich nicht von denen der Universitätskollegen. Sie sind vollkommen selbstbestimmt in ihrer Lehre. Man verzichtet ja bewusst auf das Einkommen in der freien Wirtschaft und gewinnt dafür thematische Freiräume." Auch Vorlesungs- und Seminarinhalte müssen unabhängig von der Industrie sein. "Schließlich müssen die Kompetenzen, die wir in den Modulen vermitteln, in jedem Semester die gleichen sein", so Prof. Dr. Teuscher.

Die 27-jährige Olga Popravkina schreibt gerade an ihrer Bachelorarbeit im Fach BWL an der Fachhochschule Koblenz. Erst wollte sie die Arbeit in Kooperation mit ihrem Praktikumsbetrieb machen. Doch dann hat sie ein Thema gewählt, ohne ein Unternehmen einzubeziehen: "Der Vorteil ist, dass ich so freie Hand habe. Ansonsten müsste ich immer zwei Parteien zufrieden stellen. Auf der einen Seite ist da der Professor, auf der anderen das Unternehmen. Da ist die Gefahr groß, in Konflikte zu geraten."


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Vorurteil 4: FH-Studierende lernen kein Durchhaltevermögen, weil sie durch die familiäre Atmosphäre mehr Unterstützung bekommen

"Es stimmt, wir haben kleinere Lerngruppen und eine persönlichere Atmosphäre. Die Betreuungsrelation ist aber nicht per se besser an der Fachhochschule", sagt Prof. Dr. Micha Teuscher und rechnet vor: "Das Verhältnis von Studenten und Professoren ist an den Fachhochschulen eins zu 40, an den Universitäten eins zu 67. Bezieht man die wissenschaftlichen Mitarbeiter mit ein, haben wir an der FH ein Betreuungsverhältnis von eins zu 26, an der Uni ist es eins zu neun, wobei natürlich nicht alle wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität für die Studenten da sind."

Im Gegensatz dazu seien die Personen an der Hochschule Neubrandenburg jedoch tatsächlich ansprechbar. Das mache eine bessere Betreuung aus, meint er. Natürlich bedeutet das nicht, dass man sich an der Fachhochschule einfach entspannt zurücklehnen kann: "Nach unserer Erfahrung setzen kleinere Lerngruppen die Studierenden sogar mehr unter Stress, weil sie in dieser Intensität stärker gefordert sind."

Von Kuschelnoten kann also nicht die Rede sein. Das weiß auch Michael Seiler nur zu gut: "Laser- und Optotechnologien ist ein kleiner Studiengang, bei dem 50 Leute anfangen. Jetzt sind wir noch 20. Aber die Prüfungen werden dieser Situation nicht angepasst, nach dem Motto: Es sollen alle durchkommen. Wir reden den Professor ja auch nicht mit dem Vornamen an, auch wenn er uns alle beim Namen kennt."


Vorurteil 5: FH-Absolventen haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer

Um dieses Klischee zu entkräften, hat Prof. Dr. Micha Teuscher die passenden Zahlen parat: "Wenn ich bei uns die Zeugnisse vergebe, haben von 60 Leuten schon 58 einen Job. Die Übergangszeit zwischen Studium und Beruf ist also sehr kurz." Die positiven Werte gelten ihm zufolge nicht nur an der Hochschule Neubrandenburg, es handle sich um ein Gesamtergebnis. Das Arbeitslosenrisiko sei seit Jahrzehnten bei FH-Absolventen am geringsten.

Bei einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln unter 1.015 Unternehmen gaben neun von zehn an, dass sie zwischen FH- und Uni-Absolventen keinen Unterschied machen. Die meisten Rückmeldungen – vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen – fielen eher positiv aus, da die Praxiserfahrung gelobt wurde.

Nur bei einigen Großkonzernen habe ein Universitätsabschluss noch immer Priorität, was auch ganz offen kommuniziert würde. Bei der Bewerbung um einen Masterstudienplatz mit Wechsel von FH an die Uni wurden offensichtlich nicht alle mit offenen Armen empfangen.


Vorurteil 6: FH-Kollegen müssen doppelt so viele Stunden unterrsichten wie ihre Uni-Kollegen

"Da ist durchaus etwas dran, das ist nicht völlig falsch", sagt Dr. Matthias Jaroch, Pressesprecher des Deutschen Hochschulverbandes, der Berufsvertretung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland. Fachhochschulen sind in den 1970er-Jahren als reine Lehreinrichtungen konzipiert worden, doch später wurde auch dort mit angewandtem Bezug geforscht.

Es gibt entsprechende Förderprogramme von Bund und Ländern. Brandenburg oder Niedersachsen zum Beispiel kennen eine Forschungsprofessur für FH-Professoren. Das heißt, ihr Lehrkontingent kann für ein Forschungsvorhaben reduziert werden. Ansonsten liegt die Lehrverpflichtung eines FH-Professors bundesweit bei 18 Stunden, die eines Uni-Professors bei neun Stunden.

Jaroch fasst es so zusammen: "FH-Professoren können forschen, sie haben aber bei weitem nicht die Gelegenheit, wie es bei den Kollegen an der Universität vorgesehen ist."


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Vorurteil 7: FH-Professoren verdienen weniger

Über Geld spricht man bekanntlich nicht. In diesem Fall ist die Aussage von Dr. Matthias Jaroch schnell gemacht: "Da ist mit Sicherheit etwas dran. Durch die Wissenschaftsbesoldung ist es wie folgt: Es gibt W2 und W3 und durchaus die Möglichkeit, über individuelle Leistungsbezüge dann auch zu gegebenenfalls höheren Bezügen zu kommen als ein Universitätsprofessor. Allerdings ist es in der Regel so, dass FH-Professoren in der Regel W2 werden. Es gibt nur sehr wenige W3."

Das W2-Grundgehalt beträgt übrigens 4.681,39 Euro, bei W3 sind es 5.672,13 Euro.


Nachgefragt beim FH-Professor

Max OtteMax Otte, BWL-Prof und Gründer des Instituts für Vermögensentwicklung (IFVE), kennt beide Hochschultypen nur zu gut.

UNICUM: Sie selbst haben unter anderem an der renommierten Princeton University studiert. Was hatte Sie 2001 als BWL-Professor an die Hochschule Worms verschlagen?
Max Otte: Ganz einfach, da gab es einen Job. Ich hatte einen viel zu bunten Lebenslauf, um im Inzucht-Verein der klassischen Universität ernst genommen zu werden. Da muss man sehr viel Stallgeruch haben und in einer sehr engen Nische stehen. Das war nie meins, ich wollte breit aufgestellt sein. Ich habe daher nie habilitiert, in den USA ist eine Promotion der Einstieg in eine Universitätsprofessur.

2011 haben Sie dann aber eine Professur an der Universität Graz angenommen. War das für Sie einfach der nächste notwendige Karriereschritt?
Ich habe mich in Worms sehr, sehr wohlgefühlt, aber sicher, für einen Professor ist es attraktiv, von der FH an die Uni zu wechseln. Ganz einfach, weil die Bedingungen andere sind. Mein Job ist allerdings derselbe geblieben wie an der FH. Nur dass ich nicht mehr so viele Lehrverpflichtungen habe, das alleine ist schon eine Verbesserung. Ansonsten bin ich auch da in eine sehr strukturierte Lehre eingebunden. Da hat sich eher die Universität geändert.

War es auch die Forschungsarbeit, die Sie an der FH vermisst haben?
Na ja, ich bin Publizist und Unternehmer, ich forsche noch immer recht wenig. Letztendlich war es der Spaß daran, zu schauen, wie die Studis dort so drauf sind. Man merkt schon noch einen kleinen Unterschied. Der Fächer an der Uni ist breiter. Es gibt auch schwache und es gibt sehr, sehr gute. An der FH war das homogener. Das Leistungsniveau war größtenteils gut, im Durchschnitt vielleicht minimal geringer als an der Uni.


Fachhochschule kurz & kompakt

  • Jeder dritte der 2,5 Millionen Studenten in Deutschland ist an einer FH eingeschrieben.
  • Von der Politik werden FHs als gute Möglichkeit gesehen, den Studierendenstrom aufzufangen.
  • Fachhochschulen streben nach dem Status der Universitäten, aber wie der Wissenschaftsrat festgestellt hat, sind sie gleichwertig, aber andersartig.

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