Retro Filme Hollywood
Jonah Hill feiert mit "Mid 90s" die Retromanie. | Foto: Tobin Yelland/MFA
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28. Feb 2019

Hella Wittenberg

Filme

Hype um Retro Filme in Hollywood

Filmicum KW 09/10

Thema der Woche: Ist in Hollywood gerade der Hype um Retro Filme ausgebrochen?

In der vergangenen Sonntagnacht wurden in Los Angeles mal wieder die Oscars 2019 verliehen. Was nach der moderationslosen Awardverleihung vor allem hängen bleibt: die Alten gewinnen. Das Biopic über den verstorbenen Queen-Sänger Freddie Mercury, "Bohemian Rhapsody", konnte gleich vier Trophäen mit nach Hause nehmen. Als Bester Film kann sich von nun an "Green Book" bezeichnen. Und den Preis als Beste Hauptdarstellerin konnte die komplett gerührte Olivia Coleman für "The Favourite" einheimsen. Es ist auffällig, dass viele der ausgezeichneten Kinofilme in der Vergangenheit spielen. Ob nun in den 60ern, 70ern, oder gleich im 18. Jahrhundert. Da stellt sich doch die Frage, ob gerade der Hype um Retro Filme in Hollywood ausgebrochen ist und wenn ja, warum?

Die guten alten Zeiten: Tatsächlich hat Hollywood ein Faible für die alten Zeiten. Ikonisierungen sind so einfacher möglich, weil der Aufstieg und Fall eines Stars ganz ungeschönt über einen langen Zeitraum präsentiert werden kann. Und im Damals steckte irgendwie schon immer ein Glamour, den man in der heutigen, stark technologisierten Zeit nicht mehr finden kann.

Doch neben den Diven und Gentleman der alten Schule fallen die Storys auch dadurch ins Gewicht, dass sie uns Gleichartigkeiten aufzeigen. Denn sind wir mal ehrlich: Manche Dinge ändern sich nie! Das Kino nutzt dies, um entweder Fragen aufzuwerfen, auch mal richtig wütend zu machen oder eben um klarzumachen, dass wir alle gleich sind und das auch ziemlich cool ist. Wer noch Einwände dagegen hat, dass Frauen gleichberechtigt sein und so wie Männer bezahlt werden sollten, der muss sich dringend mit "The Favourite" beschäftigen. Denn da wird deutlich: Frauen an die Macht – das ist nichts Neues! Selbst die Probleme, die Männer mit einer weiblichen Autoritätsperson haben, sind alt und somit echt so richtig durch, oder?

Jonah Hills Regiedebüt konserviert seine Kinderheitserinnerungen

Auch Jonah Hill springt mit seiner ersten Regiearbeit "Mid 90s" (Start: 07. März 2019) auf den Retro-Zug auf. Da steckt der Hinweis auf die verehrte Zeit praktischerweise ja auch gleich mit im Titel. Sein dreizehnjähriger Protagonist skatet sich dort durch das LA der 90er. Überall gibt es alten HipHop zu hören, XXL-Shirts an schlacksigen Jungen zusehen und alles ist mit der altmodischen Krisselkamera-Optik versehen. Doch warum nur lässt einen diese Coming-of-Age-Geschichte so überhaupt nicht kalt? Bei Jonah Hill ist der Film eine Möglichkeit seine Nostalgie an eine Zeit zu formulieren, in der er aufgewachsen ist. Kindheitserinnerungen konservieren zu wollen – das ist eine gängige Sache. Diese Gedanken an eine alte Zeit erlauben ein gutes Gefühl, sogar eine Art Gemeinschaftsgefühl. Finden wir nicht mittlerweile alle die gleichen Klamottentrends aus den 90ern cool? Und wer will jetzt nicht mal mit dem Skateboard komplett losgelöst von Zeitstress ein bisschen herumdüsen?

Die Retromanie in Hollywood ist auch nicht unbedingt ein neuer Trend, sondern eine Bewegung, die es schon seit einigen Jahren gibt – mindestens seit 2017 auch noch mit "Blade Runner 2049" eine Weitererzählung des düsteren Klassikers erschien. Dass immer noch nach neuen Wegen gesucht wird, um alte Konsolen, Filmklassiker, Kleidungsstile, Musik und Ikonen neu aufleben zu lassen, liegt daran, dass man sich nur zu gerne aus dem Hier und Jetzt wegträumen möchte. Im Damals steckt so viel Schönes, weil es die Ahnungslosigkeit darüber beinhaltet, was als nächstes noch kommen wird. Die Retro-Ästhetik und alte Storys erlauben auch mehr Kitsch. Wenn in "Beale Street" die angehende Mutter ihren Freund so dermaßen demütig anschmachtet, lässt sich das eben damit rechtfertigen, dass "es damals nun mal so war". Doch ob man nun Fan von der Verbeugung von dem Vintage-Styles im Kinosessel ist oder nicht, muss man der guten alten Zeit doch eines auf alle Fälle zugute halten: Früher war alles insofern besser, dass ein Trump da noch nicht Präsident war!



Neu im Kino: "Beale Street" und "Captain Marvel"

Beale Street (Start: 07. März 2019) – Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) sind so richtig ineinander verknallt. Das Paar kennt sich schon seit der Kindheit und mittlerweile sind sie junge Erwachsene, die auch zusammenziehen und eine Familie gründen können. Doch das Schicksal meint es nicht so gut mit den beiden. Denn im Harlem der 70er-Jahre müssen sie immer wieder rassistische Bemerkungen bzw. Übergriffe über sich ergehen lassen. Als dann auch noch Fonny ins Gefängnis kommt, weil er beschuldigt wird, eine Frau vergewaltigt zu haben – obwohl der Vorfall am anderen Ende der Stadt stattfand – ist die Angst groß. Zusammen mit ihren Eltern (Regina King und Colman Domingo) versucht Tish die Unschuld ihres Mannes zu beweisen. Sie will ihn auf schnellsten Wege bei sich haben, denn sie erwartet Nachwuchs von Fonny ...

Bei den Oscars 2017 konnte Barry Jenkins’ Drama "Moonlight" als Bester Film hervorgehen. Mit "Beale Street" ist dem Autoren und Regisseur nun ein Nachfolger gelungen, der genauso ruhig wie intensiv und nahegehend erzählt ist. Jenkins entfernt sich nie zu sehr von seinen Hauptfiguren und lässt selbst ihrem inneren Monolog genügend Raum. Dadurch erstrahlen seine Charaktere in einer unfassbaren Größe. Hinzu kommt die romantische Inszenierung, in der die emotionsreichen Gesichter ganz nah und die Farben und Umgebung sehr weich gezeigt werden. Die Geschichte basiert auf einem Roman von James Baldwin und so wird das gesamte Werk von einer wunderbar poetischen Grundstimmung getragen.

Captain Marvel (Start: 07. März 2019) – In einem Moment kämpft Captain Marvel (Brie Larson) noch zusammen mit der Elite-Einheit Starforce im Weltraum, im nächsten stürzt sie urplötzlich auf die Erde hinab. Dieser Planet sollte ihr eigentlich vollkommen fremd sein, doch mit einem Mal wird die hochentwickelte Soldatin von Visionen eingeholt, dir ihr nahelegen, dass sie schon mal hier gewesen ist. Nachdem sie auf den jungen S.H.I.E.L.D-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) getroffen ist, macht sie sich mit ihm auf den Weg, um ihre Vergangenheit zu erforschen. So richtig viel Zeit bleibt den beiden dafür aber nicht, denn dunkle Mächte bedrohen den Frieden auf der Erde.

Das ist schon ganz cool: Captain Marvel ist die erste weibliche Superheldin, die einen eigenen Original-Film erhält. Und um die überirdische Kämpferin vorzustellen, wird dieses Mal nicht im Urschleim begonnen – wie toll ist das denn? Wir sehen sie sofort in ihrem Element, sie muss niemanden mehr was beweisen. Erst nach und nach wird mit Rückblenden gearbeitet, die es erlauben, ein bisschen im Früher zu graben. Es gibt also Frauenpower pur zu feiern! Diese Geschichte hat tatsächlich noch im Marvel Universe gefehlt, denn sie gibt dem schon vorhandenen Team eine ganz neue Facette dazu.



Streamingperle: "Jack"

Streamingperle: "Jack" (Verfügbar bis 11. März 2019) – Nachdem Jacks (Ivo Pietzcker) Mutter spurlos verschwunden ist, schmeißt er den Haushalt. Er weckt seinen kleinen Bruder auf, macht das Essen und begibt sich schließlich auf die Suche nach seiner Mutter. Er ist ein Zehnjähriger, der viel früh gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen. Ein Drama, das man gesehen haben muss!

Trailer der Woche: "The OA – Staffel 2"

"The OA – Staffel 2" (Start: 22. März 2019) – Na das geht ja zackig. Erst musste man sich ewig gedulden, um zu erfahren wann und ob es überhaupt eine Nachfolgestaffel der Sci-Fi-Serie von Netflix geben wird und nun wurde quasi über Nacht ein Trailer zur zweiten Staffel plus Veröffentlichungstermin bekannt gegeben. Aber so mögen wir das! Wieder wird Prairie Johnson (Brit Marling) im Mittelpunkt stehen, die sich scheinbar mit einem Privatdetektiv zusammentut, um sich auf die Suche nach der vermissten Michelle Vu zu machen. Doch bereits der Trailer macht klar: Es ist lange nichts mehr so, wie wir es aus den ersten Folgen kennengelernt haben!



Die nächste Ausgabe der FILMICUM erscheint am 14. März 2019

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