Anthem Test Shooter
In Anthem ist dein High-Tech-Kampfanzug dein treuester Begleiter. | Foto: Electronic Arts
Autor

06. Mär 2019

Christopher Lymer

Games

Anthem im Test

Effektlastiger Shared-World-Shooter mit Startschwierigkeiten

Sci-Fi-Fantasy trifft Iron Man

Auf einem fiktiven Planeten sieht sich die Menschheit zerstörerischen Umweltphänomenen, den sogenannten Cataclysms, ausgesetzt. Jene überziehen den Planeten nicht nur mit heftigen Wetterkapriolen, sondern entfesseln neben zerstörerischen Energien auch jede Menge monströser Kreaturen. In der Rolle eines Freelancers ist es an uns, diese Cataclysms einzudämmen und jene Geschöpfe zurückzudrängen, welche die letzten Bollwerke der Menschheit bedrohen. Dafür schlüpfen wir in stylische High-Tech-Kampfanzüge – sogenannte Javelins – welche uns nicht nur schwere Geschütze auffahren, sondern auch wie Iron-Man durch die Open-World düsen lassen. Das tun wir entweder allein oder mit bis zu drei anderen Mitspielern. Unser Lohn? Erfahrungspunkte, Level-Ups, sich auffüllende Progressions-Balken und natürlich massenweise Loot!

Javelins: Die fantastischen Vier

Und so stürzen wir uns in die Online-Spielwelt von Anthem, einem weitläufigen, von schroffen Felsformationen, Dschungeldickicht und urtümlichen Ruinen geprägten Landstrich namens "Bastion". Dieser beeindruckt uns nicht nur mit atemberaubend schönen Panoramen, geheimnisvoll fluoreszierende Unterwasserhöhlen und glitzernden Wasserfällen, sondern auch mit allerlei exotischen Tier- und Pflanzenarten. Und obwohl hier alles wirklich fabelhaft aussieht, haben wir uns nach etlichen Spielstunden an der immer gleichen Kulisse doch etwas satt gesehen und wären einem zukünftigen Szenenwechsel nicht abgeneigt.

Von den Javelins haben wir hingegen noch lange nicht genug – schließlich spielt sich jeder der vier Kampfanzüge bezüglich Bewegungs-, Flug- und Kampfverhalten spürbar anders: Mit dem Ranger wählen wir einen ausgeglichenen Allrounder, der über ein optimales Verhältnis von Wendigkeit und Panzerung verfügt und seinen Gegnern mit Flächen-Bombardements und explosiven Lenkraketen einheizt. Der Colossus hingegen ist ein behäbiger Panzer, der gegnerischem Feuer mit einem ausfahrbaren Schild trotzt, um sich anschließend mit Flammenwerfer und schwerer Artillerie Raum zu verschaffen. Wenig einstecken, dafür aber umso härter austeilen, ist dagegen die Devise des Storm, mit dem wir wie ein Bad-Ass-Robo-Magier über das Schlachtfeld schweben und Elementar-Angriffe auf unsere Feinde niederregnen lassen. Nah und persönlich wird‘s schließlich mit dem Interceptor, welcher sich als wendigster Javelin mit zwei Klingenwaffen spektakulär ins Getümmel stürzen kann, um massiven Schaden auszuteilen. Wenn wir unsere Angriffe dann noch mit denen unserer Mitstreiter verketten, um mächtige Kombos zu zünden und unsere Gegner in einem gigantischen Feuerwerk aus Partikeleffekten, Lichtblitzen und Explosionen auflodern zu lassen, fühlen wir uns in jedem Javelin wie ein unaufhaltsames Powerhouse.

Umso erfreulicher ist es, dass wir uns nicht auf einen Javelin festlegen müssen, sondern jederzeit zwischen allen Vieren wechseln dürfen. Zudem lassen sich die stylischen Kampfanzüge in Sachen Farbe und Material bis in die kleinsten Details individualisieren und mit unterschiedlichen Komponenten ausstatten, wobei letztere der Verbesserung und Modifikation der insgesamt drei Spezialfähigkeiten unseres Anzugs dienen.



Von 100 auf 0: Willkommen in Fort Tarsis

So berauschend die actionreichen Gefechte mit unseren Javelins sind, umso ernüchternder wirkt die Vollbremsung, die Anthem nach jeder Mission hinlegt, um uns aus der Open-World und unserem heißgeliebten Anzug zu zerren und nach Fort Tarsis zu verfrachten. Hier, in unserem ganz persönlichen Story-Hub, dürfen wir uns erstmal von High-Speed-Flugmanövern und fetzigen Explosionen verabschieden. Stattdessen wechseln wir in die Ego-Perspektive und erkunden unsere Heimatbasis, sprechen mit ihren Einwohnern, treiben somit die Story voran und schalten Missionen frei – im besten Fall: Denn ein Großteil der uns zur Verfügung stehenden Gesprächspartner haben schlichtweg keine Relevanz für den Spielverlauf. Ihre Funktion ist es, uns "spielerisch" mit dem komplexen Universum, das Bioware für Anthem erschaffen hat, vertraut zu machen. Leider erweisen sich die dafür entwickelten Geschichten der Charaktere nur äußerst selten als spannend oder interessant. Vor allem weil die interaktiven Dialoge, welche hin und wieder eine "A oder B"-Entscheidung von uns verlangen, bis auf die weitere Interaktion mit der entsprechenden Figur keinerlei Auswirkung auf die Spielwelt haben.

Diese Dialoge sowie die immer neuen – wenn im Kern auch interessanten – Kodex-Einträge zu Ereignissen, Persönlichkeiten oder Fraktionen des Anthem-Kosmos, fressen nicht nur jede Menge Spielzeit, sie zwingen uns auch in eine passive Rezeptionshaltung, welche im krassen Gegensatz zum Adrenalinrausch der Open-World-Action steht. Das daraus resultierende Spannungsverhältnis bekommen wir vor allem im Spiel mit Freunden zu spüren, wenn Aussprüche wie "Ruhe jetzt! Ich muss hier noch mit `nem Typen quatschen" oder "Moment, ich muss noch drei Kodex-Einträge lesen" den Voice-Chat verstummen lassen, während der übrige Teil der Gruppe bereits ungeduldig darauf wartet, die nächste Mission zu starten.

Von repetitiven Missionen und rätselhaftem Loot

Die wachsende Vorfreude darauf, wieder in den Javelin schlüpfen zu dürfen, lässt uns dann sogar kurz vergessen, dass Anthem in Sachen Missions-Design leider keinen Blumentopf gewinnen kann. Zu häufig klappern wir nur Wegpunkte ab, um dort mit einem Objekt zu interagieren und auftauchende Gegnerwellen über den Haufen zu ballern, um dann zum nächsten Ort zu düsen und so weiter. Das betrifft sowohl Missionen der Story-Kampagne als auch Events, die wir während des "Freien Spiels" in der Open-World triggern. Lediglich die drei "Festungen", bei denen es sich um Endgame-Gruppenmissionen mit abgeschlossener narrativer Struktur sowie abschließenden Bosskampf handelt, erweisen sich als etwas kreativer.

Aber was soll‘s: Am Ende des Tages zählt für einen echten Freelancer ja eh nur eins – neue Items! Und die finden wir reichlich – und zwar in Form von nach Seltenheitsstufen farbcodierten Polygonen, deren Inhalte erst nach Abschluss einer Mission offenbart werden. Für uns bedeutet das zwar, dass wir unser Loadout generell nicht On-the-fly wechseln dürfen, dafür ist die Spannung während des Enthüllungsmoments aber umso größer, stimmt’s? Naja, tatsächlich fördert die Präsentation der neu erworbenen Ausrüstungsgegenstände anstelle von Jubel und Freudensprüngen bei uns häufig nur Stirnrunzeln zutage: Und das liegt nicht nur daran, dass Waffen sowie Javelin-Komponenten optisch kaum Alleinstellungsmerkmale aufweisen, auch manifestieren sich ihre individuellen Stats oder Perks ausschließlich in Form von Prozentsätzen, Termini, Abkürzungen und Icons, die wir überhaupt nicht zuordnen können – zumal entsprechende Erläuterungen derzeit nicht im Spiel, sondern nur über die Online-Recherche zu finden sind. An dieser Stelle wird deutlich, dass Anthem in Puncto Loot-Design dringend nachjustieren muss, um langfristig den Jagdtrieb der Spieler aufrecht zu erhalten.

Da fehlt doch was …

In der Tat hat Anthem aber noch ganz andere Baustellen: Nicht nur lässt der Shared-World-Shooter grundlegende Multiplayer-Funktionen wie diverse Interaktions-Optionen oder eine Organisation in Gilden vermissen, auch einen PVP-Modus, einen Raid oder einen gebündelten Überblick über die eigenen Stats suchen Spieler derzeit vergebens. Ganz zu schweigen von der schwankenden Server-Stabilität oder den sporadischen Abstürzen, die bei PlayStation 4 und Xbox One sogar zur vorübergehenden Abschaltung der Konsole führen können.

Kurz gesagt: Anthem wirkt an vielen Stellen unfertig und hätte sicherlich von ein paar zusätzlichen Wochen bzw. Monaten Entwicklungszeit profitiert. Immerhin: Erste korrigierende Patches sind bereits erschienen, weitere stehen in den Startlöchern und eine Roadmap ist auch schon veröffentlicht. Es gibt also Grund zur Hoffnung!

Anthem im Test: Fazit

Anthem macht einiges richtig: Die Open-World sieht umwerfend schön aus, die Javelins spielen sich angenehm abwechslungsreich und die Flugmanöver sind ebenso berauschend wie die spektakulären Koop-Kämpfe! Während der Loot-Shooter hinsichtlich effektlastiger Action und bombastischer Inszenierung aus den Vollen schöpft, lässt er jedoch an zu vielen anderen Stellen das vorhandene Potenzial ungenutzt: In Sachen Storytelling, Missionsgestaltung, Endgame-Content, Multiplayer-Funktionen, Stabilität und – am wichtigsten – Loot-Design ist derzeit noch viel Luft nach oben!

Abschreiben sollte man Anthem deshalb aber nicht: Schließlich mussten auch etablierte Genre-Vertreter wie ein Destiny 2 ihre Kinderkrankheiten erst überwinden, um mit Hilfe der Community das zu werden, was sie heute sind.


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Anthem 

Online-Actionspiel

Electronic Arts

PlayStation 4, Xbox One, PC

Ab 16 Jahren 

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