Jesper Munk Album Favourite Strangers
Jesper Munk drehte eines seiner neuen Musikvideos in China. | Foto: Lewis Lloyd/Warner Music
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13. Jul 2018

Steffen Rüth

Musik

Jesper Munk im Interview: "Ich erliege meinen Gefühlen immer wieder"

Jesper Munk: Alles zu seinem neuen Album "Favourite Stranger"

Der inzwischen in Berlin lebende Münchener Jesper Munk – Mutter ist Dänin, Vater Deutscher – ist 26 Jahre alt, und somit schon rein biologisch so langsam dem früheren Klischee des Blues-Wunderjungen entwachsen. Aber erst recht stilistisch erinnert nicht mehr viel an die Anfänge mit seinen Alben "For In My Way It Lies" (2013) und "Claim" (2016). Munks drittes Werk "Favourite Stranger" ist vielmehr eine elegante, romantische, softe und vor allem sehr schöne Pop-Platte geworden, die an Kollegen wie Erlend Øye und seine Kings Of Convenience oder die Seventies-Band Steely Dan denken lässt. So viel Soul wie in "Happy When I'm Blue" oder dem augenzwinkernden "Icebreaker" hört man selten, und auf einer deutschen Produktion schon gar nicht. Wir klingelten den Mann mal aus dem Bett.

Jesper Munk: Interview aus dem Bett

UNICUM: Jesper, du hörst dich verschlafen an. Wo steckst du?
Jesper: Im Bett.

Deinem?
Nee, dem einer Freundin. (schlürft) Ich trinke gerade meinen ersten Kaffee.

Im Video zu deiner Single "Cruel Love" tappst du auch durch eine Wohnung, und zwar eine ziemlich chaotische. Die der Freundin oder deine eigene?
Weder noch. Das ist die Wohnung des Videoregisseurs. Bei mir selbst sieht es ein bisschen spartanischer aus, der Dielenboden ist komplett ochsenblutrot, ein Zimmer ist nur fürs Musikmachen. Sauber ist bei mir nur die Küche, damit man sich was zu essen oder wenigstens einen Toast machen kann.

Deine neuen Songs heißen zum Beispiel "Solitary", "Happy When I'm Blue" oder eben "Cruel Love". Man könnte meinen, du ergötzt dich auch ein bisschen an unerfüllter und unglücklicher Liebe.
Naja, das ist auch ein Spiel. Einsam bin ich eher nicht. Traurig werde ich vor allem, wenn ich viel nachdenke. Ich halte unsere Zeit, in der wir leben und lieben, in mancherlei Hinsicht für herzlos und kalt. Das Verlieben, oder überhaupt Zwischenmenschlichkeit, gibt da einen Rest von Trost oder Geborgenheit.

Du machst Musik, seit du Teenager bist. Wie geborgen fühlst du dich auf der Bühne?
Die Bühne ist der beste Platz von allen. Live geht es mir ums Spaß haben. Das Konzert repräsentiert für mich den heiteren und optimistischen Aspekt meiner Musik. Außerdem macht es mir Bock, mich zu bewegen. Ich bin total froh, dass ich jetzt wieder rauskomme. Als ich mein Album aufnahm, habe ich lange im Kämmerchen gesessen und mich mit meinen Inhalten und somit auch mit meinen Gedanken auseinandergesetzt. Wenn man sehr viel grübelt, wird es manchmal recht dunkel.



"Favourite Stranger" ruhiger als die vorherigen Alben

Wobei "Favourite Stranger" kein düsteres, sondern eher ein romantisches, sinnliches Album ist.
Naja, Sinnlichkeit und Melancholie sind für mich sehr eng miteinander verwandt. Ich erliege meinen Gefühlen immer wieder. Man glaubt, man stumpft irgendwann ab und verliert seine jugendlichen Vorstellungen von Romantik und der Liebe, die ja immer wieder zu schön waren, um wahr zu sein. Aber dann passiert es doch wieder.

Seinen Gefühlen zu erliegen, ist ja eigentlich eine schöne Sache.
Die einem hin und wieder großen Ärger bringt. (lacht)

Gibt es einen Grund, warum du das Video zu "Happy When I'm Blue" in der chinesischen Stadt Tianducheng gedreht hast?
Wir wollten eigentlich in Berlin drehen. Zwei Tage vorher kam mein Regisseur Lewis Llyod an und meinte, er hätte da gerade diese Doku im Fernsehen geguckt, wir müssten da unbedingt hin in diese Fake-Stadt in China. Also los. Mein Reisepass war in Berlin, ich war in München, mir blieben 48 Stunden Zeit, um mir ein Visum zu besorgen. Ein riesiger spontaner Kuddelmuddel. Aber eine fantastische, wirklich vollkommen andere und bizarre Welt. Ohne unseren chinesischen Location-Scout wären wir verloren gewesen.

Laut deiner Plattenfirma bist du der "Die Stimme des White Boy Soul der Generation Y". Kann man das so sagen?
Das ist jetzt echt nicht meine Formulierung. Weiß nicht, klingt komisch. Obwohl, ich kann damit leben. Ist ja ein Kompliment.


Jesper Munk Happy when I'm blue video


Umzug nach Berlin: "Ich brauchte mehr kulturelle Vielfalt"

Warum bist du eigentlich vor knapp drei Jahren nach Berlin gezogen? Du bist in der Münchner Musikszene doch sehr eng vernetzt gewesen.
Ich brauchte mehr kulturelle Vielfalt. Damit einen die Stadt nicht verschluckt, ist man in Berlin zudem ein bisschen mehr gezwungen, herauszufinden, wer man ist. Mit Berlinern redest du ständig über philosophisches Gedankengut und politische Einstellungen. In München kam es mir vor, als würde ich nur mitschwimmen und hätte zu nichts etwas zu sagen. In Berlin eckst du an, wenn die keine Meinung hast. In München ist es umgekehrt.

Was hast du denn über dich gelernt in Berlin?
Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel für mich selbst und für meine Band. Früher wollte ich nur Musik machen und live spielen, alle anderen Nebengeräusche habe ich ausgeblendet. Inzwischen bekomme ich mit, dass ich mit meiner Musik eine gewisse Aufmerksamkeit erziele, und daher komme ich mit meiner Bescheidenheit, die auch falsche Bescheidenheit sein kann, nicht mehr weiter. Mein Ziel ist: Ich möchte etwas Positives und Schönes zur Kultur beitragen.

Bisher warst du von Bluesrockern wie The Black Keys oder Jon Spencer inspiriert. "Favourite Stranger" ist jedoch ein stimmungsvolles, melodisches Soul-Pop-Album. Welche Idee steckt hinter dem Genrewechsel?
Genres sind Mist. Ich bin immer schon zusammengezuckt, wenn mich jemand dem Blues zuschrieb. Schon richtig, der traditionelle Blues hat bei mir eine Rolle gespielt, aber der Hauptteil meiner Musik ist dieses Tabulose. Mutig sein, Lust auf Neues haben, sich die Seele aus dem Leib schreien. Auf der Bühne bin ich immer noch lauter als auf der Bühne, die ja bewusst softer ist. Weil bei mir alles so offen ist, fühle ich mich gerade so frei wie nie.

Man hat dich gern als Wunderkind bezeichnet. Jetzt bist du Mitte Zwanzig. Froh, erwachsen zu sein?
Schwierig. Ich versuche zu verhindern, meine Unschuld ganz zu verlieren. Ich will nicht abstumpfen. Gerade in den sozialen Netzwerken sind die Leute oft so eiskalt und böse, dieser krasse Aufschwung von rechtsradikalen Gedanken, die Wut auf Menschen, die angeblich hier nicht hingehören – damit konfrontiert zu werden, ist jedes Mal schlimm für mich. So viel zu denken und immer zu reflektieren, ich habe dein Eindruck, damit entspreche ich nicht dem Durchschnittsmittzwanziger. Aber teilweise bin ich auch echt noch wie ein 16-Jähriger.

Zum Beispiel?
Wenn bis zum 30. Januar die Heizung abgelesen werden muss, schiebe ich den Termin natürlich auf den 30., und kriege dann Megastress, weil ich an dem Tag natürlich nicht zu Hause bin (lacht).


Hier kannst du Jesper Munks Album "Favourite Stranger" hören:


UNICUM Musiktipp:

Jesper Munk Album Cover Favourite Stranger

Jesper Munk

"Favourite Stranger"

Warner Music Germany

VÖ: 27.04.2018

Artikel-Bewertung:

3.06 von 5 Sternen bei 235 Bewertungen.

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