Maxim
Mit "Reprise" veröffentlicht Maxim ein Akustikalbum | Foto: Ben Hammer/Warner Music
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05. Okt 2017

Sandra Ruppel

Musik

Von Fleiß, Liebeskummer und Studienabbruch: Maxim im Interview

"Fleiß spielt eine größere Rolle spielt als Talent"

UNICUM: Für "Reprise" hast du einen Teil der Lieder neu eingespielt, die ursprünglich auf "Das Bisschen was wir sind" erschienen sind. Das Album-Cover und vor allem die Videos zu den neuen Songs wirken auf mich fast schon meditativ. Welche Idee steckt dahinter?
Maxim: Es ist schön, dass das so ankommt. Das Ganze war von Anfang an eine Loslassen-Aktion, wir haben das gemacht, um es zu machen. Dabei muss man dann auch akzeptieren, dass da ein paar Fehler drin sind. Auch bei dem Artwork und den Videos habe ich einfach losgelassen und den Auftrag weitergegeben. Jennifer Trees hat die Videos gestaltet, sie hatte dabei freie Hand. Wenn bei der Musik und den Videos etwas Meditatives rüberkommt, dann schließt sich ein Kreis. Denn beim Meditieren geht es ja auch darum, dass man sich leer macht und loslässt. Für mich ist das passiert, ich habe bei diesem Album einfach losgelassen – auf eine positive Art.

Hat das Loslassen auch was in dir verändert? 
Es gibt Dinge, bei denen es gut ist, Ehrgeiz zu entwickeln. Beim Musikmachen ist Perfektionismus genauso wichtig, wie all die anderen Neurosen, die man braucht, um sich an einer Idee festzubeißen. Gerade wenn man Texte schreibt, ist es der falsche Moment zum Loslassen, denn sonst würde man am Ende keinen Text hinbekommen. (lacht) Da muss man sich wirklich disziplinieren. Aber ich habe das Gefühl, dass es der Musik selbst wiederum gut tun kann, wenn man ein bisschen loslässt. Musik ist viel intuitiver und kann für meinen Geschmack viel weniger verkopft sein als meine Texte. Ich habe gelernt, dass man da viel weniger wollen kann und dass man auch den Zufall ein paar Sachen entscheiden lassen kann. Wenn man gemeinsam spielt, können dann außerdem Sachen entstehen, die nicht passieren, wenn man allein im Studio ist.

Du sagst, Disziplin ist wichtig, um beim Schreiben von Texten voranzukommen. Welche Rolle spielt Fleiß bei dir?
Das steckt einfach in mir drin, ich bin so aufgewachsen. Mein Vater hatte einen Verlag und hat, zusammen mit meiner Mutter, extrem viel gearbeitet. Auch was die Schule betrifft: Mit der Einstellung "Scheiß drauf, keinen Bock" wäre ich bei uns zu Hause nicht durchgekommen. Wenn ich heute an Sachen herangehe, arbeite ich immer auch mit Fleiß daran. Ehrlich gesagt glaube ich auch, dass Fleiß eine viel größere Rolle spielt als Talent. Gerade in der Musik- oder Filmindustrie wird Talent immer so in den Vordergrund gestellt, weil es zum Lifestyle passt und es leicht ist, zu sagen: "Der hat’s einfach!". Zu erzählen, dass einer für seinen Erfolg die ganze Zeit malochen muss und sich permanent den Kopf zerbricht, ist natürlich viel weniger sexy. Und deswegen lässt man das gerne mal weg.

Aber mit einem durchschnittlichen Talent in irgendwas und sehr viel Fleiß kannst du ziemlich weit kommen. Während du selbst mit dem krassesten Talent und gar keinem Fleiß nirgendwo hinkommst – weil, du musst arbeiten! Du musst in die Städte fahren, du musst spielen, du musst pünktlich sein. Du musst eine Band auf die Beine stellen und alles Mögliche organisieren. Das funktioniert einfach nicht anders. Ich glaube an Fleiß, Fleiß ist eine Tugend und nicht wegzudenken – auch nicht in der Kunst. Natürlich hat das mit dem Fleiß aber auch irgendwann seine Grenzen. Wir leben ja wiederum in einer krass selbstausbeuterischen Zeit, in der manche Leute für ihre Karriere sehr weit gehen und sehr viel opfern – bis hin zu gesundheitlichen Schäden. Das kann es natürlich auch nicht sein.

Für Maxim ist "Kunst etwas, das immer Konflikte bearbeitet oder aufarbeitet"

Eigentlich sind alle deine Songs sehr melancholisch. Verarbeitest du Schwermut in deinen Liedern, damit du außerhalb der Musik glücklicher sein kannst?
Vor allem, wenn ich ein Projekt abgeschlossen habe, denke ich oft: "Das gebe ich mir nie wieder!" und "Muss es wirklich sein, dass ich in meiner Musik immer wieder da hingehen muss, wo es weh tut? Dass ich in allem rumpuhlen muss, was so ätzend ist auf dieser Welt?". Aber wenn ich dann wieder mit etwas Neuem beginne, stellt sich mir die Frage, ob ich mich damit zufrieden gebe, einen Song über eine Party zu schreiben. Oder über ein Mädchen, das einen schönen Popo hat. Darüber haben Leute schon super Lieder geschrieben. Aber wenn du einmal da warst, wo ich mit meinen Liedern war – das ist wertfrei gemeint, es gibt in der Kunst nicht besser oder schlechter, Kunst ist Geschmackssache – dann kann man sich nur schwer damit zufrieden geben. Für mich ist Kunst etwas, das immer Konflikte bearbeitet oder aufarbeitet. Sonst ist es für mich nicht interessant.

Wie kommst du da wieder raus, wenn du in den Konflikten dieser Welt puhlst? Hast du Feierabend und kannst dich aus dieser Gedankenwelt lösen?
Es ist leider total schwer. Ich brauche immer eine Übergangszeit, besonders, wenn ich mich nach der Arbeit noch mit Freunden treffe. Ich war dann zehn Stunden in so einem Textfilm drin und auf einmal muss ich mit Leuten reden. Dann kommt immer: "Ist alles ok bei dir? Geht es dir gut?". Mittlerweile macht mich das richtig sauer. Denn eigentlich wissen die, dass ich dann einfach eine Stunde brauche – und dann bin ich wieder normal. Aber die Stunde brauche ich, um die Gedanken zu verscheuchen.

Maxim Reprise

"So Lieder schreiben wie 'Meine Soldaten' ist mein Rezept gegen Liebeskummer"

Bei "Wir sind alle nur ein Remix" geht es um Gewalt in der Familie und dass es sehr schwer sein kann, sich aus so einem Gewaltkreislauf zu befreien. Wie, denkst du, kommt man da raus?
Durch Vergebung! Darum geht es auch in dem Lied. Das Einzige, was so einen Gewaltkreislauf durchbrechen kann, ist Vergebung. Denn auf Gewalt kannst du nicht mit Gewalt antworten.

Ist es nicht wahnsinnig schwierig dahin zu kommen, jemandem wirklich zu vergeben? Vor allem, wenn es um so eine krasse Familiengeschichte geht?
Es hat auch wieder mit Kontrolle aufgeben zu tun: Das ist schwer, aber es ist das, was es möglich macht. Man kann das auch auf’s Universum übertragen: Sterne explodieren, es entsteht Staub, daraus entstehen wieder Planeten. Wenn du akzeptieren kannst, dass du in diesem riesigen Chaos lebst und das Chaos umarmst, hast du die Chance, glücklich zu sein. Wenn du versuchst, dagegen zu kämpfen, hast du keine Chance.

Wahrscheinlich kann man sagen, dass du mit "Meine Soldaten" den Durchbruch geschafft hast. Den Song hast du auch für "Reprise" nochmal aufgenommen. Meinst du, der Song ist so erfolgreich, weil sich viele mit dem Thema Liebeskummer identifizieren können?
Eigentlich ist der einzige Unterschied zwischen den "Soldaten" und meinen anderen Songs nur, dass er im Radio gelaufen ist. Vielleicht habe ich damit auch einen Nerv der Zeit getroffen, nur dann können Songs ja zum Hit werden. Dabei gibt es Lieder von mir, die ich noch viel lieber mag. "Mehr sein" finde ich zum Beispiel viel besser. Außerdem ist in "Meine Soldaten" zu keinem Zeitpunkt die Rede von Liebeskummer, es geht um Verlust. Um "Du bist weg", nicht um "Du hast mich verlassen". Aber die Leute interpretieren das da hinein. Das ist ok so, das wollte ich.

Hast du denn ein Rezept gegen Liebeskummer? Hattest du schon mal krassen Liebeskummer?
Ja, als ich "Meine Soldaten" geschrieben habe. Also: So Lieder schreiben wie "Meine Soldaten" ist mein Rezept gegen Liebeskummer. (lacht) Und das, was da im Song passiert. Wenn man Liebeskummer hat, durchlebt man unterschiedliche Phasen: Dieses "Ich lass dich einfach nicht mehr zu in meinem Kopf", ist eine von den Phasen. Irgendwann muss man das natürlich auch überwinden. Und vielleicht kriegt man das dann sogar hin, die Person wieder zu mögen. Aber ein richtiges Rezept gibt es auch gar nicht gegen Liebeskummer. Warten, bis es vorbei ist. (lacht)

Gleich zweimal hat Maxime ein Studium abgebrochen

Bevor du richtig in das Musik-Ding eingestiegen bist, hast du sowohl BWL studiert, als auch ein Studium zum Toningenieur begonnen. Beides hast du abgebrochen. Bereust du das?
Ne, überhaupt nicht. Das war aber auch immer nur ein Semester. Richtig behaupten, dass ich studiert habe, kann ich eigentlich nicht. Das war eher so, dass ich mich nicht so richtig getraut habe, das mit der Musik konsequent durchzuziehen. Ich brauchte diese zwei Semester, um mich vorsichtig an den Gedanken heranzutasten, dass ich Musik machen möchte. Also habe ich erstmal dieses BWL-Ding gemacht, hab aber auch sofort wieder aufgehört. Bei der ersten Klausur habe ich entschieden, dass ich nie wieder für sowas lernen müssen will und ich habe mich direkt danach exmatrikuliert. (lacht) Dann dachte ich, das Toningenieur-Studium hilft mir – das hat es auch und ich fand es auch sehr interessant. Aber in dieser Phase war es dann schon so, dass die Zeit nicht gereicht hat, um das Studium durchzuziehen und gleichzeitig Musik zu machen. Ich war schon auf Tour und wenn man dann mit fünf Musikern im Sprinter sitzt, die nur Scheiß im Kopf haben, kann man nicht noch nebenher irgendwelche Formeln lernen. Das ging für mich einfach nicht.

Was haben deine Eltern dazu gesagt, dass du Musiker sein willst? Hatten die Angst um dich?
Ich komme aus einem künstlerischen Umfeld, mein Vater ist eher der analytische Typ, meine Mutter der intuitive Typ. Für sie war es gar kein Problem und es hat sie auch nicht überrascht. Mein Vater hat sich am Anfang schon Sorgen gemacht. Bis ich Mitte 20 war, haben sie mir immer wieder mal geholfen und Geld zugeschoben. Wenn ich studiert hätte, hätten sie mich solange ja wahrscheinlich auch unterstützen müssen und das war auch ok für sie. Irgendwann meinten sie dann aber schon, dass ich langsam mal schauen muss, wie ich komplett von der Musik leben kann. Zum Glück ging das einher mit dem ersten größeren Deal, den ich mit der Plattenfirma hatte. Ab dann konnte ich von der Musik leben und das kann ich auch heute.


Maxim Reprise Album CoverUNICUM Musik-Tipp

Reprise

Maxim

Warner Music

VÖ: 29. September 2017


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