Adele Haenel Die Blumen von Gestern
Adèle Haenel: real und fiktiv | Fotos: Fred Meylan/H&K, © Edith Held / Four Minutes Filmproduktion
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11. Jan 2017

Nathan Niedermeier

Promis & Interviews

Non, ich bin nicht aus Zucker: Shooting-Star Adèle Haenel

Adèle Haenel: "Widerstand ist schon aus Gesundheitsgründen wichtig"

UNICUM: Du hast früh mit der Schauspielerei begonnen – woher kam deine Begeisterung?
Adèle Haenel: Mit fünf Jahren habe ich mit dem Theaterspielen angefangen, das war sozusagen die erste wirkliche Leidenschaft in meinem Leben. Meine Eltern haben mich zu einem Theaterkurs geschickt, weil ich ein recht unruhiges Kind war.

Wie ist es dann weitergegangen?
Zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr habe ich diesen Theaterkurs in Montreuil-sous-Bois gemacht und 2002 mit 12 meinen ersten Film gedreht: "Kleine Teufel". Das war eine sehr tiefgehende Erfahrung. Es viel mir schwer, danach einfach so mit der Schauspielerei weiterzumachen. Deshalb habe ich in Montreuil aufgehört. Erst mit 17 stand ich wieder vor der Kamera – im Film "Water Lilies".

Was ist in den fünf Jahren dazwischen passiert?
Ich war in der Schule und habe mein Abitur gemacht. Danach habe ich wieder mit Castings angefangen, dank Christel Baras. Sie ist Casting-Direktorin und hat mich auf einer Demonstration wiederentdeckt.

Was war das für eine Demo?
Ich war bei vielen Demonstrationen dabei, deswegen weiß ich es nicht mehr genau. Ich glaube, es war eine Demo gegen die Entwicklung des französischen Schulsystems. Widerstand ist schon aus Gesundheitsgründen wichtig. Non? Wenn wir nicht demonstrieren, dann ist das wie schlafen.


InfoDarum geht's in "Die Blumen von Gestern"

Totila Blumen (Lars Eidinger) ist Holocaust-Forscher und versteht wenig Spaß – vor allem dann nicht, wenn seine Kollegen versuchen, aus einem Auschwitz-Kongress ein werbefinanziertes Medien-Event zu machen. Totila ist empört – schließlich wird damit auch das Erbe des soeben verstorbenen und lange verehrten Professors Norkus mit Füßen treten. Dann zwingt man ihm mit der sehr jungen und sehr nervigen französischen Studentin Zazie (Adèle Haenel) auch noch eine Praktikantin auf. Die folgt ihm fortan nicht nur überall hin, sondern beginnt auch ein Verhältnis mit Totilas direktem Vorgesetzten (Jan Josef Liefers).

Wäre das nicht schlimm genug, wünscht sich Blumens gestresste Frau (Hannah Herzsprung), er möge bitte weniger jammern und sich mehr mit dem arrangieren, was das Leben bietet. So arbeitet Totila einfach weiter, unterstützt von der exzentrischen Zazie, die jedoch ihre ganz eigenen Pläne verfolgt.


Zur deutschen Sprache hat sie eine emotionale Beziehung

Inzwischen hast du in internationalen Filmen und auch bei deutschen Produktionen mitgespielt. Wie kam es dazu, dass du Deutsch gelernt hast?
Mein Vater stammt aus Österreich, deshalb habe ich in meiner Kindheit viel Deutsch gehört – aber nicht so viel gesprochen. Dann war ich in der Schule und habe alles wieder vergessen, weil der Sprachenunterricht sehr schlecht war. Deshalb konnte ich als Jugendliche weder Deutsch, noch Englisch. Aber – Voila! –, dann habe ich Deutsch wieder gelernt, weil ich endlich ein Ziel hatte. Ich habe also eine emotionale Beziehung zur deutschen Sprache. 

Das heißt: Sprache ist wichtig, um als Schauspielerin viel zu erreichen?
Das hängt davon ab, in welchem Land man wohnt: Wenn ich aus einem Land ohne Filmindustrie stamme, dann muss ich andere Sprachen lernen. Mir geht es aber eher darum, frei zu sein. Und ich denke, es ist als Schauspieler wichtiger, seinen Körper kennenzulernen, etwa durch das Tanzen. Es hängt letztendlich davon ab, was für ein Leben du willst.

Hast du eine Lieblingsrolle oder einen bestimmten Charakter, den du besonders gerne verkörpert hast?
Mir geht es eigentlich immer mehr um den Film als um den Charakter. Ich spiele lieber in Filmen mit, die mich insgesamt interessieren, als in Filmen, die nur eine interessante Rolle bieten. Am wichtigsten ist der Blickwinkel, den der Regisseur auf die Gesellschaft wirft. Mir machen aber vor allem körperliche Rollen Spaß: Rennen, schreien, springen!

Was macht für dich einen guten Film aus?
Das ist schwer greifbar, es geht mir mehr um ein Gefühl. Es gibt Zeichen, denen wir folgen können, und die uns sagen: "Dieser Film ist toll!". Ich will das Gefühl haben, dass der Regisseur etwas sucht und nicht den gleichen Weg geht, den jeder benutzt.

Was ist für dich das Schönste am Beruf der Schauspielerin?
Mit einem Partner zu spielen, mit dem es harmoniert. Es macht Spaß, wenn wir gemeinsam das Gefühl entwickeln, dass wir uns alles vorstellen können.



"Für mich sind die Grenzen zur Realität nie ganz klar"

Im Film "Die Blumen von Gestern" kannst du deine körperliche Seite ausleben: Machst du tatsächlich Kampfsport? 
Ich habe als Kind Judo gemacht, ich bin ja sozusagen berühmt dafür in der Schauspielbranche. Im echten Leben kämpfe ich allerdings nicht oder schlage irgendwelche Leute, aber auf Konfrontation gehen kann ich. (lacht) Bei dieser Produktion hatten die anderen Schauspieler Hemmungen, weil sie dachten, sie würden mir weh tun. Deshalb musste ich immer sagen: "Non, ich bin nicht aus Zucker!"

Dreharbeiten zu einem solchen Filmen sind vermutlich sehr aufwühlend. Wie schafft man es, die Distanz zu wahren?
Wenn wir einen Film drehen, dann verfolgt mich das manchmal. Während der Dreharbeiten herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Natürlich spielen wir einen fiktiven Charakter, aber für mich sind die Grenzen zur Realität nie ganz klar. Man braucht danach Zeit, um wieder im Jetzt und Hier zu landen.


Filmplakat zu Die Blumen von GesternUNICUM Kino-Tipp
 

Die Blumen von Gestern

Komödie/Drama, D/AT/F 2016

Darsteller u.a.: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Hannah Herzsprung

Verleih: Piffl Medien GmbH

Kinostart: 12. Januar 2017

Mehr Infos unter www.die-blumen-von-gestern.de

Artikel-Bewertung:

3.3 von 5 Sternen bei 138 Bewertungen.

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