Verfilmung Mängelexemplar
Glücklich sieht anders aus: Karo (Claudia Eisinger, re.) mit Mama (Katja Riemann) | Foto: X-Verleih

Bücher

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"Mängelexemplar" erweckt das innere Kind

UNICUM: Schaust du dir gerne Verfilmungen von Büchern an, die du gelesen hast, oder möchtest du deinen Eindruck nicht zerstören?
Claudia Eisinger: Wenn man ein Buch liest, gibt man den Figuren eigene Gesichter und baut sich selbst seine Welt. Und dann ist man oft ganz enttäuscht, dass der Film so anders ist. Oder, dass viel weniger drin ist. Aber ein Beispiel, wo beides super funktioniert, ist "Die unendliche Geschichte". Den Film liebe ich seit meiner Kindheit abgöttisch und tue das noch immer, obwohl ich auch das Buch kenne und da alles natürlich noch viel detaillierter ist.

Bei "Mängelexemplar" ist ein Unterschied zum Roman das innere Kind – was hat es damit auf sich?
Es geht darum, dass wir alle frühkindliche Erfahrungen haben, die noch nicht ganz verarbeitet sind – unterschiedlich schlimm natürlich. Karo wird ja zum Beispiel geschlagen von der Mama. Das innere Kind ist der Anteil in uns, der all diese Erinnerungen noch in sich trägt und der von unserem erwachsenen Ich möchte, dass es dafür sorgt, dass der alte Müll entsorgt wird. Da das manchmal ziemlich unschöne Dinge sind, mit denen uns dieses innere Kind konfrontiert, entwickeln wir gerne Widerstände gegen diesen bedürftigen Anteil, genauso geht es Karo mit ihrem kleinen Ich ja auch. Bis sie beginnt, mit ihrer Vergangenheit aufzuräumen und dieses kleine Wesen in sich annimmt und integriert.



"Diesen Nullpunkt im Leben kenne ich"

Hattest du mit dem Thema Depressionen schon mal zu tun, im Freundeskreis beispielsweise?
Karo hat ja keine klassische, klinisch diagnostizierte Depression. Der Begriff Depression bezeichnet letztlich nur eine Reihe von Symptomen. Die Wurzel derer liegt in der Art, wie wir leben, fast ausschließlich im Außen orientiert und wenig nach innen schauend. Unten drunter geht es um ganz grundsätzliche Lebensfragen, die jeden betreffen. Wer bin Ich? Was ist mein Platz in der Welt? Wie geht Leben? Bei Karo brechen innerhalb von kurzer Zeit mehrere Säulen weg, auf denen sie ihr Leben aufgebaut hat. Auf einmal gibt es nur noch das eigene Gefühl. Diesen Nullpunkt im Leben und die Verzweiflung, die er auslösen kann, kenne ich.

Warum ist unsere Generation denn so anfällig dafür?
Da kommen zig Milliarden Sachen zusammen. Natürlich sind es Dinge wie digitale Medien und die Scheinidentitäten, die man sich darin aufbaut. Es geht immer darum: Wer bin ich im Außen? Man hört zu wenig auf sein Inneres. Es herrscht eine riesige Angst, den eigenen Platz im Leben zu finden. Und eine große Hektik. Ein Riesenwettrennen. Wir sollen uns separieren und möglichst deutlich abheben von anderen, schneller und besser sein als der Rest. Irgendwie logisch, dass man sich da unverbunden fühlt und der Welt nicht vertraut.

Stimmt es, dass du dich zur Vorbereitung als Karo undercover in eine Therapie-Sitzung eingeschleust hast?
Eingeschleust habe ich mich nicht. Ich habe hier in Berlin eine Psychotherapeutin gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, dass ich als Figur zu ihr in eine Sitzung komme. Die war supercool. Von dem Moment an, als ich durch die Tür kam, war ich Karo. Sie hat mich als Karo Herrmann angesprochen und mich richtig befragt. Es war total spannend, was ich intuitiv alles schon wusste über die Figur. Teilweise Dinge aus der frühesten Kindheit


Mängelexemplar Film

"Es war herrlich, mal verschlunzt auszusehen"

Wie fühlt man sich, wenn man nach einem Drehtag nach Hause kommt und die ganze Zeit eine Depressive gespielt hat?
Karo zu spielen war ein bisschen wie ein Rausch, in dem ich den kompletten Dreh über drin geblieben bin. Ich habe schon abgeschaltet, aber nur so halb. Ich war immer auf Stand-by. Aber das Tolle war, dass wir ja auch die ganze Zeit den Humor und die Absurdität in der Geschichte gesucht haben. Alles Tragische ist auch nah an der Komik. Oder am Absurden. Und Karo ist echt eine schräge Nudel. Und eine Nervensäge. Dafür habe ich sie geliebt. Mir hat schon bei Sarah Kuttners Vorlage gefallen, dass sie den Abgründen, die sich auftun, mit Humor begegnet. So gucken sie einen nicht mehr an wie ein schwarzes Tier.

Wie war es für dich, "dich" ständig heruntergekommen zu sehen, also mit Panda-Augen und so?
Mich hat das ehrlich gesagt so krass entspannt. Es war herrlich, dass ich einfach mal verschlunzt aussehen konnte. Meine Maskenzeit hat ungefähr zehn Minuten betragen.

Dein erster größerer Film nach deinem Schauspiel-Studium und deiner Zeit am Theater war 2009 "13 Semester". Hättest du auch gerne mal das Studentenleben kennengelernt, wie darin gezeigt?
Manchmal habe ich schon überlegt, dass das cool sein muss, an der Uni zu sein. Ich hätte auch Lust, mich mal richtig intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Aber freiwillig. Ohne Leistungsdruck. Einer meiner wiederkehrenden Alpträume ist, dass ich eine Prüfung schreibe und überhaupt nicht weiß, worum es geht. Ich bin so dankbar, dass ich das nie wieder machen muss. Aber, wenn ich jetzt etwas studieren müsste, wäre es Tanz und Malerei.

Was für Ziele hast du in nächster Zeit?
Ich möchte immer mehr Kanäle für meine Inspiration öffnen. Spielen ist ein Kanal. Es gibt aber noch zig andere. Ich kreiere zum Beispiel gerade zusammen mit Fabian Joest Passamonte eine Serie, "Coolness Rulebook". Es ist die Geschichte eines Liebespaares, die wir immer in zwei Versionen erzählen. Einmal folgt das Paar Impulsen der Angst und einmal Impulsen der Liebe. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass wir unsere Realität von Moment zu Moment selbst kreieren und dass wir es sind, die entscheiden, welchen Impulsen wir nachgehen. Ansonsten will ich noch viel mehr tanzen, als ich es schon tue. Ich hab total Lust, einen Tanzfilm zu machen, merke ich gerade.


Mängelexemplar Kino-PlakatUNICUM Film-Tipp

Mängelexemplar

Komödie/Drama, Deutschland

Regie: Laura Lackmann

Darsteller u. a. : Claudia Eisinger, Katja Riemann, Laura Tonke

Verleih: X-Verleih

Kinostart: 12.05.2016

Artikel-Bewertung:

2.88 von 5 Sternen bei 203 Bewertungen.

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