Und Marx stand still in Darwins Garten
Was wäre passiert, wenn Charles Darwin und Karl Marx sich je getroffen hätten? | Foto: Ullstein
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11. Aug 2017

Ines Bruckschen

Bücher

Und Marx stand still in Darwins Garten

"Pleitegeier" trifft "Gottesmörder" zum Abendbrot

Im Frühjahr 1881 erforscht Charles Darwin in Kent das Sexualverhalten der Regenwürmer und quält sich durch schlaflose Nächte. Ihn treibt die Angst aus dem Bett, als "Gottesmörder" in die Geschichte einzugehen. Schließlich hat er als Erster gezeigt, dass die Erde und das Leben auf ihr von den Gesetzen der Evolution bestimmt sind und folglich die Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament nur ein Mythos ist. Auch Darwins tiefgläubige Frau Emma macht sich Sorgen: Wenn er nicht seinen Frieden mit Gott macht, muss sie womöglich die Ewigkeit ohne ihn verbringen. Die Zeit drängt, denn dem 72-Jährigen geht es immer schlechter.

Nur wenige Meilen entfernt, mitten in London, lebt der staatenlose Immigrant Karl Marx und verzettelt sich beim Schreiben – mit dem zweiten Band von "Das Kapital" kommt er einfach nicht weiter. Ungeduldig wartet er auf ein mutiges Proletariat, das den Kapitalismus zerlegt, grollt der ganzen Welt und wird schließlich ernsthaft krank. Weil er chronisch pleite ist, schickt ihm sein wohlhabender Freund Friedrich Engels den Hausarzt Dr. Beckett vorbei, der zufällig auch Darwin betreut. Eines Abends begegnen sich die beiden großen Denker bei einem Dinner. Es kommt zu einem furiosen Streitgespräch über Gott und Gerechtigkeit ...

Eine zeitgemäße Diskussion

Tatsächlich sind sich Darwin und Marx niemals begegnet, obwohl sie gegen Ende ihres Lebens in unmittelbarer Nähe voneinander lebten und durchaus vom Wirken des anderen wussten. Der Disput, den Ilona Jerger die beiden hier führen lässt, könnte zeitgemäßer gar nicht sein: Als sie begann, an ihrem Roman zu schreiben, waren Religions- und Biologieunterreicht in den europäischen Ländern strikt getrennt, auch in der Türkei, die gerade Gespräche über ihre Aufnahme in die EU führte. Forderte jemand die Schöpfungsgeschichte als Alternative zur Evolution in die Lehrpläne aufzunehmen, galt er als verirrter Einzelgänger.

Gerade wird der Roman jedoch von der Realität eingeholt. Die Regierung der Türkei hat die Evolutionslehre aus den Schulbüchern verbannt, der stellvertretende Ministerpräsident nennt sie "eine wissenschaftlich obsolete und verrottete Theorie". Auch im katholischen Polen steht das Thema Schöpfung auf der kulturpolitischen Agenda, es droht Ähnliches wie in der Türkei. Von den Entwicklungen in den USA ganz zu schweigen. Was soll man dazu sagen?

Es hilft, sich damit zu beschäftigen, wie Darwin eigentlich zu den Erkenntnissen seiner Evolutionstheorie kam. Ilona Jerger nimmt ihre Leser mit auf eine Weltreise an Bord des britischen Erkundungsschiffs "Beagle". Dabei erlebt der junge Darwin Naturkatastrophen in Chile, sieht die Erde aufbrechen und rekonstruiert schließlich, wie lange die Entstehung der heutigen Anden gedauert haben muss. Man erfährt, wie er zu dem Schluss kam, dass alles Leben miteinander verwandt sein muss, aber auch dass Arten auftauchen, sich entwickeln und wieder verschwinden.

Fazit zu "Und Marx stand still in Darwins Garten"

Hier werden gut recherchierte Fakten und gesellschaftliche Erkenntnisse in einer Geschichte verwoben, die einen schlauer macht und gleichzeitig nachdenklich stimmt. Gut, dass am Ende des Buches aufgeklärt wird, was Tatsache und was Fiktion ist – denn während des Lesens gerät man in Versuchung, alles für wahr zu halten.

Das liegt einerseits an der Sprache, die mit fast schon vergessenen Wörtern spielt, andererseits an den warmherzigen Schilderungen, wie der kluge alte Darwin seine Emma zu beruhigen versucht, mit der treuen Hündin Polly seine Runden dreht oder auf den unfreundlichen Marx reagiert. Immer wieder ertappt man sich beim Grinsen über die beiden Kerle, die sich so uneins sind, und doch so manches gemeinsam haben.

Wahrscheinlich wird man nach der Lektüre von "Und Marx stand still in Darwins Garten" wesentlich vorsichtiger mit Regenwürmern umgehen. Und zur nächsten Diskussion über Schöpfung und Evolution ein paar sehr schlüssige Gedanken beitragen. Wäre Bildung doch immer so unterhaltsam.


UNICUM Buchtipp

Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

Ullstein Verlag, ET. 11. August 2017

Preis: 20 Euro (Hardcover, 272 Seiten)

Artikel-Bewertung:

4.08 von 5 Sternen bei 49 Bewertungen.

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