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21. Jun 2016

Entertainment

Festivals: Access All Areas

Geschichten rund um Festivals

Der Booker

Wie etwa Julian Gupta, ehemals Student der Politikwissenschaften, heute beim Splash!-Festival u.a. für das Booking zuständig. Ein Job, der nicht nur ein gutes Gespür für Musik und Trends verlangt, sondern auch einen kühlen Kopf: "Das Buchen der Künstlers ist ein Punkt. Man muss sich mit dem Act nicht nur über die Gage einigen, sondern auch auf den Zeitpunkt, an dem er spielen soll." Und selbst wenn scheinbar alles geregelt ist, kann es im letzten Moment noch zu Problemen kommen. "2012 war es richtig stressig: Ein Künstler hat seinen Flieger verpasst, ein anderer Künstler hing in Frankfurt fest. Man muss dann das Programm so umgestalten, dass man keine Ausfälle hat, und sein Setting so umbauen, dass der, der zwei Stunden später kommt, auch spielen kann."

Richtig abschalten kann Julian nach einem erfolgreichen Festival nur kurz, schließlich geht es für den ehemaligen Chefredakteur des Splash!-Magazins immer um Musik: "Bei mir rattert es ständig im Kopf, wenn ich etwas höre oder sehe: Was könnte man damit noch machen? Es gibt auch Künstler, die versucht man über drei Jahre aufs Festival zu kriegen. Da kann man gar nicht sagen, wann man angefangen hat, ihn zu buchen."

Glücksmomente empfindet der Hip-Hop-Fan, wenn endlich ein lang ersehnter Künstler zusagt, wie etwa 2013 Julians Wunschact Kendrick Lamar. Oder wenn er es schafft, einen wirklich großartigen Newcomer nach Deutschland zu holen. "Wenn man auf ein Festival geht, sollte man jedem Act, den man sich angucken kann, eine Chance geben. Im letzten Jahr hatten wir auf dem Splash! Macklemore, der für alle total neu und frisch war. Der hat überzeugt und spielt jetzt in ausverkauften Hallen. Den konnte man bei uns für sich entdecken."

Die Newcomer

Entdeckt werden will auch die Stuttgarter Band Schmutzki. Der erste Schritt ist schon einmal getan: Im Dezember 2012 gewann das Trio den PLAY LIVE Bandförderpreis – und damit einen Auftritt  auf dem Southside Festival. "Einerseits ist man natürlich stolz und läuft mit dicker Hose und VIP-Pass durch die Gegend. Das ist ja schon ein Traum, der wahr wird", so die Punkrocker. "Auf der anderen Seite bist du trotzdem ein Niemand und versuchst möglichst keine dummen Fehler zu machen, dich möglichst professionell zu verhalten."

Gerne würde das Trio einmal mit Headliner Rammstein ein Bier trinken, doch am meisten zieht es die Jungs auf das gute, alte Campinggelände: "Dagegen ist der Backstagebereich doch wie eine Kaffeefahrt!". Für Sänger Beat Schmutz, Schlagzeuger Flo Hagmüller und Bassisten Dany Maier ging es in den letzten zwölf Monaten steil bergauf, und auch nach dem Southside stehen weitere Festivals für die Band an. Ihr Tipp an alle Newcomerbands: "Es ist wie immer im Leben: Glaubt an das, was ihr tut, hört nicht auf das, was die anderen sagen und lauft bloß nicht dem Trend hinterher. Das müsst ihr ein paar Jahre durchhalten und mit etwas Glück und Talent seid ihr die nächsten".

Die Superstars

Während Schmutzki noch ganz am Ende des Line-Ups stehen, befinden sich Die Ärzte schon im Festival-Olymp. 2013 haben die Berliner sich für ihre Fans etwas ganz Besonderes einfallen lassen und bespielen mit befreundeten Bands wie Kraftklub oder LaBrassBanda  im Rahmen der ärztivals die "schönsten Open Air Bühnen zwischen Bietigheim-Bissingen und Uelzen" (Alle Termine unter www.bademeister.com).

Laut Ärzte-Mitglied Rod braucht man genau fünf Dinge, um einen Festival-Gig seiner Band am besten zu überstehen: Regenfeste Kleidung, ein Balladenfeuerzeug, Halstabletten – gegen die Heiserkeit beim Mitsingen – und eine gute Fitness. Doch wie schaut es bei den Herren aus: Stumpft man nicht irgendwann ab, wenn man zum aberhundertsten Mal auf einer Festivalbühne steht? "Ein gewisses Abstumpfen wäre erst dann gegeben, wenn wir nur noch Festivals spielen würden. Tatsächlich sind Festivals aber nicht die Regel, sondern die Hallenshows." Für Glücksgefühle sorgt bei Rod dann nicht nur die Lightshow in der Nacht, "auch bringen die Zurschaustellungen von weiblichen Brüsten immer wieder einen echten "Wow"-Moment," wie der Musiker augenzwinkernd verrät.

Die Nachwuchs-Organisatoren

Gegen einen Gig der Ärzte hätten die Studierenden der Leuphana Universität in Lüneburg sicherlich ebenfalls nichts einzuwenden. Dabei kann sich die Bandliste des lunatic Festivals auch ohne die Berliner sehen lassen.

Seit zehn Jahren wir das Festival nun von Studenten organisiert, mittlerweile gibt es den gemeinnützigen Verein lunatic e.V. und seit 2008 ist das lunatic Festival Teil des Seminars "Festivalorganisation". "Ein Festival zu organisieren ist auf keinen Fall eine Sache, die man 'mal schnell nebenher' machen kann. Jeder ist sich dessen allerdings bewusst, bevor er sich für das entsprechende Seminar entscheidet“, so Antonia Lehnert, aus dem PR-Team.

30 Studierende arbeiten acht Monate lang an der zweitägigen Veranstaltung, aufgeteilt in fünf Bereiche: Künstlerische Leitung, PR, Finanzen und Technik und Infrastruktur. "Jeder bringt einen anderen Hintergrund, eine andere Erfahrung und natürlich auch andere Visionen mit ein. Das macht das ganze spannend. Auf der anderen Seite treffen aber eben auch automatisch unterschiedliche Meinungen aufeinander - da wird schon über manches heftig diskutiert." 

Einig sind sich alle Beteiligten aber über den Anspruch des lunatic Festivals – auch wenn dieser die Arbeit nicht unbedingt immer erleichtert: "Als komplett studentisch organisiertes Festival, welches sehr viel Wert auf Nachhaltigkeit legt und hinter dem ein Verein steht, ist es jedes Jahr aufs Neue ein Angang genügend Gelder für die Organisation des Festivals zu bekommen. Dabei wollen wir aber die Werte, die wir als wichtig erachten, nicht zurücklassen. So hat dieses Jahr beispielsweise eine Druckerei, mit der wir immer sehr gut zusammenarbeiten konnten und die unseren ökologischen Ansprüchen entsprach, nicht mehr zur Verfügung gestanden. Es ist gar nicht so einfach dann einen Ersatz zu bekommen."

Studierenden an anderen Unis rät Antonia zu einer guten Teamaufteilung und viel Selbstdisziplin: "Es ist tatsächlich schwieriger als man denkt. Die Leidenschaft und den Spaß sollte man sich aber dennoch bewahren."

Die Thekenkraft

Spaß ist auch das erste woran Ramona denkt, wenn man sie nach ihrem Festival-Job fragt. Neben ihrem Studium der "Sprache und Kommunikation" arbeitete sie u.a. auf Festivals wie dem Deichbrand im Bar-Team des Jägermeister Gasthofs "Zum röhrenden Hirschen" arbeiten: "Natürlich muss man sich darauf einstellen, dass die Tage lang sind und es oft laut und hektisch ist. Die Kunst dabei ist, den Überblick über die bestellten Drinks zu behalten. Für die einen ist das vielleicht stressig, für mich Spaß an der Herausforderung."

Seit 2009 hilft Ramona beim Ausschank mit, Thekenkräfte wie sie müssen vor allem "wetter- und wasserresistent, teamfähig, pflegeleicht, kontaktfreudig, gelassen, harmoniebedürftig und eventuell ein wenig vergesslich" sein. Denn: "Manche Bilder bleiben dann doch besser da, wo sie entstanden sind!"

Ihr unvergesslichstes Erlebnis auf einem Festival: "Zusammen mit einem Heavy-Metal-Urgestein, einem ganz finsteren Typen, habe ich auf dem Wacken bei uns am Jägermeister-Stand den Song 'Baby one more time' von Britney Spears performt. Er konnte den Text besser als ich und seine Tanzbewegungen waren auch erschreckend gut!" Eine gewisse Musikalität kann also nicht schaden – auch, wenn man als Besucher im Jägermeister Gasthof schneller bedient werden will. Bei Ramona kommen "personalisierte selbstgedichtete Ständchen oder Trinksprüche" gut an. "Singen und kreativ sein ist nie verkehrt. Beim nächsten Mal gerne eine gesungene Bestellung oder eine kleine Ode an das Barpersonal. Dann kann nichts mehr schief gehen!"

Die Security

Über ein kleines Ständchen freuen sich sicherlich auch manchmal Predrag Milojevic und sein Team. Vielmehr würde sich der Einsatzleiter im Bereich Festivals bei der SHS Sicherheit & Service aber darüber freuen, wenn die Festivalbesucher einfach rechtzeitig auf das Campinggelände wie auf den Platz vor den Bühnen kommen: "Dann wird’s nicht so stressig".

Seit über 15 Jahren sorgt Predrag für die Sicherheit auf Großevents, immer noch ist "jedes Festival  für sich ein einzigartiges Erlebnis" – auch wenn der Security natürlich nur wenig Freizeit bleibt. "Die Security ist aber über diese drei, vier Tage nicht näher an der Zivilisation dran als die Besucher. Auch für uns ist ein Festival jedes Mal eine Ausnahmesituation. Den Rabauken werden dann ein paar mehr Freiheiten gelassen, so soll es einfach auch sein. Ich denke, jeder sollte in seinem Leben so ein Festival mal mitgemacht haben und wir sollten die Leute nicht daran hindern, ihren Rabatz zu machen."

Predrag Milojevics Job ist es dann dennoch, die Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten: "Einer muss ja da sein, der das alles in seinen Grenzen hält." Eines hat er dann doch wieder mit allen anderen Besuchern gemein: "Ich finde jedes Festival ganz toll, gerade das Southside und das Chiemsee Reggae sind für mich jedes Jahr ein Höhepunkt."

Die Sanitäter

"Das hat schon etwas von Urlaubsflair. Die gute Laune und euphorische Stimmung der Besucher zieht uns natürlich auch mit," berichtet auch Carsten März von der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.  "Da kommt es auch schon mal zu spontanen Tanzeinlagen der Helfer. Das unterscheidet den Einsatz beim Festival beispielsweise von Sportveranstaltungen."

Seit über 13 Jahren arbeitet der Rettungsassistent des Regionalverbands Münsterland/Soest  u.a. auf Festivals wie dem Vainstream oder dem Wacken. "Was ich beim Einsatz am anspruchsvollsten finde, ist die Patienten davon zu überzeugen, dass sie mit ihrer Verletzung nicht weiterfeiern können. Das erfordert eine Menge Überzeugungskraft und meist viel Zeit, bis die Einsicht der Verletzten kommt."

Eine besondere Ausbildung zum "Festival-Sanitäter" braucht es dagegen nicht, ergänzt Maschinenbau-Studentin Tina Schröppel, die ehrenamtlich im Sanitätsdienst der Johanniter in Bayern arbeitet. "Selbstverständlich kommen auch schwerere Verletzungen vor, wenn mehrere Zehntausend junge Leute ein Wochenende lang feiern, aber das ist zum Glück eher die Ausnahme. Gefährlich wird es immer dann, wenn Besucher auf Gerüste oder ähnliches steigen oder Feuer im Spiel ist."

Für Tina gehört ein gewisser "Leichtsinn" zu einem Festival dazu: "Wichtig ist, dass man seine Grenzen kennt und aus dem Leichtsinn keine Dummheit wird." Und wie übersteht man am besten ein Festival? "Wer mit guten Freunden, die aufeinander aufpassen, vernünftiger Bekleidung und nicht zu viel Alkohol im Gepäck losfährt, sollte keine Probleme haben … und man sollte vielleicht nicht jede Wette annehmen, die einem angeboten wird."

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