Winchester Film
"Winchester" – die ersten Bilder versprechen Horror und Spannung pur | Foto: Splendid Film
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12. Mär 2018

Lisa Krick

Filme

Winchester – das Haus der Verdammten

Horror mit Oscar-Besetzung

Nach einer wahren Geschichte...

Das Regisseur-Duo, die Brüder Michael und Peter Spierig, das bereits erfolgreich bei Filmen wie "Predestination" und "Jigsaw" Regie führte, präsentiert in seinem neuen Film einen Mythos, der ebenso faszinierend wie beängstigend ist, da in ihm mehr Wahrheit zu stecken scheint, als der menschliche Verstand begreifen kann. Basierend auf realen Personen und Begebenheiten, nimmt der Film seine Zuschauer mit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit und beleuchtet das Leben der berühmten Witwe Sarah Winchester.

Die Winchester-Legende

Der Film erzählt vom Leben und Schaffen von Sarah Winchester, Witwe von Waffenmagnat William Wirt Winchester, der im Jahre 1881 an Tuberkulose starb und die damals erst 22-jährige Sarah alleine zurückließ. Sie erbte die Mehrheitsanteile an der Firma und das damit verbundene Vermögen ihres Mannes. Sarah scheint die Trauer um ihren Mann und die einige Jahre zuvor verstorbene Tochter Annie nie richtig überwunden zu haben. Nach dem Tod Williams soll sie angeblich ein Medium in Boston aufgesucht haben, welches ihr eine Botschaft ihres verstorbenen Gatten zukommen ließ. Sie solle westwärts ziehen und dort ein Haus bauen, für alle Opfer, die durch Winchester-Waffen ums Leben gekommen sind. Sarah solle niemals mit den Bauarbeiten am Haus aufhören, da der "Winchester-Fluch" sonst sie und all ihre Familienangehörigen ins Verderben stürzen wird. In einer verlassenen Gegend in San José, Kalifornien erwarb Sarah schließlich 1884 ein noch nicht fertig gestelltes Farmgebäude und begann fortan mit ihrer Lebensaufgabe: Dem unaufhörlichen (Um-)Bau des "Hauses, das von Geistern gebaut ist"

The Winchester Mystery House

Die Handlung des Films der Spierig-Brüder setzt im Jahr 1906 ein. Zu diesem Zeitpunkt stellt das Winchester-Haus bereits eine irrwitzige Konstruktion ohne viel Sinn und Verstand dar. Das Gebäude umfasst sieben Etagen, knapp 500 Räume, Treppen die ins Nichts führen, labyrinthartige Gänge, aufwändig gestaltete, mit Gold und Silber verzierte Räume, Türen hinter denen Wände liegen usw. Der Psychiater Eric Price (Jason Clarke) wird von den Aktionären der Winchester Repeating Arms Company beauftragt, ein Gutachten über Sarah Winchesters (Helen Mirren) Geisteszustand zu erstellen. Er soll sie für verrückt erklären, damit ihr die Kontrolle über die Firma entzogen werden kann. Price, der mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat, kann diesen lukrativen Auftrag nicht ausschlagen und begibt sich als Gast und Gutachter auf das Winchester-Anwesen.

"Ich glaube an nichts, das ich nicht sehen oder untersuchen kann."

Bereits nach kurzem Aufenthalt in der Winchester-Villa muss Dr. Price feststellen, dass hier irgendwas tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht. Oder bildet sich der, dem Laudanum nicht abgeneigte, Psychiater aufgrund seines Rauschmittelkonsums die seltsamen Geräusche und Erscheinungen selbst nur ein? Für ihn zählen, nach eigener Aussage, nur Fakten. Körper und Geist müssen als zwei unterschiedliche Komponenten betrachtet werden, die sich jedoch gegenseitig beeinflussen können. Angst existiert seiner Meinung nach nur im Verstand. Was aber, wenn dieser von übernatürlichen Wesen beeinflusst oder gar übernommen werden kann? Die Grenzen zwischen Illusion und Realität werden sowohl bei den Protagonisten als auch bei den Zuschauern immer wieder auf die Probe gestellt.

Fortschrittliche Visionärin oder trauernde Wahnsinnige?

Die nicht nur von Arthritis, sondern, nach eigenen Angaben, auch von Geistern geplagte Sarah hat neben Dr. Price erst kürzlich ihre Nichte Marion (Sarah Snook) und deren achtjährigen Sohn Henry (Finn Scicluna-O’Prey) bei sich aufgenommen, nachdem Marions Ehemann plötzlich verstarb. Sarah ist davon überzeugt, dass er Opfer des "Winchester-Fluchs" wurde und sorgt sich umso mehr nun auch um Marion und Henry, dessen Verhalten immer seltsamer wird, seitdem er im Haus seiner Großtante lebt. Der eigentlich so rationale Dr. Price trifft in der Winchester-Villa nicht nur auf die Schatten, welche Sarah umgeben sondern sieht sich auch auf ganz besondere Art und Weise mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Wie wird der Psychiater nach seinen persönlichen Erfahrungen über den Geisteszustand der Witwe urteilen? Lauern auf dem Anwesen wirklich Gefahren, die sich der Realität und den Grenzen der Vorstellung entziehen? Und wird das "Haus der Verdammten" seine Gäste und Bewohner am Ende unbeschadet wieder entlassen?



Fazit zu "Winchester – das Haus der Verdammten"

Michael und Peter Spierig kennen sich aus, in ihrem Metier. Gemeinsam mit erfahrenen Drehbuchautoren und Produzenten – unter anderem Tobin Armbrust ("Die Frau in Schwarz") – gelingt es allen Beteiligten, dem Publikum einen atmosphärisch hochkarätigen Horrorfilm zu präsentieren. Die Einstellungen und Bilder vermitteln das Gefühl einer authentischen Zeitreise ins Jahr 1906, in die Welt von Sarah Winchester und ihre Villa. Durch viele im Dunkeln gedrehte Szenen wird gekonnt eine mit Spannung aufgeladene und erwartungsvolle Atmosphäre, in dem doch eigentlich belebten Haus, an dem rund um die Uhr gearbeitet und gebaut wird, erschaffen. Alle am Film Mitwirkenden, vor allem auch die Kostümverantwortliche, Wendy Cork, sowie die Produktdesigner, die Teile des original historischen Winchester-Hauses für die Dreharbeit eins zu eins nachbauten, haben ihre anspruchsvollen Aufgaben mit Bravour gemeistert. Die Zuschauer fühlen sich in die viktorianische Ära zurückversetzt, was die Stimmung und Wirkung des Films und der präsentierten Story sehr gut ergänzt und unterstreicht.

Besonders überzeugen kann der Horrorstreifen auch durch die Besetzung und das erstklassige schauspielerische Können der Darsteller. Helen Mirren gewann nicht nur einen Oscar für ihre herausragende Leistung im Film "Die Queen". Sie hat darüber hinaus während ihrer langanhaltenden Schauspielkarriere verschiedene wichtige Auszeichnungen – unter anderem vier Emmy Awards, drei Golden Globe Awards, zwei Goldene Palme von Cannes – sowie zahlreiche Nominierungen erhalten. 2016 bekam sie die Goldene Kamera für ihr Lebenswerk. In diesem Jahr versucht sie also nun als trauernde Witwe in "Winchester – das  Haus der Verdammten" zu überzeugen, was ihr auch gut gelingt. Die Rolle der Sarah spielt sie souverän und kann dabei die innere Zerrissenheit – trauernde Witwe und verängstigte Frau auf der einen Seite aber auch Visionärin und Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt auf der anderen Seite – gekonnt in Szene setzen. 


Helen Mirren in Winchester


Ebenso wichtig für die Story und düstere Stimmung des Films ist Jason Clarke, der in seiner Rolle als skeptischer Psychiater und vom Leben gezeichneter Mann überzeugen kann. Als anfänglicher Gegenpart zu Sarah auftretend, nähern die beiden sich durch ihre Gespräche aber vor allem auch durch gemeinsame Erlebnisse im Winchester-Haus einander an. Den Zuschauern wird es leicht gemacht, mit den Charakteren des Films zu sympathisieren und um ihr Wohlergehen zu bangen. Selbst gegenüber dem ein oder anderen, vermeintlich übernatürlichen, Hausbewohner könnte man beinahe mehr Mitleid als Angst empfinden.

Letztendlich ist die Art und Weise wie bei den Zuschauern dieses neuen Werks der Spierig-Brüder Angst und Schrecken erzeugt werden soll, positiv zu erwähnen. Es wurde auf einen zu häufigen Einsatz von Jump-Scares sowie übertriebene Computersimulationen verzichtet, was eine stärkere Neugier und Anspannung bei den Zuschauern erzeugt. Das heißt nicht, dass es keine guten Schreckmomente, wie sie sich für einen Horrorfilm gehören, gibt. Diese werden aber vor allem in der zweiten Filmhälfte eher sparsam eingesetzt und sorgen so dafür, dass ein ungutes Gefühl à la "Wann kommt der nächste Jump-Scare?" bei den Zuschauern für anhaltende Spannung sorgt.

Die Präsentation und Darstellung des Lebens und Schaffens von Sarah Winchester und ihrem faszinierenden Haus versteht es, aufgrund einer vermeintlichen Authentizität, zu begeistern und die Neugier zu wecken. Die Regisseure haben es geschafft einem Mythos neues Leben zu verleihen. Mit einer gut durchdachten Story verschränken sie geschichtliche Tatsachen mit einer guten Portion kreativer Ideen, um die Zuschauer in eine übernatürliche Welt zu entführen. Zum Schluss versäumt der Film es nicht, seine Zuschauer mit einem Gefühl der Beklommenheit zu entlassen. Und vielleicht bekommt der ein oder andere ja auch Lust, das original Winchester-Haus (was davon heute noch übrig ist), das immer noch in San José steht, zu besuchen und sich selbst von der Faszination dieses Ortes und dem Mythos zu überzeugen.

UNICUM Film-Tipp

WINCHESTER - Das Haus der Verdammten

Horror/Biografie, USA 2018

Regie: Michael und Peter Spierig

Darsteller u.a.: Helen Mirren, Jason Clarke, Sarah Snook, Finn Scicluna-O'Prey

Verleih: Splendid Film

FSK 16

Kinostart: 15. März 2018

Artikel-Bewertung:

3.15 von 5 Sternen bei 53 Bewertungen.

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