Rage 2 Test
Mit Rage 2 erwartet uns ein neuer actionreicher Open-World-Titel aus dem Hause Bethesda. | Foto: Bethesda
Autor

29. Mai 2019

Christopher Lymer

Games

Rage 2 im Test

Endzeit-Shooter mit Inselbegabung

Storytelling à la Uwe Boll

Die Postapokalypse hätte so schön werden können! Zumindest wenn es nach dem fiesen Cyborg-Oberbösewicht General Cross geht, der uns just im Intro-Cinematic mit einem ausufernden Schurkenmonolog empfängt: Da geht es um große Pläne, die Säuberung des Planeten durch den Meteor Apophis, dem Durchkreuzer jener Pläne namens Nicholas Raine sowie eine ärgerlich frühzeitige Aktivierung der Archen und EcoPods. Und um seinen neuen Plan: nach Jahren der Vorbereitung endlich aus dem High-Tech-Bunker an die Oberfläche zurückzukehren, um eine neue Säuberung und somit die Wiederauferstehung der Obrigkeit einzuleiten.

Nix gecheckt? Kein Wunder! Mal ganz davon abgesehen, dass in dem Bösewicht-Blabla lächerlich wenig Inhalt steckt, verzichtet Rage 2 komplett darauf, uns abzuholen und die Story des immerhin neun Jahre alten Vorgängers sowie das Setting zu umreißen. Und noch bevor wir uns die schmerzlich vermissten Infos ergooglen können, sind wir auch schon am Drücker und dürfen einen Angriff auf unsere Heimatbasis abwehren. Wir entscheiden noch kurz, ob wir die weibliche oder männliche Ausgabe unseres Helden spielen wollen, dann stürzen wir uns mit Wumme und Wingstick auf die Cyborg-Mutanten der Obrigkeit. Naja, was soll’s – willkommen bei Rage 2!


Infobox HinweisStory-Recap – Was bisher geschah:

In der Zukunft rast ein riesiger Meteor auf die Erde zu. Im Angesicht der totalen Zerstörung wird ein ausgewählter Teil der Menschheit in Kryostase versetzt und tief unter der Erdoberfläche in sogenannten Archen eingebunkert. Über 100 Jahre nach dem Einschlag erwacht Nicholas Raine, Protagonist des ersten Rage, als einziger Überlebender seiner Arche aus dem Tiefschlaf und findet sich in einem von Mutanten und Raidern wimmelnden Ödland à la Mad Max wieder. Der Clou der Story: Die Obrigkeit, eine faschistoide Organisation unter der Führung des General Cross, hat die Reaktivierung fast aller Archen verhindert, um mit wenigen loyalen Anhängern eine neue Weltherrschaft zu errichten. Raine durchkreuzt diesen Plan schließlich, indem er die Archen aktiviert und die übrige Menschheit erweckt. Rage 2 setzt gut 30 Jahre nach diesen Ereignissen ein. Während Raine mittlerweile von der Bildfläche verschwunden ist, schlüpfen wir in die Rolle eines neuen Helden namens Walker, um dem alten Feind erneut die Stirn zu bieten.


Rage 2: HD-Remaster oder wie?

Und schon nach wenigen Minuten sackt uns die Kinnlade vor lauter Staunen gen Boden: Spektakulär inszenierte Cutscenes, gestochen scharfe Texturen, überwältigende Beleuchtungseffekte, innovatives Art-Design sowie ein Haufen cooler, unvergesslicher Charaktere – all das finden wir bei Rage 2 nicht! Ganz im Gegenteil: Eine grobe Ausleuchtung, heftiges Kantenflimmern und flackernde Schatten gepaart mit teils matschigen, kontrastarmen Texturen und einer irritierend verwaschenen Weitsicht lassen den Endzeit-Shooter anstelle eines AAA-Titels aus dem Jahr 2019 immer wieder wie ein HD-Remaster wirken. Gleiches gilt für die zahlreichen Ödlandbewohner, deren starre Mimik und hölzerne, sich laufend wiederholenden Bewegungsanimationen seltsam altbacken wirken. Lediglich eine Handvoll storyrelevanter NPCs bilden hier eine Ausnahme.

Eines ist also klar: Einen Schönheitspreis wird Rage 2 nicht gewinnen können! Immerhin läuft der Open-World-Shooter auf der Play Station 4 Pro bei recht stabilen 60 FPS.



Öde Ödland-Open-World

Aber es kommt ja nicht immer aufs Äußere an, richtig? Schließlich lockt Rage 2 mit einer weitläufigen Endzeit-Open-World, die es im Rahmen der Story zu erkunden gilt. Dafür bekommen wir sogar einen bewaffneten Buggy, mit dem wir von A nach B brettern dürfen. Und genau das machen wir dann auch: Von einem Punkt zum nächsten fahren – und zwar immer brav auf der Straße. Alles andere macht nämlich gar keinen Sinn: Zum einen weil weder unser eigenes noch jedes andere der 15 zu kapernden Ödland-Fahrzeuge abseits der Highways ein nur ansatzweise befriedigendes Fahrgefühl bietet; zum anderen, weil es dort einfach nichts zu entdecken gibt. Klar, schon nach einer kurzen Spritztour poppen auf unserer Karte unzählige Icons auf, die Aktivitäten, Orte und Nebenmissionen markieren. Jene sind aber in der Regel vortrefflich an das Straßennetz angeschlossen, sodass es überhaupt keine Notwendigkeit für beschwerliche Off-Road-Touren gibt. Zudem finden sämtliche Zufallsbegegnungen mit schwerbewaffneten Konvois, fahrenden Händlern oder herumlungernden Banditen ebenfalls nur entlang der befestigten Fahrwege statt. 

Entsprechend präsentiert sich die Open-World von Rage 2 weniger als lebendiges Environment, sondern vielmehr als klischeebehaftete Endzeit-Kulisse, die mit ihren von Ruinen gesäumten Wüsten, Canyons und Sumpfgebieten hauptsächlich als Transitzone herhalten muss. Davon zeugen sowohl die zahlreichen Flächen, die eher lieblos mit den immer gleichen 3D-Modellen aufgefüllt wurden, als auch die Tatsache, dass wir bereits nach wenigen Spielstunden einen Hover-Craft freischalten, mit dem wir fortan sämtliche Wegstrecken per Luftlinie zurücklegen und uns der etwas drögen Spielwelt somit entziehen dürfen.

Ist Endzeit, wenn man trotzdem lacht?

Leider wollen wir auch in den wenigen Städten und Camps, die uns als Anlaufstelle für Missionen dienen, nicht mehr Zeit als nötig verbringen. Während wir hier zielstrebig die reizarmen Kulissen passieren, um möglichst schnell mit Händlern ins Geschäft oder mit NPCs ins Gespräch zu kommen, zeigt sich Rage 2 sichtlich bemüht uns unmissverständlich klarzumachen, wie "extrem abgedreht" und "total crazy" die Bewohner seiner Welt doch sind: Hier streiten sich zwei halbnackte Männer in tuntiger Manier darum, wer das originellere Outfit trägt; dort diskutiert eine Gruppe Siedler, ob man an einem abgeschnittenen Penis im Hals ersticken könne, auch wenn dieser klein weil "nicht mit Blut gefüllt" sei. An anderer Stelle beobachten wir einen Typen in SM-Klamotte, der als Hund inklusive Ruten-Provisorium im Anus auf allen Vieren vor einem anderen davonkrabbelt.

Wenn derlei Dinge amüsant gewesen sein sollten, ist an uns sämtliches Augenzwinkern sowie jede einzelne Pointe vorbeigerauscht.

Die Erleuchtung kommt mit dem Mündungsfeuer

Und so lassen wir alle fruchtlosen Open-World-Expeditionen und Fremdschäm-Dialoge hinter uns und widmen voll und ganz den Missionen und Aufgaben, die das Ödland für uns bereithält. Sei es das Räumen von Banditen-Nestern, die Zerstörung von Obrigkeits-Wachtürmen, das Ausräuchern von Mutanten-Brutstätten, die Jagd nach Kopfgeldern oder die Vernichtung feindlicher Treibstofflager – unser Job bleibt im Grunde immer derselbe: Zielort betreten, alles niedermähen, Loot-Kisten plündern, fertig!

Und genau hier läuft Rage 2 zu ungeahnter Höchstform auf: Denn als Shooter spielt sich der Endzeit-Titel nicht nur unheimlich temporeich und präzise, er überzeugt auch durch ein überaus befriedigendes Trefferfeedback gepaart mit einer wuchtigen Soundkulisse sowie einer enormen Bandbreite an Experimentiermöglichkeiten. Neben einigen Klassikern wie dem Sturmgewehr und der Schrotflinte trumpft Rage 2 nämlich mit einer Reihe einfallsreicher, mächtiger Waffen auf.  Da wäre beispielsweise der Feuersturm-Revolver, dessen Patronen kleine Brandsätze enthalten, die sich per Fingerschnipp entzünden lassen, oder der Grav-Pfeil-Werfer, dessen winzige Projektile unsere Feinde per Gravitationsruck heftig gegen andere Objekte, Wände oder einander schmettern.

Darüber hinaus wird das virtuose Gunplay um sogenannte Nanotriten-Fähigkeiten ergänzt, mit denen wir uns die Kräfte der Physik in spektakulären Moves zu Nutze machen: So trotzen wir per Doppelsprung der Schwerkraft, schweben einen Moment in der Luft, um daraufhin wie ein Meteor niederzusausen und alle Feinde in Reichweite mit einer gewaltigen Druckwelle wegzukatapultieren. Anschließend wirbeln wir herum, um die anrennende Verstärkung mit einem Kraftstoß von den Füßen zu holen und ihr mit der Vortex eine Art schwarzes Loch hinterher zu schleudern. Haben wir genügend Kills gelandet, aktivieren wir schließlich den Overdrive, einen Rage-Modus, der uns für kurze Zeit in einen unaufhaltsamen Gott des Gemetzels verwandelt.

Und während wir wie eine entfesselte Urgewalt frenetisch über das Schlachtfeld fegen, aus allen Rohren feuern, eine Nanotriten-Fähigkeit nach der nächsten zünden und befriedigt dabei zusehen, wie unsere Feinde wie reife Melonen zersplattern, geschieht das Unfassbare: Rage 2 macht Bock – und zwar richtig! Ja, man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass Rage 2 in Sachen Shooter-Gameplay wahrlich neue Maßstäbe setzt.

Der reine Upgrade-Wahnsinn!

Das Absolvieren von Aufträgen und Missionen motiviert jedoch nicht nur dank der launigen Ballereien, sondern lockt auch mit diversen Ressourcen, die wir im Gegenzug erhalten. Darunter fallen Komponenten für die Herstellung von Medipacks und Granaten, Autoteile zur Verbesserung unseres Buggys, Baupläne für die Aufwertung von Crafting-Gegenständen sowie kostbares Meteoriten-Erz, mit dem sich Waffen und Charaktereigenschaften verbessern lassen. Mit Waffenkernen schalten wir darüber hinaus noch Perks frei, die das Handling oder sogar die Grundeigenschaften unserer Waffen verändern. Gleiches gilt für unsere Nanotrit-Fähigkeiten, die sich via Nanotrit-Booster stärken und in ihrer Wirkungsweise modifizieren lassen. Bereits dieser kurze und keineswegs vollständige Überblick zeigt, dass wir es bei Rage 2 mit einem regelrechten Upgrade-Overkill zu tun bekommen. Und obwohl die Aussicht auf immer neue Vorteile zwar motiviert, überfrachtet die spielprägende Mechanik den gesamten Flow des Shooters spürbar.

So wird recht schnell deutlich, dass die zeitintensive Upgrade-Spirale hauptsächlich das Ziel verfolgt, uns möglichst lange bei der Stange bzw. beschäftigt zu halten. Wer sich nämlich nicht darum schert, alle Waffen zu ergattern sowie sämtliche Upgrades freizuschalten, ist mit der Story-Kampagne von Rage 2 bereits in gut sechs Stunden durch. Nicht umsonst hat Bethesda bereits vor Release eine detaillierte Roadmap zu kostenlosen und kostenpflichtigen Erweiterungen sowie Community-Herausforderungen veröffentlicht, von denen letztere bereits angelaufen sind.

Fazit zu Rage 2

Rage 2 zu bewerten ist verdammt schwer! Seine Open-World, seine Story, seine Charaktere und selbst seine Optik bewegen sich im Vergleich zur Genre-Konkurrenz teilweise nicht einmal mehr im Mittelfeld. Und dann funkelt dort zwischen all der Banalität und Belanglosigkeit dieser prachtvolle Diamant in Form von nahezu perfektem Shooter-Gameplay, das alles zuvor Dagewesene in den Schatten stellt. Die Diagnose: Rage 2 leidet unter einer ausgeprägten Inselbegabung. Ob das für einen Vollpreistitel ausreicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.


UNICUM Gaming-Tipp

Rage 2 PackshotRage 2

Open-World-Shooter

Bethesda

PC, PlayStation 4, Xbox One

Ab 18 Jahren

Online bestellen (Amazon): RAGE 2 (PS4)

Artikel-Bewertung:

2.73 von 5 Sternen bei 183 Bewertungen.

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