Alligatoah Interview
Alligatoah legt mit "Schlaftabletten, Rotwein V" sein rockigstes Album vor, dafür holt er sich tatkräftigen Support. | Foto: Norman Z.

Musik

16.11.2015

alligatoah musik ist keine lösung

Alligatoah: Musik ist keine Lösung

Track-Check zum Album – Release am 27...

Zum Sterben würde er auf einen Berg gehen: Alligatoah sprach mit UNICUM Abi über sein neues Album "Musik ist keine Lösung" und verriet uns dabei außerdem, wie er seinen l ... mehr »

Autorenbild

13. Sep 2018

Sandra Ruppel

Musik

Alligatoah im Interview: "Ich trage keinen Hass in mir"

Alligatoah auf Menschensafari

Du bist ein ziemlich scharfsinniger Beobachter – das ist auf "Schlaftabletten, Rotwein V" natürlich wieder in deine Songs eingeflossen. Gibt es Orte, die sich für solche Beobachtungen besonders eignen?
Bahnhöfe sind gut geeignet, um Menschensafari zu betreiben. Dort sind Leute gerne mal gestresst und verhalten sich deshalb fragwürdig. Aber auch die Stadt an sich ist ein guter Ort, genau wie der Straßenverkehr. Besonders an heißen Tagen hat man das Gefühl, dass Menschen noch eher bereit sind, ihre zivilisatorischen Errungenschaften abzulegen, wieder zum Neandertaler zu werden und ihrer Wut freien Lauf zu lassen.

In "Hass" thematisierst du das Phänomen des cholerischen Autofahrers und es geht ganz schön zur Sache: Gibt es etwas, das bei dir einen vergleichbaren Hass auslöst?
Ich habe den Song vor allem geschrieben, weil ich ein ruhiger Autofahrer bin. Ich bin fasziniert davon, wie sich Leute komplett anders geben, sobald sie kein direktes Gegenüber mehr haben, sondern eine Blechtür sie von ihrer Umgebung trennt. Ich selbst trage wenig Hass in meinem Leben, vor allem keinen, der sich gegen Menschen richtet. Wut kommt eher dann in mir auf, wenn ich Kleinigkeiten nicht schaffe. Wenn ich beim Dart-Spielen die Zahl nicht treffe, die ich treffen will, zum Beispiel. Oder wenn ich beim Kegeln nicht steuern kann, wohin die Kugel geht. Das ist ein Sport, bei dem ich als Laie das Gefühl habe, dass es ein Glücksspiel ist und ich es einfach nicht hinbekomme.

Als ich klein war, war es schwer angesagt, seinen Kindergeburtstag auf der Kegelbahn zu verbringen. War das bei dir ähnlich? Aus der Zeit müsste man ja eigentlich noch trainiert sein…
Ich habe früher im Dorf immer auf den Kegelbahnen für die Rentner die Kegel wieder aufgestellt. Das war ein kleiner Nebenjob, mit dem ich mir ab und zu mal 10 Mark dazuverdient habe. Erst waren es die Kegel, die ich wieder aufgestellt habe und später habe ich dann die Schnapsgläser von den alten Leuten eingesammelt, die rund um die Bahn stehen geblieben sind. Dorfleben halt.

"Ich mag es, begeistert von jemandem zu sein"

Du sagst, du trägst wenig Hass in dir, besonders keinen gegenüber Menschen: Gibt es etwas, dass du an Menschen oder dem Menschsein besonders gerne magst?
Ich mag den Moment, in dem man merkt, dass man sich mit einem anderen Menschen sehr gut versteht. Den Moment, in dem man sich zwischenmenschlich näher kommt. Sich verlieben – aber eben nicht nur bezogen auf einen Partner, sondern darauf, dass man merkt, da wird jemand zu einem Freund. Ich mag es, begeistert von jemandem zu sein und zu spüren, dass das auf Gegenliebe stößt. Und wenn man feststellt: Man möchte miteinander abhängen, sich unterhalten. Weil man die Gedanken des anderen schön findet. Das ist glaube ich mein Lieblingspart am Menschsein.

Hast du das noch oft?
Das habe ich mit alten Freunden, das kommt aber auch bei neuen Begegnungen immer wieder vor. Ich habe allerdings das Gefühl, ab einem gewissen Alter hören Menschen auf, Leute kennenlernen zu wollen. Das ist so ein Mechanismus, den man vielleicht von der Elterngeneration noch drin hat: Dass man irgendwann seine eigene Familie hat und dann nur noch für diesen kleinen Kosmos da ist. Oder man will keinen mehr kennenlernen, weil man schlechte Erfahrungen gemacht hat und enttäuscht wurde. Weil man ausgenutzt wurde, oder so. Ich glaube, das sind Gründe dafür, dass sich Leute mit zunehmendem Alter weniger darum bemühen, offen auf andere zuzugehen und Freundschaften zu schließen. Ich habe das aber noch nicht abgelegt und plane auch nicht, das abzulegen.

Für den Track "Beine brechen" hast du mit Felix von Kraftklub zusammengearbeitet. Wie kam das zustande?
Ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er Bock hat. Und er hatte Bock. Wir kennen uns schon länger, ich habe auch schon zweimal selbst auf dem Kosmonaut gespielt. Außerdem habe ich mit "Schlaftabletten, Rotwein V" zum ersten Mal ein Album gemacht, das mehr in die rockige Richtung geht – für meine Verhältnisse. Deshalb dachte ich, es passt super, sich Felix dazu zu holen.


Aligatoah Interview Schlaftabletten Rotwein


Smartphones und Selbstgespräche gehören für Alligatoah zum Leben dazu

Im Song thematisierst du unter anderem den Hang dazu, ständig am Smartphone zu hängen. Gelingt es dir, selbst mal runterzufahren und offline zu gehen?
Ich versuche schon, das Smartphone auch mal zu Hause zu lassen. Während der Albumproduktion habe ich es häufiger mal nicht dabei gehabt. Da merkt man dann, in wie vielen Lebensbereichen man das Smartphone nutzt und dass man ohne teilweise aufgeschmissen ist: Das Navigationssystem läuft darüber und ohne findet man Orte einfach nicht mehr so leicht. Plötzlich kann man nicht mehr ohne Weiteres Musik hören, man kann keine Fotos mehr machen, man kann nicht mehr einfach auf seine Kontakte zugreifen. Man realisiert plötzlich, wie abhängig man von diesem kleinen Stück Technik ist.

Wenn ich Abstand von all dem brauche und mal runterkommen muss, gehe ich in die Natur. Ich setze mich an den See oder laufe durch den Wald: Ich gehe dahin, wo wenig Lärm und Trubel ist, um wieder ins Gespräch mit mir zu kommen. Das brauche ich, um auf Ideen zu kommen und kreativ zu werden. In der Natur kann ich auch laut mit mir selbst sprechen. Das wirkt von außen komisch, aber ich mache das gerne. Man lernt sich dabei selbst neu kennen, ich kann das also nur jedem empfehlen.

In "Beine brechen" geht es nicht nur ums Smartphone, sondern auch um mangelnde Verbindlichkeit. Ertappst du dich selbst manchmal dabei, unverbindlich mit Verabredungen umzugehen?
Ich merke vor allem, wie leichtfertig man Verabredungen verschiebt und wie wenig Bedeutung man dem beimisst. Weil man das trügerische Gefühl hat, man wäre über das Handy sowieso die ganze Zeit miteinander verbunden: Man könnte sich ja theoretisch jederzeit anrufen und theoretisch auch jederzeit treffen. In der Praxis passiert es dann aber nicht. Darüber habe ich den Song auch geschrieben: Ich zeige da nicht auf andere, sondern auf mich. Ich habe oft an dem Gedanken zu knabbern, dass ich viel mehr für meine Freunde da sein könnte – aber dann auf Tour oder unterwegs bin.

Alligatoah über's Deichbrand: "Das war eine richtig riskante Sache"

Gibt es ein Tour-Erlebnis, das besonders eindrucksvoll oder krass für dich war?
Die letzte Tour, die ich gemacht habe, war eine Akustik-Tour. Sie war Teil der Akkordarbeit-Reihe, die ich jedes Jahr mache. Dabei begleitet mich ein Musiker, der nur ein einziges Instrument spielt. Das habe ich bisher mit einem Gitarristen, einem Pianisten, einem Marimba- und Vibraphon-Spieler und zuletzt mit einem Hammondorgel-Spieler gemacht. Das Verrückteste, was ich mit ihm – und auch so – seit langem gemacht habe, ist, dass wir mit dieser Akustiknummer auf der Hauptbühne des Deichbrand-Festivals gespielt haben. Dafür haben wir die ersten Pits komplett bestuhlt und haben dann am Sonntag um 12 Uhr mittags, wo die meisten Leute noch besoffen in ihren Zelten liegen, losgelegt. Das war eine richtig riskante Sache. Keiner von uns wusste, ob die Leute das annehmen und überhaupt kommen. Aber es war brechend voll, alle sind aufgestanden, um diese merkwürdige, komische, alberne Show zu sehen. Das Konzert war außerdem ungewöhnlich ruhig für ein Festival, denn es war ja nur begleitet von einer Hammond-Orgel. Aber alle haben mitgesungen und das war das schönste 12 Uhr mittags, das ich seit langem erlebt habe.

Davon hätte ich mir als junger Festival-Gänger auch mal eine Scheibe abschneiden können, denn ich habe der Musik viel zu wenig Zeit und Muße gewidmet. Dafür habe ich dem Flunkyball-Spielen und dem Feiern auf dem Zeltplatz hingegeben – was auch schön war. Trotzdem denke ich jetzt im Nachhinein, ich habe viel Musik verpasst.



Die ewige Suche nach dem großen Etwas

Eine der ersten Singles zur neuen Platte ist "Wie Zuhause". Warst du auch schon mal an einem Punkt, an dem du gemerkt hast, dass du wegläufst, statt dich dem zu stellen, was dich umtreibt?
Zumindest war ich in den letzten Jahren viel auf Reisen. Ich bin auch mit dem Rucksack und einem Trekking-Zelt durch Neuseeland gewandert. Es waren super viele junge Deutsche da, bei denen ich gemerkt habe, dass viele die orientierungslose Suche nach irgendetwas beschäftigt. Manchmal war es Flucht vor der Krise und manchmal war es die Suche nach etwas, das sie selbst noch nicht genau bestimmen konnten.

Bei mir selbst kam das Gefühl der Ernüchterung auf: Ich habe gemerkt, dass egal wo auf der Welt man ist, die Dinge in den meisten Belangen nicht so viel anders sind. Dass die Dinge einen nicht mehr so überraschen können, weil man über das Smartphone irgendwie alles, was es auf der Welt gibt, den ganzen Tag in der Hosentasche mit sich herumschleppt. Und dann saß ich da – nicht in einem Starbucks, aber in einem Backpacker-Hostel – und die Küche war von Bosch. Solche Eindrücke haben sich auf meinen Reisen gemischt und mich dazu veranlasst, diesen Song zu schreiben.

Das klingt ziemlich ernüchtert. Hast du noch ein anderes krasses Reiseerlebnis, das etwas in dir bewegt hat?
Die Neuseelandreise habe ich mit Freunden gemacht, aber auf Gran Canaria war ich längere Zeit alleine in den Bergen. Einfach, um das Gespräch mit mir selbst zu suchen. Das brauche ich immer wieder, um mich zu erinnern, was ich schon gemacht habe und was ich noch machen will und um mich selbst zu reflektieren. Das Alleine-Reisen ist also etwas, das ich gerne mache.



"Wenn man sich mit neuen Situationen konfrontiert, stellen sich die Gedanken um"

Allein reisen ist ja auch etwas, das mit Mut zu tun hat. Und damit, mit sich allein sein zu können.
Es ist immer ein Schritt aus der Komfortzone. Es bedeutet, das zu verlassen, was man kennt und das kann einen überfordern und stressen. Aber grade in Momenten, wenn man mit neuen Situationen konfrontiert wird, stellen sich die Gedanken um. Da passiert was im Kopf, was sonst nicht passiert und die Gehirnwindungen verknüpfen sich neu. Es entstehen neue Songideen oder Ideen für Videos. Deswegen suche ich immer nach den Momenten, wo man einen Tapetenwechsel hat oder auch mal stolpert und hinfällt – im übertragenen Sinne.

In einem Interview zu "Musik ist keine Lösung" hast du gesagt, wenn du nur noch einen Tag zu leben hättest, würdest du gerne nach China reisen und dort auf einen Berg klettern, weil du da noch nie warst. Warst du inzwischen in China?
Nein, tatsächlich habe ich das noch nicht geschafft. Aber es ist näher gerückt, denn ich habe eine alte Leidenschaft von mir wiederbelebt: Ich habe als Jugendlicher sehr ausgiebig Kung Fu praktiziert. Damit habe ich vor einem Jahr wieder angefangen und über den Kung Fu-Tempel werden regelmäßig Reisen nach China angeboten, um dort zu trainieren. Vielleicht werde ich die Gelegenheit nutzen und demnächst mal mitfahren – in der Hoffnung, dass das nicht mein letzter Tag sein wird.


UNICUM Musik-Tipp

schlaftabletten rotwein vAlligatoah

"Schlaftabletten, Rotwein V"

VÖ: 14.09.2018

Online bestellen (Amazon): Schlaftabletten, Rotwein V

Mehr Infos findest du auf der Website von Alligatoah

Artikel-Bewertung:

4.33 von 5 Sternen bei 9 Bewertungen.

Deine Meinung: