Jan Philipp Zymny Poetry Slam
Wie Jan Philipp Zymny zu Inspiration kommt? Durch harte Arbeit! | Foto: Anna-Lisa Konrad
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16. Okt 2018

Sherin El Safty

Promis & Interviews

Jan Philipp Zymny im Interview

“Wenn ich die Bühne betrete, weiß ich einfach, dass ich dort richtig bin.”

Poetry-Slams passen in unsere kurzlebige Zeit

UNICUM: Wie bist du eigentlich zum Poetry-Slam gekommen?
Jan Philipp Zymny: Ich habe das Format Poetry-Slam nachts beim Herumstöbern auf Youtube entdeckt. Ich habe mir dort eine Aufnahme von Volker Strübings Text "Fleischsalat" angeschaut, die mir sehr gefallen hat. Volker Strübing ist ein Berliner Urgestein der Poetry-Slam-Szene. Danach habe ich weiter über Poetry-Slams recherchiert und fing an bei welchen mitzumachen. Das lief dann neben der Schule und neben dem Studium immer so weiter. Mit der Zeit habe ich bemerkt, wie gut Poetry-Slams zu mir passen. Ich hatte das gefunden, was ich gerne langfristig machen wollte.

Was hat dich an Poetry-Slams denn so fasziniert?
Die Offenheit des Formats. Du kannst dorthin kommen und es ist total egal, welches Thema dein Text behandelt. Die Hauptsache ist, dass es dein Text ist, seine Performance nicht länger als fünf Minuten dauert und keine Requisiten benötigt. Deswegen ist das Format Poetry-Slam auch so abwechslungsreich. Dadurch, dass jeder mitmachen darf, passiert so viel Unterschiedliches auf der Bühne. Themenmäßig, stilmäßig und auch kunstmäßig. So habe ich eine Möglichkeit gefunden, den ganzen Quatsch, der eigentlich immer in meinem Kopf herumgeistert, auszudrücken und zu verarbeiten.

In letzter Zeit bist du nur noch vereinzelt bei Poetry-Slams anzutreffen. Derzeit bist du mit deinem neuen Solo-Show-Programm "How to human" auf Tour und du schreibst auch noch Bücher. Kann es vielleicht sein, dass du irgendwann gar nicht mehr an Poetry-Slams teilnimmst?
Poetry-Slams sind so, wie sie begonnen haben, wieder zu einem Hobby neben meinen Büchern und meinem Solo-Bühnenprogramm geworden. Wenn ein cooler Slam mich anfragt und ich richtig Bock habe, dann mache ich das immer noch sehr gerne. Für mich sind Poetry-Slams auch eine wunderbare Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren. Deswegen werde ich das wahrscheinlich nie ganz aufgeben, dafür haben Poetry-Slams einfach eine viel zu wertvolle Bedeutung für mich.

Jan Philipp Zymny Interview UNICUMDeine Texte sind in den meisten Fällen sehr humorvoll und oft auch sehr absurd. Woher nimmst du die Ideen für deine Texte?
Wenn ich das wüsste, würde ich noch viel mehr schreiben (lacht). Ich würde gerne jetzt was Mystisches, Geheimnisvolles und Romantisches erzählen, aber es ist vor allem Arbeit. Du musst eine relativ hohe Aufmerksamkeit für deine eigenen Gedanken, Gefühle und Beobachtungen entwickeln. Das musst du dann alles aufschreiben, damit du dich irgendwann hinsetzt und schaust, welche Elemente du weiterverarbeiten kannst. Früher war das tatsächlich so, dass ich einen Geistesblitz hatte, den ich super zu einem phänomenalen Text machen konnte. Wenn du dich aber professionalisierst, geht das so nicht mehr, weil du nicht mehr die Zeit hast, auf Inspiration zu warten. Die Inspiration kommt mittlerweile von mir selber, aus meinen eigenen Beobachtungen – nicht von außen. Dass das Ganze dann so absurd wird, ist meinem verqueren Gehirn geschuldet. Das ist mein Stil.

Warum glaubst du, sind Poetry-Slams besonders bei Studierenden so beliebt?
Es ist eine unglaublich lebendige Auseinandersetzung mit Literatur. Dadurch, dass ein Auftritt auf der Bühne nicht länger als fünf Minuten dauern darf und dann direkt darauffolgend ein ganz neuer Interpret einen ganz neuen Text vorträgt, sind Poetry-Slams auch ein sehr kurzweiliger Spaß. Deswegen passt das Format auch sehr gut in unsere Zeit, da die Dauer unserer Aufmerksamkeitsspanne ohnehin immer weiter abnimmt. Das schnelle Aufeinanderfolgen von Poeten macht den Abend auf eine gewisse Art und Weise sehr anspruchsvoll. Du musst schnell mental umschalten können, wenn beispielsweise auf jemanden mit einer lustigen Kurzgeschichte jemand folgt, der ein melancholisches Liebesgedicht vorbereitet hat. Die Bereitschaft, sich an einem Abend mit verschiedensten Themenfeldern auseinanderzusetzen, findet man überwiegend bei Studierenden.


Jan Philipp Zimny Porträt


Jan-Philipp Zymny im Interview: "Macht was ihr wollt, solange ihr es geil findet!”

Du hast zuerst ein Physikstudium begonnen. Warum hast du dich damals für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden?
Ich war lange Zeit davon überzeugt, dass ich eines Tages Physiker werde. In der Schulzeit dachte ich noch, dass ich irgendwann mal am CERN arbeite. Da hatte ich richtig Bock drauf. Ich hatte schon immer eine Faszination dafür, wie das Universum funktioniert und wie seine Strukturen aufgebaut sind. Darauf habe ich mich mein ganzes Leben fokussiert, bis mir aufgefallen ist, dass ich eigentlich auch mein ganzes Leben lang geschrieben habe. Das war mir aber nicht bewusst, weil das immer eher nebenbei passiert ist.

Wieso hast du dich dann dafür entschieden, das Physikstudium nach dem vierten Semester abzubrechen?
Das Schreiben hat mit der Zeit einfach immer mehr Raum eingenommen. Deswegen musste ich mir die Frage stellen, aus welchem der beiden Bereiche, Physik und Literatur, ich persönlich mehr ziehen kann. Schlussendlich entschied ich mich für das Schreiben und das Auftreten. Ich habe gemerkt, dass das auf jeden Fall etwas ist, was ich immer gerne machen werde. Selbst wenn ich als Physiker gearbeitet hätte, hätte ich in meiner Freizeit am Wochenende an Poetry-Slams teilgenommen.

Wann war dieser Zeitpunkt, als du angefangen hast umzudenken?
Gegen Ende meines Studiums war ich noch eingeschrieben, hatte mich aber gedanklich schon vom Studium verabschiedet. Ich hatte damals im Monat zirka 25 Auftritte. 2013 bin ich zum ersten Mal Deutscher Meister im Poetry-Slam geworden und war in einer sehr euphorischen Stimmung. Ich habe fast zu jedem Auftritt ja gesagt. Das war furchtbar dumm von mir! Irgendwann musste ich mir dann eingestehen, dass ich für die Uni eigentlich überhaupt keine Zeit mehr aufbrachte. Ich habe mich dann doch nochmal in Bochum für Theaterwissenschaften eingeschrieben, weil ich etwas studieren wollte, was annähernd in dem Bereich ist, in dem ich tätig bin. Das Studium war für mich damals eine Art Absicherung. Falls alles karrieremäßig plötzlich schief gegangen wäre, hätte ich immer noch das Studium gehabt, was ich wieder hätte aufnehmen können. Der Plan ging aber auch nur ein Semester mehr schlecht als recht auf.

Hast du Ratschläge für Studierende, die wie du einem Hobby professionell nachgehen und gleichzeitig noch studieren?
Macht es nicht so wie ich(lacht)! Es muss nicht alles sofort sein. Bei mir verlief das alles in einem sehr kurzen Zeitraum. Es lohnt sich, sich da einfach Zeit zu nehmen und sein Hobby noch ein bisschen länger Hobby sein zu lassen. Eigentlich hört sich das viel zu vernünftig an für mich! (lacht) Mein Ratschlag ist viel eher: Macht was ihr wollt, solange ihr es geil findet!


Jan-Philipp Zymny Poetry Slammer


Analytisches Denken hilft auf der Bühne

Konntest du aus deinen beiden Studiengängen etwas mitnehmen, wovon du bei deinen Bühnenauftritten profitieren konntest?
Ich konnte sowohl aus der Physik als auch aus der Theaterwissenschaft prinzipiell dasselbe herausziehen: Die analytische Art und Weise zu denken. Die ist ganz wichtig für das, was ich jetzt tue. Stand-Up Comedy beruht ja vor allem auf Beobachtungen. Du musst durch analytisches Denken in der Lage sein, deine Beobachtungen aus dem Alltag auseinanderzunehmen, um herauszufiltern, welche Elemente humoristisches Potenzial haben, um aus diesen dann einen literarischen Text gestalten zu können.

Leidest du vor deinen Auftritten unter Lampenfieber?
Das hängt immer vom jeweiligen Auftritt ab. Wenn dieser ganz wichtig für mich ist oder ich weiß, dass mir sehr viele Leute zuschauen, wie beispielsweise bei Fernsehauftritten, habe ich ganz schlimmes Lampenfieber. Sehr aufgeregt bin ich auch, wenn ich ein neues Programm zum aller ersten Mal vorstelle. So war das gestern und vorgestern bei den Vorpremieren von "How to Human". Da frage ich mich, ob das alles so funktioniert, wie ich mir das gedacht habe und wie das Publikum reagieren wird. Das Programm wurde zwar zuvor bereits bei Freunden und der Partnerin getestet, aber die haben einen ja sehr gerne, was auf jeden Fall das Urteilsvermögen beeinträchtigt (lacht). Das Publikum bei meinen Auftritten ist da die ehrlichere Jury. Wenn der Auftritt eine von meinen länger laufenden Solo-Shows ist, die ich schon mehrfach performt habe, dann freue ich mich einfach darauf, auf der Bühne zu stehen. Das bedeutet für mich einen unglaublichen Lustgewinn. Wenn ich die Bühne betrete, weiß ich einfach, dass ich dort richtig bin.



"Ich mache keine zwei Tage hintereinander dasselbe Programm.”

Was tust du gegen dein Lampenfieber?
Sobald ich auf die Bühne vor die Leute trete, nehme ich mir ganz bewusst einen Moment Zeit, durchzuatmen. Du musst nicht in der Sekunde, in der du auf die Bühne trittst, anfangen, loszulabern. Das Publikum braucht auch einen Moment, um in die Situation zu finden und sich auf dich einzustellen. Diese Zeit kannst du wunderbar nutzen, um den ganzen Moment auf dich wirken zu lassen. Mir hilft dieses bewusste Ankommen in der Situation und das darauffolgende bewusste Loslegen sehr. Eine weitere Angewohnheit von mir: Kurz vor dem Auftritt lese ich mir unter keinen Umständen nochmal mein Skript durch. Das würde mich mehr als kirre machen.

Kommt es manchmal dazu, dass du bei einem Auftritt improvisierst oder hältst du dich immer fest an eine Linie?
Ich improvisiere ziemlich viel. Bei meinem neuen Programm "How to human" würde ich schätzen, sind es um die dreißig Prozent, die ich improvisiere. Meine Programme entwickeln sich von Auftritt zu Auftritt immer weiter. Man kann also getrost mehr als einmal zu meinen Shows kommen. Das haben viele Leute aber noch nicht verstanden. Wenn mich jemand fragt: "Machst du nochmal genau dasselbe Programm?", antworte ich immer: "Nein! Ich mache eigentlich keine zwei Tage hintereinander genau dasselbe Programm." Klar gibt es ein bestimmtes Grundgerüst, auf der meine Performance beruht. Seitdem ich auf der Bühne stehe, verstehe ich den Zettel mit meinen Notizen, aber immer eher als Vorschlag an mich selbst und nicht als Befehl.

Wirst du auf der Straße oft von Passanten wiedererkannt?
Ja, manchmal wollen sie sogar Selfies mit mir machen. (lacht) Das ist total schön. Das ist einfach die schönste Anerkennung, die ich bekommen kann. Es ist sehr spannend, die Menschen persönlich kennenzulernen, die cool finden, was ich mache. Ich habe da aber anscheinend auch viel Glück, denn mich erkennen immer nur Leute wieder, die mich gut finden. Es hat mich noch nie jemand angesprochen, um zu sagen: "Hey, Jan Philipp! Du bist scheiße!"


UNICUM-Kulturtipp

Jan Philipp Zymny How to human

"How to human"

Jan Philipp Zymny

ab dem 04.10. u.a. in Düsseldorf, Leipzig, München, Dresden und Frankfurt

Mehr Infos auf der Website von Jan Philipp Zymny

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