Judith Holofernes
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21. Jun 2016

Entertainment

UNICUM Interview: Judith Holofernes

Immer noch ein bisschen Heldin. Das Album "Ein leichtes Schwert" erscheint am 07. Februar

"Ein Teil meines Lebens war in den letzten Jahren ein Kampf"

UNICUM: Drachen auf dem Cover, Schwerter im Namen – bist du auch vom "Game of Thrones"-Hype gepackt worden?Judith Holofernes: Ich bin ein totaler Serien-Junkie und ich habe fast alles gesehen, aber "Game of Thrones" habe ich mir geklemmt. Weil ich immer empfindsamer werde, was diese ganz harschen Brutalitäten angeht und ich außerdem ein massives Problem mit Mittelalter-Filmen habe. Bei dem Film "Columbus" bin ich zum Beispiel fast aufgestanden und rausgegangen.

Gegen welche Drachen musstest du für das Album kämpfen?Ich hatte schon das Gefühl, dass ein Teil meines Lebens in den letzten Jahren ein Kampf war. Ich hatte so einen Mantel, den ich auf einem Festival anhatte. Das ist ein alter schwarzer Militärmantel, der bunt bestickt ist. Als ich damit dort herumgelaufen bin, hatte ich plötzlich die Eingebung, dass ich mich fühle wie ein Warlord. Da habe ich gedacht: das ist nicht der Grundmodus, in dem ich mein Leben fristen möchte.

Woher kam dieses Gefühl?Es ist eher ein Lebenskampf. Der Titel zum Album kam mir, bevor mir das Lied eingefallen ist. Irgendwann meinte ich zu Pola (Pola Roy, Judiths Mann und Drummer bei "Wir sind Helden", Anm. d. Red.): Ich muss wieder ein leichteres Schwert führen. Das ist ein ziemlich martialisches Bild. Die Verbindung zu meinem Künstlernamen kam mir erst später und dabei ist mir erst aufgefallen, dass es auch noch lustig ist.

Die Vorliebe fürs Nichtstun

Wie kommt, dass du jetzt solo unterwegs bist und ihr nicht wieder als Band auftretet?Wenn man etwas loslässt, muss man es meiner Meinung nach gründlich loslassen. Das war nicht einfach, obwohl "Wir sind Helden" sich nicht aufgelöst hat und wir hoffen, dass wir irgendwann wieder etwas zusammen machen. Ich bin aber jemand, der Veränderungen und Entwicklungen schätzt. Denn alles, was schwierig ist, setzt auch viel Energie frei.

In dem Song "Nichtsnutz" singst du über Prokrastination. Dafür hat ja jeder seine eigenen Strategien. Ich fange zum Beispiel immer an, zu staubsaugen...Was ja nicht Nichtstun ist! Ich finde, dass es einen Unterschied zwischen Prokrastinieren und dem Nichtstun gibt. Das eine bedeutet, Sachen aufzuschieben und impliziert, dass diese Aufgaben eigentlich wichtig wären und man sie erledigen sollte. Das Nichtstun ist aber eine unterschätzte Kunst, die dazu führen sollte, dass man weniger prokrastiniert. Ich glaube nicht an Geschäftigkeit. Ich habe das Gefühl, dass Arbeit und unser Gefühl von Selbstwert und Nützlichkeit extrem auf Geschäftigkeit und nicht auf Produktivität aufgebaut ist.

Dir gefällt das Konzept des Nichtstuns besser?Ja. Denn im Prinzip hat Geschäftigkeit etwas mit Selbstvergewisserung zu tun: "Ich tue, also bin ich". Für die meisten Leute ist Nichtstun hochgradig beunruhigend. Ich finde es aber ebenso beunruhigend für die Leute, dass eine Gesellschaft das Interesse daran hat, die Menschen geschäftig zu halten. Weil Nichtstun wiederrum auch Raum lässt für Gedanken, die sonst nicht aufkommen würden.

"Die Regeln anderer Leute müssen mich nicht unbedingt betreffen"

Und trotzdem unterliegen wir diesem Diktat der Gesellschaft?Ja, irgendwie habe ich das auch ganz tief in mir drin. Spannenderweise habe ich aber beides: auf der einen Seite hatte ich immer diesen preußischen Arbeitsethos in mir, habe aber schon ganz früh gemerkt, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, weil es mich unglücklich macht. Auf der anderen Seite habe ich wohl durch einen relativ unkonventionellen Familienhintergrund mit einer lesbischen Mutter aus adeliger Familie, mit der sie gebrochen hat, dieses Grundgefühl von: "Die Regeln anderer Leute müssen mich nicht unbedingt betreffen". Das wiederrum ist genau der Funke, der mir die Chance gibt, darüber hinwegzugehen.

Auf der Platte gibt es den Song "MILF", in dem du großartige Lieder und Interpreten aufzählst. Wenn du ein Mixtape bekommen würdest, welche drei Songs müssten darauf vertreten sein, damit es dich umhaut?Das ist schwierig! So eine Aufgabe kannst du mir stellen und ich denke tagelang darüber nach! Mir ist Musik einfach zu wichtig. Aber ich sag mal so: umhauen würde mich ein Mixtape von jemanden, von dem ich noch nicht viel weiß und dessen Musikgeschmack ich noch nicht kenne, auf dem "Coma Girl" von Joe Strummer and the Mescaleros, "I hope you're happy now" von Elvis Costello und vielleicht noch ein Rodriguez-Song wäre.

"Danke, ich hab schon"

Auf deinem YoutubeChannel hast du den Song "Danke, ich hab schon" kurz nach der Bundestagswahl 2013 unplugged eingestellt. Wen hast du denn gewählt?Kann ich das überhaupt zugeben?

Das ist so ein Tabu-Thema in Deutschland – kaum jemand sagt öffentlich, welche Partei er gewählt hat, obwohl man sich dazu eigentlich bekennen könnte, wenn man dahinter steht.Mein Problem, deshalb sage ich es nicht, hat etwas damit zu tun, dass ich relativ oft damit konfrontiert bin, dass irgendwelche Parteien es gerne hätten, mich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Doch sogar bei der Partei, die ich gewählt habe, würde ich das nicht wollen. Ich schätze es zwar sehr, dass andere Leute den Job machen, aber das ganze Feld der formalen Politik ist nicht mein Ding.

Bist du gerade zufrieden, mit dem, was sich gerade in der Politik abspielt?Nein, danke, ich hab schon (lacht).

 

Ein leichtes Schwert

Judith Holofernes

Four Music

VÖ: 07.02.2014

www.judithholofernes.com

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