Szene aus dem Film: Hannah Arendt in ihrer Bibliothek
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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM schaut: Hannah Arendt

-ARCHIV-

Ein Film über eine der wichtigsten Denkerinnen unserer Zeit

Es muss immer jemanden geben, der eine Wahrheit zuerst ausspricht. Die Theoretikerin Hannah Arendt war eine von diesen Personen – und hat mit ihren Ansätzen zum Holocaust die Welt der Nachkriegszeit erschüttert. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse: "Das Böse ist extrem, aber nie radikal." Das bedeutet, dass jeder Mensch zu schrecklichen Handlungen fähig ist, es bedarf dazu keiner außergewöhnlich bösen Persönlichkeit. Auch Eichmann sei nur ein "Hans Wurst", erklärte die jüdische-deutsche emigrierte Amerikanerin, nachdem sie den Nazi-Verbrecher während seines Gerichtsprozesses in Jerusalem intensiv beobachtet hatte. Damit stieß sie allerdings auf viel Unverständnis.

Die Liebe ihres Lebens

Der Film setzt kurz vor der Festnahme Eichmanns ein und zeigt eine glückliche Frau gehobenen Alters, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Heinrich Blücher (Axel Milberg) in New York lebt und als Dozentin an der Universität arbeitet. Es ist eine tiefe, innige Liebe, die das Paar verbindet, ein Motiv, das im Film ebenso im Vordergrund steht, wie die Stärke und die Überzeugung Hannah Arendts (Barbara Sukowa). In Rückblenden werden jedoch auch immer wieder Szenen aus ihrer vergangenen Liebesbeziehung zum Philosophen Martin Heidegger (Klaus Pohl) gezeigt, der bis heute noch wegen seiner Zuneigung zum Nazi-Regime posthum in die Kritik der Wissenschaft gerät.

Die Banalität des Bösen

Für die Zeitschrift "The New Yorker" nimmt Hannah Arendt ab 1961 an den berühmten Prozessen in Jerusalem teil, die gegen den SS-Oberstürmbannführer Adolf Eichmann geführt werden. Zurück in New York schreibt sie mehrere Artikel zu "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen", deren Rezeption dazu führt, dass sie Todesdrohungen und Hassbriefe bekommt und eine Art Aussätzige an der Universität wird. Ihr Standpunkt, dass Eichmann ein Mensch gewesen sei wie jeder andere, nicht übermäßig antisemitisch, sondern er seine Befehle zu Deportationen einfach nur als seine Arbeit betrachtet hat, ist mit Entsetzen aufgenommen worden – gerade bei denjenigen, die Familienangehörige im Holocaust verloren haben oder diesem Schicksal selbst nur knapp entkommen sind.

Ein schwieriges Leben

Hinzu kam Arendts Kritik einer Art Kooperation der obersten jüdische Funktionäre mit den Nazis – eine Meinung, mit der sie weitestgehend alleine stand und die vorher noch niemand vor ihr ausgesprochen hatte. Engste Angehörige, Freunde und Familie wendeten sich wegen ihrer Ansichten von ihr ab – doch erhielt sich auch die Unterstützung alter Freunder und Studenten. Dass Hannah Arendt trotz allem an die Richtigkeit ihrer Ansichten glaubte und diese auch argumentativ verteidigen konnte, wird in einer dramatischen Szene in einem Hörsaal deutlich, in dem sie einen Vortrag zu ihren Schriften hält und auch dort auf Unverständnis und Missbiliigung stößt.Dieses schwierige Leben der Theoretikerin und den Einsatz und die Opfer für die eigenen Überzeugungen arbeitet die Regisseurin Margarethe von Trotta in ihrem Film feinfühlig heraus. Was ihn dabei so authentisch macht, ist die starke Verkörperung der Protagonistin durch die Schauspielerin Barbara Sukowa, die dafür verdientermaßen den deutschen Filmpreis verliehen bekommen hat. Sie schafft es, ein weiches Bild von einer taffen Frau zu zeichnen, die von der Geliebten des großen Philosophen Martin Heideggers selbst zu einer der wichtigsten Vertreterinnen ihres Metiers in diesem Jahrhundert geworden ist und einen erweiterten Blick auf die Verhaltensweisen der Menschen geschaffen hat.

Hannah Arendt

Drama, D/F 2012

Regie: Margarethe von Trotta

Darsteller u.a.: Barbara Sukowa, Axel Milberg, Julia Jentsch

Verleih: NFP/EuroVideo

VÖ: 10. Oktober 2013

www.facebook.com/HannahArendt.derFilm

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