UNICUM trifft: H.P. Baxxter von Scooter
Foto:

21. Jun 2016

Entertainment

UNICUM trifft: H.P. Baxxter von Scooter

Die Band feiert 2013 ihr 20-jähriges Bestehen

"Man darf musikalisch nicht in einer Epoche stehenbleiben"

Herzlichen Glückwunsch zum 20-jährigen Bandbestehen! Wie fühlt man sich, wenn man auf so eine Historie zurückschaut: Schrecklich alt oder schrecklich motiviert für die nächsten 20 Jahre?Im Vorfeld habe ich gar nicht so sehr über dieses Jubiläum nachgedacht. Man produziert immer ein neues Album, geht immer auf Tour – da denkt man normalerweise über das, was man schon so alles gemacht hat, nicht nach. Doch jetzt, wo wir auch das Buch "Always Hardcore" veröffentlichen, muss man sich zwangsläufig mit der Vergangenheit beschäftigen. Da wird dann einem schon bewusst, wie lange das eigentlich geht. Einerseits ist das erschreckend  – 20 Jahre, unfassbar (lacht) –, andererseits zählt einfach nicht so sehr das, was vorher war, sondern nur das, was jetzt passiert. Da schaut man eher nach vorne als zurück. 

Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist das Haltbarkeitsdatum für Bands eigentlich eher gering.  Warum hat es Scooter mit seinem doch recht speziellen Sound geschafft sich zu halten? Am Anfang haben wir mit einem solchen Erfolg natürlich nicht gerechnet. Aber ehrlich gesagt, haben wir auch nie so weit in die Zukunft gedacht. Es ist einfach wichtig, immer neugierig zu bleiben und mitzubekommen, was gerade so abgeht. Man darf musikalisch nicht in einer Epoche stehenbleiben – die Musik in den 90er-Jahren war z.B. einfach ganz anders. Aber das ergibt sich fast automatisch: Auf Tour ist es schon so, dass man abends immer mal in einen Club oder auf eine Party geht. Da hole ich mir dann meistens meine Inspiration.

Wie viel Zeit hast du selber Scooter anfangs gegeben? Als am Anfang alle von einem One-Hit-Wonder gesprochen haben, hat uns das erst Recht motiviert. Dass es dann tatsächlich 20 Jahre werden, habe ich damals wahrscheinlich nicht gedacht. (lacht) Wir hatten vor Scooter schon acht Jahre lang die Band "Celebrate the Nun" – dadurch haben wir ein gewisses Durchhaltevermögen mitgebracht. Durch diese langjährige Erfahrung im Vorfeld waren wir außerdem für den Erfolg gewappnet. Wir haben direkt von Anfang an unser eigenes Studio gehabt und viel in Eigenregie gemacht. 1996 haben wir dann unser Label Kontor Records gegründet. So hatten wir nie die üblichen Probleme anderer Künstler, etwa mit Plattenfirmen. Wir waren ja mit Scooter nie bei einer großen Major Company.

"Es ist nicht so, dass einem alles in den Schoss fällt"

Hattest du denn zu Beginn einen Plan B, falls es mit der Musik nun gar nicht klappt?Bei "Celebrate the Nun" schon – da waren wir aber auch noch sehr jung. Ich habe kurzzeitig studiert, eine Ausbildung abgeschlossen und zeitweise z.B. bei Edel im Vertrieb gearbeitet. Als es mit Scooter losging, wurde ich zu Beginn von meinen Chefs beurlaubt, war also dennoch angestellt. Man wusste ja nicht: Nachher sind wir doch nur ein One-Hit-Wonder und dann sitzt du da. Aber als jede Single in die Top Ten ging, haben wir diese Jobregelung nach einem halben Jahr wieder aufgelöst. Das war nie mehr ein Thema. Selbst wenn es man ein Jahr gibt, in dem man nicht unbedingt einen Nummer Eins-Hit zustande bringt, bringt es einen nicht um. Wir haben mittlerweile eine riesige Fangemeinde und vor allem der Livesektor hat sich enorm entwickelt.

Scooter: ein Traumjob? Ja, aber es ist auch echt viel Arbeit. Es ist nicht so, dass einem alles in den Schoss fällt. Wenn ich an die ganzen Wochen und Jahre denke, die ich im Studio gesessen habe … Da kann man eben nicht sagen: "Och, komm, wir sind schon acht Stunden hier – lass mal nach Hause gehen." Wir haben schon so viele Wochenenden durchgearbeitet, bis spät in die Nacht.

Wie gerade von dir erwähnt, hast du einen doch recht bewegten Berufsweg hinter dir: Wann wurde dir klar, dass es nur die Musik für dich sein kann? Das war bei mir etwa mit 14 klar. Schon in der Schule wusste ich, dass ich eigentlich nichts anderes machen will als Musik. Das ist natürlich immer schwierig den Eltern zu vermitteln. So ganz sicher ist man sich am Anfang ja nicht, ob das klappt. Ich bin dazu noch in einer Kleinstadt aufgewachsen und erst über die Uni in Hannover gelandet.  Dann ging's nach ein paar Jahren nach Hamburg. Es war einfach wichtig, sich da so reinzubeißen. Das klappt nur, wenn man es wirklich zu 100 Prozent will. Ohne Netz und doppelten Boden. Für den Notfall sollte man zwar eine Ausbildung haben – aber ich glaube nicht, dass es funktioniert, wenn man Musik neben dem Beruf als Hobby einmal die Woche abends macht. Das wird nichts.

Momentan habe ich das Gefühl, dass immer mehr junge Menschen als DJ oder Produzenten durchstarten wollen. Was kannst du ihnen als "alter Hase" raten?Man muss einfach eine gewisse Leidenschaft haben und auf seine innere Stimme hören. Und man sollte sich bewusst machen, was dabei rauskommen kann. Es ist nicht immer einfach: Oft hat man erst jahrelang gar kein Geld, während andere schon längst Auto fahren – so war das bei mir auch. Da muss man richtig von der Musik überzeugt sein. Und ein bisschen Talent schadet ebenfalls nicht. Außerdem muss man einfach innovativ sein – man muss etwas Neues schaffen, was es so nicht schon hundertfach gibt. Wir hingen zum Beispiel mit unserer ersten Band einer Musikrichtung hinterher, die damals schon nicht mehr gefragt war. Im New Wave haben sich zwar Depeche Mode bis heute etabliert, aber es gab unzählige Bands, die das auch gemacht haben. Es gehört aber natürlich auch Glück dazu, den Zeitgeist so zu treffen wie damals mit "Hyper Hyper".

Hat sich denn das Musikgeschäft deiner Meinung nach stark verändert? Ja, früher war z.B. ein Studiotag unbezahlbar – heutzutage kann man eigentlich alles am PC zuhause machen. Die Möglichkeiten sind auch viel größer – etwa bei der Veröffentlichung, da kann ich einfach einen Track bei YouTube reinstellen. Damals und heute kann man daher nicht so vergleichen. Ich wüsste auch nicht, wie man jetzt am schlausten ins Musikbusiness einsteigt.  Wahrscheinlich wirklich über YouTube oder Facebook – da gibt es ja viele Leute, die so entdeckt wurden

"Man weiß nie, was die Zukunft so bringt."

Du hast ja vorhin schon deine Zeit an der Uni kurz erwähnt …Es waren zwei Semester Jura. Eigentlich wollte ich gar nicht studieren – das war ja viel zu langwierig, ich wollte schließlich Musik machen. Eingeschrieben habe ich mich dann aber, um einfach einen Ortswechsel machen zu können. Ich wollte erst einmal aus meiner Kleinstadt raus. An der Uni habe ich dann ein paar Leute kennengelernt und mir das mal kurz angeschaut. Dann war aber schnell klar: Das ist nicht mein Ding.

Du hast dann eine zum Ausbildung Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht, oder?Während ich eingeschrieben war, habe mich dann in aller Ruhe um eine Ausbildungsstelle beworben. Das hat wunderbar geklappt. Parallel habe ich Rick kennengelernt und wir haben bei ihm im Keller mit der Musik losgelegt. Während der gesamten Ausbildungszeit war ich jeden Abend in unserem Übungsraum, wo wir die ersten Sachen produziert und komponiert haben. Den ersten Plattenvertrag haben wir bekommen, kurz bevor ich mit der Ausbildung fertig war. Die habe ich dann noch zu Ende gemacht und dann ging’s los. Wir haben mit "Celebrate the Nun" zwei Alben und diverse Singles produziert. Aber das ist ja alles gefloppt. In der Zeit habe ich eher schlecht als recht von der Musik gelebt – dafür aber wichtige Erfahrungen gesammelt und zwischendurch gejobbt habe.

Es gibt ja viele Leute, die noch im Rentenalter an die Uni gehen, um noch einmal zu studieren. Könntest du dir so etwas vorstellen? Ach, das würde ich nicht ausschließen. Man weiß ja nicht, was die Zukunft so bringt. Aber ehrlich gesagt, habe ich darüber noch nie nachgedacht – man ist zu sehr mit dem, was man gerade tut, beschäftigt. Solange alles so bleibt wie bisher, denke ich darüber auch nicht nach. Aber wer weiß ,ob ich nicht irgendwann sage: "Jetzt reicht’s! Alles gesehen, alles erlebt!" Für eine Veränderung finde ich Studieren auf jeden Fall eine gute Sache.

Was steht eher in näherer Zukunft bei euch an? Es gab ja zum Beispiel mit dem Ausstieg von Gründungsmitglied Rick J. Jordan schon einmal personelle Veränderungen. Nach der Deutschland-Tour zum 20-Jährigen Jubiläum  im Januar haben wir erstmal weitere Daten im Ausland. Und wir produzieren gerade das neue Album, welches im Frühjahr rauskommen soll. Da sind wir mit Hochdruck dran, das wird wieder anders, frisch und neu. Wir haben also erst mal genug zu tun! (lacht)

Letzte Frage: Was ist eigentlich dein persönlicher liebster Scooter-Song? Und warum? (überlegt) Es gibt da so gewisse Klassiker, so Garanten, bei denen man weiß: Wenn wir die Nummer jetzt spielen, drehen alle durch. Gut, das hat auch den Effekt, dass es Lieder gibt, die man irgendwann nicht mehr hören kann. Ich würde mich jetzt für "Call me Manana" entscheiden, denn der Song hat richtig Druck – gerade live. Das ist eine der Nummer, die bei einem Konzert perfekt funktionieren, obwohl sie bei Veröffentlichung gar nicht so ein großer Hit waren. Was aber im Moment auch ganz toll ist, ist die Single aus dem letzten Jahr: "4 AM".

Always Hardcore

 

Das Jubiläumsbuch "Always Hardcore" ist seit dem 18. November 2013 erhältlich und liefert mit Geschichten, Fotos und unzensierten Backstage-Storys exklusive Einblicke in das Scooter-Leben von sämtlichen Bandmitgliedern, Freunden und Zeitzeugen.

Mehr Infos unter: www.scootertechno.com

Artikel-Bewertung:

2.95 von 5 Sternen bei 221 Bewertungen.