Arbeiterkinder an der Uni: Wie Herkunft Bildung prägt

Foto: Rawpixel/gettyimages
Warum Arbeiterkinder gerade viral sind
Auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder X erzählen junge Menschen ihre eigenen Erfahrungen als sogenannte Arbeiterkinder, also als Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren oder deren Eltern keinen akademischen Abschluss haben. Das schafft emotionale Nähe und hohe Identifikation bei Gleichgesinnten. Menschen posten unter Hashtags wie #Arbeiterkind, um sichtbar zu machen, wie es wirklich ist, ohne akademische Vorbilder zu studieren und welche Stolpersteine es gibt. Hinter dem Trend stecken harte Zahlen und strukturelle Probleme. Und genau die gehen im Alltag vieler Studierender oft unter, obwohl sie den Bildungsweg massiv beeinflussen.
Was bedeutet „Arbeiterkind“?
Arbeiterkinder sind Menschen, deren Eltern keinen akademischen Abschluss haben und die deshalb im Bildungssystem oft ohne akademische Vorbilder, Netzwerke und finanzielle Absicherung aufwachsen.
Was bedeutet „Akademikerkind“?
Akademikerkinder sind Menschen, deren Eltern mindestens einen Hochschulabschluss haben und die dadurch im Bildungssystem oft von mehr Orientierung, Unterstützung und kulturellem Kapital profitieren.
Info: Es geht nicht um Leistung, sondern um Startbedingungen. Heißt konkret: Zwei Menschen können gleich talentiert sein und trotzdem komplett unterschiedliche Chancen haben.
Wann hast du den Unterschied zwischen Akademiker- und Arbeiterkindern selbst an dir wahrgenommen?
Vor allem beim Thema Geld und Hobbys ist der Unterschied ganz schön groß. Da gab es in der Schulzeit Kinder, die am Wochenende Reiten gegangen sind, die Markenklamotten getragen haben, die von Urlauben in der Karibik geschwärmt haben und so weiter. Bei mir ging das eher in Richtung C&A-Klamotten und im Sommer an die Nordsee – fand ich aber eigentlich eh besser!
Meinst du, dass dir das Studium als Arbeiterkind schwerer gefallen ist?
Auf jeden Fall. Ich glaube, ich bin auch letztendlich ohne Abschluss von der Uni abgegangen, weil mir dieses „Lernen um zu lernen“ und die „Jagd nach dem Abschluss“ so gar nicht lag. Ich wollte lieber einen richtigen Beitrag leisten und das klappte im Job einfach besser.
Hättest du ohne BAföG oder Nebenjob studieren können?
Studieren wäre absolut unmöglich gewesen ohne BaföG und Job – insbesondere, weil meine Eltern in Pension gegangen sind, als ich anfing zu studieren. Von Kindergeld, einem ziemlich geringen BaföG-Satz und meinem Nebenjob-Gehalt habe ich Miete, Sozialbeitrag und alles andere gestemmt.

Bildungserfolg nach sozialer Herkunft
Je höher der Abschluss, desto akademischer die Herkunft. Diese Unterschiede entstehen nicht zufällig. Sie zeigen, wie stark soziale Herkunft Bildungswege vorzeichnet, oft schon lange, bevor die erste Vorlesung beginnt Viele erleben das Studium deshalb nicht nur als fachliche, sondern auch als emotionale Herausforderung. Und auch das ist kein persönliches Versagen.
Typische Hürden für Arbeiterkinder im Studium
- Viele Arbeiterkinder erleben das Studium als finanziell unsicher. Nebenjobs sind häufig notwendig, um den Lebensunterhalt zu sichern, gleichzeitig besteht eine starke Abhängigkeit von BAföG oder anderen Unterstützungsleistungen. Diese Doppelbelastung kostet Zeit und Energie, die für das Studium fehlt.
- Hinzu kommt fehlendes Vorwissen über akademische Abläufe. Wie Seminare funktionieren, was in Prüfungen erwartet wird oder wie wichtig Netzwerken ist, muss oft mühsam selbst herausgefunden werden. Was für Akademikerkinder selbstverständlich ist, stellt für Arbeiterkinder eine zusätzliche Hürde dar.
- Die strukturellen Unterschiede wirken sich auch psychisch aus. Viele berichten vom Impostor-Syndrom, also dem Gefühl, eigentlich nicht dazuzugehören oder den eigenen Erfolg nicht zu verdienen. Gleichzeitig entstehen Schuldgefühle gegenüber der Familie , etwa weil man finanziell nicht unterstützen kann oder sich das eigene Leben zunehmend von dem der Eltern entfernt.
- Erschwert wird der Studienalltag zudem durch fehlende akademische Netzwerke. Kontakte für Praktika, Empfehlungen oder informelle Hinweise fehlen häufig. Das zeigt sich besonders bei Auslandssemestern oder unbezahlten Praktika, die zwar als selbstverständlich gelten, für viele Arbeiterkinder aber kaum realisierbar sind.
Hier findest du passende Wertstudent:innenjobs für dich!
Finde deinen Job neben dem Studium!
Was Arbeiterkinder oft erleben
| Bereich | Was Arbeiterkinder oft erleben |
|---|---|
| Orientierung | Hochschulen wirken nicht vertraut; Studienabläufe, Prüfungsformen und Erwartungen sind meist unbekannt oder kaum verständlich. |
| Finanzen | Selten finanzielle Rückendeckung durch die Familie, wodurch Nebenjobs, Schulden oder BAföG zentral sind. |
| Unterstützung | Eltern können nicht als „Erklärinstanz“ dienen und bei Studienentscheidungen, Problemen oder Karrierefragen nicht beraten. |
| Netzwerke | Kein/kaum Zugang zu Kontakten, Empfehlungen und informellem Wissen über Praktika, Karrierewege und akademische Gepflogenheiten. |
Wo Arbeiterkinder Unterstützung finden können
Ihr seid nicht allein und es gibt mittlerweile viele Organisationen, bei denen ihr euch Unterstützung jeglicher Art holen könnt.
- Studierendeninitiativen und Netzwerke
- Mentoring-Programme
- Stipendien speziell für Erstakademiker:innen
- Beratungsangebote an Hochschulen
- Social Media als neue Form von gegenseitiger Unterstützung
- Kurzer ermutigender Ton: Hilfe suchen ist kein Scheitern
Findest du Unis selbst machen mittlerweile mehr als früher, um Gleichberechtigung zu schaffen?
Ja und nein gleichzeitig. So böse es klingt, ich vermute, dass viele Unis bewusst in Kauf nehmen, dass es bei manchen Arbeiterkindern schon an der Studienorganisation scheitert. Das filtert natürlich die Masse an Einsteigern früh durch. Andererseits findet man an den Unis gut Anschluss und kann meistens auf Hilfe aus der Community zählen
Was hättest du dir damals in deinem Studium gewünscht?
Ich hätte mir viel umfangreichere Ersti-Veranstaltungen gewünscht – quasi „Studieren für Dummies“. Es hätte massiv geholfen, erst einmal ganz banale Sachen erklärt zu bekommen (zum Beispiel „Wie komme ich an einen Termin mit meinem/-r Dozenten/-in“ oder „nach welchem System sind eigentlich die Räume in den Fakultätsgebäuden sortiert“). Vieles wird da mal kurz erwähnt, geht aber in der Masse an Infos, die man an wenigen Tagen bekommt, völlig unter.

Sichtbarkeit ist ein Anfang, aber nicht die Lösung
Der aktuelle Trend sorgt für Sichtbarkeit und Solidarität und gibt vielen Arbeiterkindern erstmals eine öffentliche Stimme. Gleichzeitig zeigen die Zahlen deutlich, dass Bildungsungleichheit kein Gefühl, sondern ein strukturelles Problem ist. Die Leistungen von Arbeiterkindern verdienen Anerkennung, denn sie entstehen oft trotz zusätzlicher Hürden. Sichtbarkeit ist ein wichtiger Anfang, echte Chancengleichheit erfordert jedoch mehr als Aufmerksamkeit. Wer es als Arbeiterkind an die Hochschule schafft, bringt nicht weniger mit, sondern oft mehr: Durchhaltevermögen, Selbstorganisation und die Fähigkeit, sich Dinge selbst zu erarbeiten. Das ist keine Randnotiz, sondern eine Leistung.
Artikel-Bewertung:
Anzahl Bewertungen: 5

