Multiplikatorenschulung 2017
Stuhlkreis statt Frontalunterricht: Die Dozenten setzten auf Interaktion | Foto: Michael Godehardt
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13. Dez 2017

Ann-Christin Kieter

News

Weiterbildung und Networking für studentische Flüchtlingshelfer

Multiplikatorenschulung 2017: 50 Teilnehmer/-innen von über 30 studentischen Flüchtlingshilfe-Initiativen

Von Greifswald im Norden bis München im Süden und von Aachen im Westen bis Berlin im Osten – Wie auch schon in 2016 konnte das Team der UNICUM Stiftung in diesem Jahr wieder aus nahezu jedem Bundesland Vertreter/-innen studentischer Flüchtlingshilfe-Initiativen zu der  Multiplikatorenschulung im Blue Square der Ruhr-Uni Bochum mitten in der weihnachtlichen Innenstadt  begrüßen. Möglich wurde dies auch durch die Förderung durch das Bundesinnenministerium, die eine Übernachtungsmöglichkeit für einen Großteil der Teilnehmer/-innen beinhaltete.

Wie ist die Lage im AfD-geprägten Sachsen?

Neben vielen noch unbekannten Gesichtern erblickte Frederik Töpel, Leiter des Stiftungsbüros und Moderator der Veranstaltung, im Publikum auch ein paar "Wiederholungstäter". Darunter nicht nur Studierende der RUB, die ja ein Heimspiel hatten, sondern zum Beispiel auch Gordon Oswald, Student und stellvertretender Rektor der Hochschule Mittweida. Bei der ersten Ausgabe der Schulung 2015 berichtete er noch von massiven Anfeindungen und Anschlägen auf die Räume seiner Integrations-Initiative. Nun konnte er Entwarnung geben, die Zustände im AfD-geprägten Sachsen hätten sich etwas gebessert.    

Mediziner stechen in der Vorstellungsrunde hervor

Vor dem eigentlichen Vortragsprogramm des Tages hatten die Initiativen zum Warm-up die Chance, ihre Projekte vorzustellen. Alltagshilfe, Deutschkurse und Rechtsberatung waren dabei die Schlagworte, die besonders häufig fielen. Großes Interesse zeigte die Runde jedoch an der "AG Flüchtlingshilfe" der Fachschaft Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die Studierenden bieten nicht nur medizinische Versorgung in einer Ambulanz an, sondern koordinieren Teams aus Dolmetschern und angehenden Ärzten, die Geflüchtete bei ihren Arztbesuchen begleiten, um gemeinsam Sprachbarrieren zu überwinden. "Rund 100 Mediziner und 120 Dolmetscher haben wir zurzeit in unserer Datenbank registriert", erzählt Projektkoordinator Long Tang Chieu. Der große Vorteilteil für die Medizinstudenten ist, dass die Mitarbeit als eines von zwei Wahlfächern, die sie jedes Semester belegen müssen, durchgeht. "Das ist endlich mal was richtig Praktisches", freut sich Alina Kypke und ergänzt: "Die Übersetzer können sich das ebenfalls für ihr Studium Generale anrechnen lassen."


Rechtsanwältin Gudrun Galster


Teil 1: Asyl- und Ausländerrecht für Flüchtlingshelfer/-innen

Gudrun Galster, Fachanwältin für Ausländerrecht von der Kanzlei Galster und Schönfeld aus Gelsenkirchen, eröffnete in diesem Jahr das inhaltliche Programm und kümmerte sich um die rechtliche Qualifizierung der freiwilligen Helfer, in dem sie unter anderem den Ablauf eines Asylantrags erklärte. Für viel Diskussionsbedarf – auch noch nach dem Vortrag – sorgte die Tatsache, dass im laufenden Dublin-III-Verfahren ausschließlich die Situation im Heimatland berücksichtigt wird. Mögliches Fehlverhalten zum Beispiel spielt genauso wenig eine Rolle bei der Entscheidung wie eine erfolgreiche Integration durch Sprachkurse etc. Und auch eine aufgenommene Berufsausbildung oder ein Studium schützen nicht vor einer Abschiebung. Die engagierten Studierenden interessierte es daher natürlich besonders, mit welchen juristischen Strategien man dennoch eine Chance hat, gegen den Bescheid vorzugehen. Galster berichtete in dem Zusammenhang von etwa 250.000 Klagen gegen die deutsche Verwaltung, etwa wegen systemischen Mängeln, die bis Ende August 2017 eingegangen sind. Jede zweite werde zugelassen, wovon wiederum 50 Prozent eine Aussicht auf Erfolg hätten.


Dr. Sebastian Bartoschek


Teil 2: Umgang mit Traumatisierungen bei Flüchtlingen

"Boah, ich hab ein totales Trauma!" – In unserer Alltagssprache schleicht sich dieser Ausdruck schnell mal ein. Dr. Sebastian Bartoschek, Diplom-Psychologe aus Herne und ebenfalls zum dritten Mal als Referent dabei, erläuterte zum Auftakt des zweiten Programmpunkts zunächst, dass ein traumatisches Erlebnis nicht notwendigerweise in eine psychische Störung münden muss. Das hänge von der Fähigkeit einer Person hab, das Trauma zu verarbeiten, es ins Leben zu integrieren, es zu kompressieren. Zu einer Traumatisierung käme es dann, wenn ein Ereignis die menschliche Belastungsfähigkeit übersteigt und nicht (richtig) verarbeitet werden kann. Zum richtigen Umgang mit traumatisierten Personen leitete er folgende Handlungsempfehlungen ab:

 


Auf den letzten Punkt der Don'ts legte Dr. Bartoschek besonders großen Wert, da es im Eifer des Gefechts zwischen Studium, Arbeit und Ehrenamt schnell mal zu einer Überbelastung kommen kann. Die richtige Strategie dagegen: für Ausgleich sorgen, Freunde und Hobbys nicht vernachlässigen und die richtigen Kontakte für sämtliche Probleme parat haben – und dann natürlich auch nutzen. Weitere Tipps dazu findest du auch in unserem Artikel "5 Fehler in der Flüchtlingsarbeit –  Helfen ist gut. Richtiges Helfen ist besser".


Marcus Osei ARIC-NRW e. V.

Teil 3: Anti-Rassismus -Training  – Marcus Osei

Nach seinem Vortrags-Part "Sensibilisierung für Diskriminierung von und Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen im Alltag" forderte Marcus Orsei, Trainer vom Anti-Rassismus Informations-Centrum ARIC-NRW e. V., zur Gruppenarbeit auf. Die Flüchtlingshelfer/-innen sollten in Kleingruppen einmal reflektieren, welche rassistischen Situationen sie bereits erlebt haben, was sie dabei empfunden haben, wie ihre Reaktion war und vor welchen Herausforderungen sie standen. Bei der anschließenden Präsentation berichtete ein Teilnehmer, selbst Syrer, dass er ständig gefragt werde, ob er denn Alkohol trinken dürfe, weil alle automatisch davon ausgehen, dass er Moslem ist.

Fremdenfeindliche Situationen im Alltag

Von mehreren Gruppen wurden zudem Probleme bei der Wohnungssuche mit vorurteilsbehafteten Vermietern angesprochen. Doch zwei Geschichten werden den meisten wohl besonders lange im Gedächtnis bleiben. So erzählte eine Teilnehmerin, wie die Presse-Mitarbeiterin ihrer Hochschule den schwarzen Hausmeister bat, einfach mit aufs Foto zu kommen, um den Artikel über die studentischen Flüchtlingshelfer besser bebildern zu können. Ebenfalls für Fassungslosigkeit sorgte ein Erlebnis im Bus: Ein älterer Herr stritt sich mit zwei farbigen Frauen darüber, ob das Fenster nun geöffnet bleiben soll oder nicht und sagte zu ihnen: Wenn euch zu kalt ist, dann geht doch zurück nach Afrika! Die spontane Reaktion des Busfahrer darauf hätte wohl niemand so erwartet: Er stoppte abrupt und forderte den Mann und seine Begleiterin dazu auf, den Bus zu verlassen.

Praktische Tipps im Umgang mit Diskriminierung

Um genau solche Handlungsmöglichkeiten in rassistisch aufgeladenen Momenten ging es dann in Marcus Orseis Workshop zum Abschluss der Veranstaltung. Da es grundsätzlich immer eine Typfrage sei, rät der Trainer immer nur so zu handeln, wie man sich wohlfühlt. Gerade wenn es sich um einen Fall im Anti-Rassismus-Workshop ARIC e. V. Freundeskreis handelt, will man sein Gegenüber ja nicht mit einer zu impulsiven Reaktion verletzen, die die Beziehung nachhaltig beeinflusst. Stattdessen können man seine Gegenposition aufzeigen – allerdings ohne zwangsläufig überzeugen zu wollen –, Betroffenheit zum Ausdruck bringen oder sich auch einfach zurückziehen und das Gespräch vertagen, um einen Denkprozess anzustoßen. Teilweise ginge es auch nur darum, einen Stein ins Rollen zu bringen, indem man das Schweigen anderer bricht, die ebenfalls stumm bleiben, obwohl sie ganz klar eine entgegengesetzte Meinung haben. Ein weiterer Tipp Oseis: "Macht euch nicht zu vielen Gedanken um die richtigen Argumente, deren Kraft wird oft überschätzt." Viel wichtiger sei es, überhaupt Stellung zu beziehen.


Link-Tipp

Digitale Vernetzung: In dem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geförderten Online-Verzeichnis der UNICUM Stiftung können sich studentische Flüchtlingshilfe-Initiativen eintragen und so auf ihre Arbeit aufmerksam machen und Inspirationsquelle für andere sein.  www.studentische-fluechtlingshilfe.de


 

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