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29. Aug 2013

Christina Scholten

Archiv

Klick und Politik: Der Wahl-O-Mat und seine jungen Entwickler

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Die Wahl-O-Mat-Macher im Interview mit UNICUM

Der Wahl-O-Mat als Informationsquelle

Parteiprogramme sind ähnlich spannend wie drei Wiederholungen des ZDF-Fernsehgartens in Folge: für manche ein Highlight, für viele eine Zumutung. Denn 120 Seiten undurchdringlicher Politik-Sprech und Themen-Euphemismus können verdammt langweilig werden. Doch wer wählen geht, möchte auch wissen, für welches Programm einer Partei er sein Kreuzchen gibt. Um das einfacher zu machen, hat die Bundeszentrale für politische Bildung vor einigen Jahren den Wahl-O-Mat entwickelt.

Ein Automat für politische Entscheidungen? "Der Wahl-O-Mat ist ein Instrument, um die Positionen von Parteien zu vergleichen. Er hilft dabei, sich zu informieren, unabhängig von den Wahlkampfstrategien der Parteien,"erklärt Johannes Uhl. Der 24-Jährige Student der Politikwissenschaften hat als Redakteur am Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl 2013 mitgearbeitet, zusammen mit einer Gruppe aus anderen Studenten, Auszubildenden und Schülern.

Von der Zielgruppe für die Zielgruppe

Denn jeder Wahl-O-Mat wird inhaltlich von jungen Wählern gestaltet, die einen großen Teil der Zielgruppe bilden – 34,9 Prozent der User sind unter 30. Auch Rebecka Müsel (21) hat sich für die Workshops zur Thesenentwicklung beworben und wurde eingeladen. Sie studiert Medienkultur an der Bauhaus-Uni in Weimar und hat dort zufällig eine Ausschreibung für die Beteiligung in der Redaktion entdeckt. "Ich interessiere mich sehr für Politik und finde es wichtig, dass wir eine Demokratie haben. Dafür möchte ich mich auch einsetzen", begründet sie ihr Engagement.

Das Prinzip des Wahl-O-Mat ist denkbar einfach: Es gibt 38 Thesen zu politischen Schwerpunkten, die der Spieler im Schnellcheck beantworten kann. Die Auswahlmöglichkeiten liegen bei "stimme zu", "neutral" und "stimme nicht zu". Dies wird mit den Standpunkten der zur Wahl zugelassenen Parteien abgeglichen.

Doch damit das klappt, müssen diese Themen erst einmal gefunden und formuliert werden. "Die Entwicklung der Thesen ist der erste Schritt. Insgesamt wurden 85 Thesen aufgestellt, die in einem zweiten Workshop verfeinert werden und dann zur Beantwortung an die einzelnen Parteien raus gehen," erzählt David Meuresch (24), der dieses Jahr ebenfalls als Redakteur tätig geworden ist. Der Politik- und Verwaltungsstudent aus Berlin hat sich beim ersten Workshop in Köln das Themengebiet "Energie, Infrastruktur, Verkehr und Umwelt" ausgesucht. Gearbeitet wird in verschiedenen Gruppen, die sich sechs Schwerpunktgebieten der Politik widmen.

Alles eine Sache der Formulierung

Dort werden intern die Ideen gesammelt und ausdiskutiert, erzählt die 18-Jährige Michelle, die mit David in einer Gruppe war. Die Schülerin aus Wolfenbüttel hat schon bei der Erstellung des Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Niedersachsen mitgewirkt, weil sie findet, dass es eine gute Sache sei, dass wir dieses Angebot hätten. Obwohl sie ein wenig jünger ist als die Studenten, die mitmachen, habe sie sich nie unwohl gefühlt. Denn es sei dort jede Gruppierung vertreten, die man sich vorstellen könne, einige mit viel Hintergrundwissen, andere mit wenigem. Trotzdem konnte jeder frei sprechen und sagen, was er denkt, beschreibt sie die Arbeit. "Es ist etwas Neues, aber etwas fröhliches Neues, aufregend und spannend. Wenn man die Thesen vor sich hat und versucht zu entscheiden, was richtig ist und was nicht, dann ist es ein sehr konzentriertes Arbeiten," erzählt sie. Dabei sei es aber auch immer lustig gewesen, nicht verkrampft.

Im zweiten Workshop werden die Thesen auf 35 Stück reduziert und nochmals bearbeitet. Dafür die passende Ausdrucksweise zu finden, ist nicht immer einfach, erzählt Johannes:"Gerade wenn es darum geht, Thesen zu formulieren, die auch ziemlich krass sein können – um zum Beispiel extreme Parteien abzugrenzen. Aussagen wie 'Arbeitsplätze nur für Deutsche' sind gedanklich im ersten Moment schwierig. Aber es geht ja darum, eine Messlatte zu finden, an der die politischen Positionen abgeglichen werden können. Also muss es kurz und prägnant sein."

Experten zur Unterstützung

Aber die Redakteure sind nicht auf sich allein gestellt, wenn es darum geht, solche Fragen zu klären. Bei den Workshops sind ebenso Politik- und Sozialwissenschaftler, Pädagogen und Statistiker anwesend. "Pro Themengruppe gab es einen Experten. Das war eine gute Unterstützung, auch wenn es bei uns in der Gruppe auch so alles sehr gut funktioniert hat", berichtet Rebecka. Neben der ganzen Arbeit war aber auch noch ein wenig Zeit, um gemeinsam zu entspannen: "Abends haben wir uns noch zusammen ans Rheinufer gesetzt und versucht, auch mal über etwas anderes zu reden als über Politik. Aber so, dass wir noch feiern gehen konnten, war nicht drin, da war einfach die Luft raus."

Ein Herz für die politische Teilhabe

Klingt anstrengend – aber es hat sich gelohnt, meinen die vier einstimmig. Noch etwas haben sie gemeinsam: ihnen liegt die politische Beteiligung in Deutschland am Herzen. Denn darauf zielt das Programm, dessen Ursprung in Niederlanden liegt und dort schon 1989 in Papierform existierte, ab.

Neben den Kontakten, die man mitnehmen konnte, gab es auch für die Redakteure noch einiges zu lernen: "Zum Beispiel, dass die eigentlichen Unterschiede der Parteien in den kleinen Details liegen und dass es wichtig ist, diese Details zu betrachten," resümiert Michelle.

Eine gute Option also, um nicht in der Einöde von Wahlkampfreden- und Veranstaltungen zu versinken und trotzdem informiert zu sein. Dann bleibt vor den Bundestagswahlen am 22. September vielleicht auch noch mehr Zeit für die wichtigen Dinge. Für drei Folgen Fernsehgarten zum Beispiel.

Unsere vier Wahl-O-Mat-Macher im Steckbrief

 

Der Wahl-o-Mat zur Bundestagswahl 2013: www.wahl-o-mat.de/bundestagswahl2013/

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