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31. Jul 2013

Ann-Christin Kieter

Archiv

Überwachung: Jemand hört mit

-ARCHIV-

Warum es nicht egal ist, dass die NSA uns abhört

Alles nur zu eurem Schutz

Für die einen ist es ein herber Schlag ins Gesicht des Datenschutzes, andere kommentieren das Thema mit einem gelangweilten Schulterzucken. Was interessiert es denn die Amerikaner, wenn man das peinliche Foto eines Freundes bei Facebook kommentiert oder bei Mutti via Mail über die ach so harte Klausurenzeit jammert? Demnach wäre es doch auch egal, wenn der dortige Geheimdienst NSA unsere Daten sammelt. Solange man keine Straftat plant, sollte doch alles in Ordnung sein.

Die Schriftstellerin Juli Zeh, die sich dem Thema Überwachung in ihrem Buch "Angriff auf die Freiheit" widmet, sieht das anders: "Jedes demokratische System beruht auf der Idee, dass seine Bürger frei denken und handeln dürfen – das kann aber niemand, wenn man ihm ständig dabei zuschaut. Allein der Umstand beobachtet zu werden führt dazu, dass wir uns anders verhalten. Unüberwachte Kommunikation ist dementsprechend eine grundlegende Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie", schrieb sie in einem Artikel für "The Guardian"und "Der Freitag".

Es geht nicht darum, ob jemand etwas zu verbergen hat und sich im abstrakten Raum des Internets Schutz sucht. Es ist die Privatsphäre jedes einzelnen Menschen, in die ohne seine Einwilligung eingegriffen wird. Das ist ein bisschen so, als hätten die Eltern damals heimlich alle Tagebücher gelesen und die Telefongespräche belauscht – wer wäre da, hormonell vollkommen überlastet, nicht ausgerastet? Die Rechtfertigung dafür, egal von Mama und Papa oder von der NSA: alles nur zu eurem Schutz. Das würde jedoch bedeuten, dass jeder, jederzeit unter Dauerverdacht steht.

Was kann ich tun?

Christian Fritz versteht viel mehr von den technischen Hintergründen als der Durchschnittsdeutsche. Der 25-Jährige hat gerade seine Masterarbeit im Studiengang "IT Security"an der TU Darmstadt abgeschlossen. Überwachungsprogramme wie Prism waren zwar nicht Teil seines Studiums, aber die Überraschung über die Enthüllung hielt sich für Christian in Grenzen: "Natürlich ist klar, dass mit fortschreitender Technik die automatisierte Analyse von sehr vielen Daten immer leichter durchzuführen ist. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass es eine so große Kooperation mit Internet-Unternehmen wie Google oder Yahoo gibt."

Umso erstaunlicher ist, was der Informatiker über seinen eigenen Datenschutz erzählt – kein Wort von Schutzmechanismen, bei denen der PC-Laie schon beim Namen raus ist. "So einfach es klingt, der beste Schutz besteht meiner Ansicht nach darin, vertrauliche Daten erst gar nicht über das Internet zu versenden, vor allem nicht gedankenlos in sozialen Netzwerken zu verbreiten." Den Grund für Christians Argwohn erklärt sein Dozent, Professor Eric Bodden: "Es sieht im Moment alles danach aus, dass zumindest die Daten, die über die außereuropäischen Servern laufen, von der NSA abgehört werden." Und das sind ziemlich viele. Denn welche Wege über welche Rechenzentren die digitalen Nachrichten nehmen, ist für Laien schwer nachvollziehbar und oftmals auch eher zufällig.

"Deutsche Anbieter benutzen teilweise US-Firmen, um ihre Web-Dienste zu hosten, weil dort sehr schnelle Server mit schnellen Verbindungen stehen. Das ist natürlich problematisch, weil diese Dienstanbieter dann Daten an die USA liefern." Das gleiche gilt für alle Anbieter, die generell in der Hand von amerikanischen Unternehmen sind, auch wenn deren Tochtergesellschaften ihren Sitz in Europa haben. Damit nicht genug Überwachung: Die Daten in Europa kann der englische Geheimdienst durch die Glasfaserkabel, die für die transatlantische Kommunikation sorgen, anzapfen, erklärt Eric Bodden. "Bei dem britischen System Tempora sind meines Wissens nach nur Telekommunikationsdienstleister, jedoch keine Cloud-Provider dazu verpflichtet, Daten an den Geheimdienst weiterzugeben. Bei Prism funktioniert das über die von den Cloud-Providern bereitgestellten Schnittstellen, auf die die NSA Zugriff hat."

'Tor' zur Anonymität im Netz

Ein bisschen Schutz gibt es allerdings doch: Benjamin Güldenring, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe "Sichere Identität" an der FU Berlin, weiß, was hilft, wenn besuchte Webseiten oder gar die eigene Identität unerkannt bleiben sollen. "Möchte ich mich zum Beispiel über peinliche Krankheiten informieren, dann verwende ich Anonymisierungsdienste wie 'Tor'." Die kostenlose Open-Source-Software verschleiert die eigene IP-Adresse, indem Anfragen nur über Umwege, sogenannte Proxys, bei der Zieladresse im Netz ankommt. Es gibt sogar eine Bewegung, die CryptoParty, die es anstrebt, einem breiten Publikum genau solche Software zu erklären. Doch Güldenring nimmt jede Illusion: "Gegen die mächtigen Geheimdienste und deren Programme Prism und Tempora, mit denen sie das komplette Netzwerk überwachen, ist aber auch Tor vermutlich nicht sicher genug." Außerdem könne man sich schon alleine durch die Verwendung verdächtig machen.

Genau deshalb entwickelt die Arbeitsgruppe der FU Berlin im Rahmen des EU-Projekts "confine" gerade das System "AdLeaks", das Dokumente von Whistleblowern unter Daten versteckt, die beim normalen Websurfen bei jedem Nutzer anfallen. Momentan bereitet sich das Team gerade auf einen bevorstehenden öffentlichen Probebetrieb vor. Der Presse soll so ein Werkzeug an die Hand gegeben werden, mit dem sie die Identität ihrer Informanten besser schützen kann. Doch es könnte zukünftig auch für eine breitere Masse an Nutzern infrage kommen. In seiner Diplomarbeit hat Benjamin Güldenring gerade eine Blogging-Plattform auf Basis der gleichen Technik entworfen.

Nur eine Momentaufnahme?

Die Frage ist, inwieweit das Bedürfnis zunimmt, sich zu schützen. Geht es nach einem UNICUM.de User, wird die Diskussion rund um den gläsernen Bürger bald schon wieder verebben: "Die Masse der Nutzer ist zu bequem und wird die Thematik in einigen Wochen verdrängt haben und zur Tagesordnung übergehen" – so sein Kommentar.

Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sieht das anders. Für ihn kommt der NSA-Skandal einer historischen Zäsur gleich und birgt die Gefahr, die Ära einer digitalen, globalen Überwachungsgesellschaft einzuleiten. Im UNICUM Interview erzählte er: "Im Grunde genommen erleben wir im Moment eine Neusetzung des Menschenbildes, so wie es etwa vom Mittelalter in die Renaissance geschah. Wir stehen vor der vielleicht fundamentalen Frage, inwieweit Maschinen unser Selbstbewusstsein irgendwann tatsächlich viel stärker bestimmen, als wir es vielleicht erahnen."


Kurz erklärt

WHISTLEBLOWER: Kommt aus dem Englischen und heißt so viel wie "Jemand, der in die Pfeife bläst". Bezeichnet jemanden, der geheime Information an die Öffentlichkeit gibt, die eine hohe gesellschaftliche Relevanz haben. Den NSA-Skandal enthüllte der US-Amerikaner Edward Snowden.

PRISM: bis Juni 2013 ein noch strenggeheimes Überwachungsprogramm des US-Geheimdienstes NSA, mit dem weltweit elektronische Medien und Daten ausgewertet werden. Es wird angenommen, dass dies auch durch die Kooperation mit großen Internetfirmen wie Facebook, Google und Yahoo geschieht, auf deren Server die NSA freien Zugriff hat.

TEMPORA: Überwachungsprogramm des britischen Geheimdienstes GCHQ. Großbritannien ist ein wichtiger Knotenpunkt für die Datenverbindung von Europa in die USA, die durch Unterwasserkabel laufen. Laut Aussagen Snowdens werden dabei alle Daten ausgespäht, die in England ein- und ausgehen. Weil viele Server, die auch von deutschen Anbietern genutzt werden, in den USA stehen, sind auch unsere Daten davon betroffen.

TOR: Ist ein (freies) Netzwerkprogramm, das Verbindungen verschlüsselt und anonymisiert.

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