Ich gehöre ihm
"Liebst du mich etwa nicht?" – Cem (19) zwingt Caro (15) in die Prostitution | Foto: WDR/ Kai Schulz
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24. Aug 2017

Ann-Christin Kieter

Zündstoff

Zwangsprostitution statt großer Liebe: So gefährlich sind Loverboys

"Ihm ist egal, dass sie hilflos in Unterwäsche vor ihm steht und minderjährig ist"

UNICUM: Ihr spielt im ARD-Film "Ich gehöre ihm" eine 15-Jährige, die von ihrem Lover auf den Straßenstrich geschickt wird, und den dazugehörigen Zuhälter. Wer von euch hatte die schwierigere Rolle?
Samy: Ganz klar die reizende Dame neben mir. Meine Rolle war von der Intensität her nicht mit ihrer zu vergleichen. Ich mein, ich bin der Täter, ich hab meinen Spaß daran, aggressiv zu sein. Aber ein Opfer zu sein, das ist echt krass. Vor allem, weil es ihre allererste Rolle war. Respekt!

Das ist echt bemerkenswert. Musstest du lange überlegen, ob du dir das zutraust?
Anna: Ach, gar nicht so lange eigentlich. Beim Casting war die Atmosphäre von Anfang an super. Samy war auch schon als Spielpartner da und wir haben einfach losgelegt. Als ich dann später am Telefon die Zusage bekomme habe, dachte ich: "Es ist ein so wichtiges Thema, ich glaub, ich kann das."

Was war für euch jeweils die härteste Szene?
Samy: Die Vergewaltigung durch Cems Clique war mit Abstand die härteste. Die kommt so überraschend, da rechnet man gar nicht mit. Ein schockierender Moment, der einen flasht. Das war für mich auch schwierig zu drehen.

Anna: Bei mir ist es die, in der Caro ihren ersten Freier empfängt. Es ist so ekelhaft, dass er sieht, wie hilflos sie da in ihrer Unterwäsche steht und genau weiß, dass sie noch minderjährig ist, ihm das aber egal ist und er dann einfach fragt: "Hast du ihn schon mal in den Mund genommen?" Während er sich auszieht, drängt er sie ja auch immer weiter gegen die Wand, bis sie nicht mehr weg kann. Und später diese Prügel-Szene, in der Caro von Cem geschlagen wird, weil sie ihm sagt, dass sie den Freier nicht empfangen kann, die ist auch heftig.


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Kein Entkommen aus der psychischen Abhängigkeit vom Loverboy

Hattet ihr ein bestimmtes Ritual, um euch nach dem Dreh von eurer Rolle zu lösen?
Samy: Kippe danach (lacht.)

Anna: Nein, eigentlich nicht. Sich in Ruhe vom Team verabschieden gehört immer dazu. Und sich umziehen, wieder in die privaten Klamotten rein natürlich auch.

Genau, Samy, bei dir hatte ich sofort daran gedacht, dass du zuerst deine goldene Zuhälter-Kette ablegst. Aber jetzt sehe ich, dass du heute eine ganz ähnliche trägst …
Samy: Aber es ist eine silberne! Auf die Farbe kommt es an (lacht.)

Wenn Cem Caro schlägt und gleichzeitig fragt: "Prinzessin, liebst du mich nicht mehr?", fragt man sich als Zuschauer die ganze Zeit: Warum haut sie nicht einfach ab, bevor es zu spät ist? Könnt ihr nachvollziehen, wie Caro immer tiefer in die psychische Abhängigkeit hineingeraten ist?
Anna: Dass sie nach der Vergewaltigung wieder zu ihm zurückgeht oder mit dem ersten Freier schläft – all diese kleinen Entscheidungen, sind von außen betrachtet schon schwer nachvollziehbar. Aber wenn man sich intensiv mit der Figur auseinandersetzt, kann man verstehen, wie sie dort hineingerät. Sie weiß nichts von Loverboys und es ist ihre allererste sexuelle Erfahrung überhaupt, sie hat keine Vergleichsmöglichkeiten.   

"Schuld hat nur der Loverboy"

Findet ihr, dass Caros beste Freundin Lara sie ein bisschen zu schnell aufgegeben hat? Kann man ihr eine Mitschuld geben?
Samy: Boah, jemandem die Mitschuld geben, das ist das Schlimmste, was man machen kann. Die Eltern haben keine Schuld, die Freunde haben keine Schuld.

Anna: Das Mädchen hat keine Schuld.

Samy: Der einzige, der Schuld hat, ist der Loverboy. Und die Freier, die das supporten und Cem ihr Geld in den Arsch schieben. Die Personen in Caros Umfeld haben sie ja nicht hängen lassen, sondern wollten ihr einfach die Zeit geben, die sie vielleicht braucht. Schließlich war sie mitten in der Pubertät. Sie wussten ja nicht, was tatsächlich dahintersteckt, weil sie das Phänomen Loverboys nicht kannten.

Wie viel wusstet ihr von dem Thema vorher schon? Habt ihr das zum Beispiel in der Schule behandelt?
Anna: Ich hatte davon schon mal gehört, aber mich nie wirklich damit beschäftigt.

Samy: Ich hatte auch nur irgendwo im Hinterkopf, dass es so etwas gibt. Aber die wichtigen Themen, die man fürs Leben braucht, stehen eh nicht auf dem Lehrplan. Ich mein, ich hab Abitur, aber habe in der Schule nie was zum Thema Steuererklärung gehört. Ein Fach wie "Lebenskunde" wäre nicht schlecht.

Anna: Für mich gehört neben dem Thema Loverboys auch ganz allgemein Prostitution und Zwangsprostitution in den Unterricht. Die Schüler müssen einfach erfahren, dass es so was gibt – auch in Deutschland – um dafür sensibilisiert zu werden.


Hilfe LoverboysHier findest du Hilfe


Das Motiv der Loverboys: Macht und Geld

Anna, zur Vorbereitung auf deine Rolle hattest du auch Kontakt zu einer Betroffenen. Wie war das für dich?
Anna: Es war eine ganz, ganz tolle junge Frau, mit der ich wirklich offen reden konnte. Wir haben beide Zeit mit ihr verbracht und es hat wahnsinnig geholfen, unsere Rollen zu verstehen.

Samy: Das Krasse ist, wenn du sie siehst, würdest du nicht mal annähernd auf die Idee kommen, dass ihr mal so etwas Schlimmes passiert ist. Und dabei vergisst man so etwas nie, es hinterlässt immer Spuren. Respekt, dass sie so offen mit uns gesprochen hat.

Anna: Über viele Details – wie es ist, auf dem Straßenstrich zu stehen, was man dabei wirklich anhat und wie man sich dann privat verhält – konnte ich aber auch mit Bärbel Kannemann vom Verein No Loverboys e. V. sprechen.  

Über Cems Motive erfährt man im Film nichts. Hast du im Vorfeld erfahren, ob die Zuhälter auch gezwungen werden und nicht mehr aus der Szene rauskommen?
Samy: Nein, die machen das rein aus Macht. Loverboys lieben das Gefühl, alle Mädchen in der Hand zu haben. Sie können mit ihnen machen, was sie wollen und bekommen sogar noch Geld dafür. 

Warum Samys Mutter ihm drei Tage lang nicht mehr in die Augen schauen konnte

Haben eure Freunde und Familien den Film schon gesehen?
(beide lachen wissend.) Samy: Willst du anfangen?

Anna: Okay. Nicht alle, aber viele haben ihn schon gesehen. Sie fanden es zwar gut, dass ich das gemacht habe, aber waren natürlich auch geschockt. Und jetzt du.

Samy: Meine Mutter war bei der Premiere dabei, saß irgendwo im Publikum. Hinterher gab es noch eine Fragerunde und sie stand auf und hat mich böse angeguckt und macht so zu mir (macht die "Kopf-ab-Geste" nach). Ich dachte: Scheiße, die wird mich umbringen! Sie musste sich drei Tage lang beruhigen und konnte mir gar nicht richtig in die Augen gucken.

Wusste sie denn vorher gar nichts von der Rolle?
Samy: Ich hatte ihr schon gesagt, dass ich einen Zuhälter spiele. Mehr aber auch nicht. Ich hatte sie ein bisschen ins Leere laufen lassen und jetzt sieht man, was dann passiert.

Was steht denn bei euch in nächster Zeit so an?
Samy: "Der Lehrer" wird weiter gedreht. Mehr darf ich leider nicht verraten. Nur so viel: Was das Schauspielen angeht, bin momentan verdammt glücklich. Aber zwecks "Safety First" habe ich gerade mein Abi gemacht. In dem Beruf weiß nie, ob man immer genug zum Leben hat und braucht immer einen Plan B, C, D, E, F, G. Je nachdem, wie es läuft, könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, Medienwissenschaft oder ähnliches zu studieren.

Anna: Ich fange jetzt an, hier in Köln Sozialwissenschaften zu studieren. Ich möchte einfach schauen, was ich neben der Schauspielerei noch für Input bekommen kann.


Samy Abdel Fattah und Anna Bachmann kurz & knapp 

Samy Abdel Fattah Anna Bachmann  
  • Den Berliner Samy (19) kennt man als Günni aus der RTL-Fernsehserie "Der Lehrer" (ab Staffel 5). Aber auch aus Krimis wie dem Kölner Tatort "Wacht am Rhein", in dem er einen tatverdächtigen Nordafrikaner spielt. Als Sohn eines Ägypters und einer Polin liegen dem Sprachbegabten Multi-Kulti-Rollen natürlich besonders, aber: "Mir ist es wichtig, dass ich nicht immer nur den Kanaken spiele, der Scheiße baut."
     
  • Die Düsseldorferin Anna (19) gibt mit der schwierigen Rolle als Loverboy-Opfer tatsächlich ihr Schauspiel-Debüt – zumindest was Filme angeht. Theater-Erfahrung konnte sie auch schon jede Menge sammeln. 2018 wird sie dann mit dem Film "Blutsschwestern" auch im Kino zu sehen sein.

Fernsehtipp: Ich gehöre ihmUNICUM Fernsehtipp

ARD-Themenabend am 30. August

  • Fernsehfilm "Ich gehöre ihm" mit Anna und Samy um 20:15 Uhr
  • Dokumentation "Verliebt, verführt, verkauft – Die miesen Geschäfte der Loverboys" im Anschluss (21:45 Uhr)

 

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