Autorenbild

13. Aug 2016

Heike Kruse

Archiv

Hunde in Not: Zwei Studentinnen gründen Tierschutzverein

-ARCHIV-

Animal Care e.V. will mit Hilfe zur Selbsthilfe Tierquälerei begegnen

Tierschutz ist eine Herzensangelegenheit

UNICUM: Euren Verein habt ihr im Januar 2012 gegründet, aber es steckt doch eine längere Entstehungsgeschichte dahinter. Magst du erzählen, wie euer Engagement entstanden ist?
Sina: Steffi und ich haben uns vor fünf Jahren auf Fuerteventura bei der Tierschutzarbeit kennengelernt. Sie hat dort für drei, ich für sieben Monate gelebt. Über die Jahre haben wir uns dann gemeinsam an kleinen Projekten beteiligt: Hunde aus den Tötungsstationen (sogenannten Perreras) frei gekauft oder Geld gespendet für Kastrationen. Schon immer hatten wir den Gedanken, irgendwann unseren eigenen Verein zu haben. Das haben wir jetzt verwirklicht.

Warum habt ihr gerade in diesem Jahr Animal Care gegründet?
Es war der passende Zeitpunkt, weil der spanische Verein, für den wir gearbeitet haben, sich aufgelöst hat. Seit Anfang des Jahres sind auch die zwei Tierheime auf Fuerteventura wieder zu Tötungsstationen umfunktioniert worden. Das war ein herber Rückschlag. Doch viele der Tierschützer wollten weiter machen, um die Gemeinde wieder umzustimmen. Zusammen mit diesen langjährigen Mitarbeitern haben wir beschlossen, selbst einen Verein zu gründen.

Ihr hättet auch in einen anderen Tierschutzverein eintreten können. Was macht ihr anders als die bestehenden Vereine?
Natürlich gibt es schon viele Vereine. Aber wir wollen die Problematik nicht verschieben, indem wir alle Hunde nach Deutschland holen. Sondern wir wollen, dass sich vor Ort etwas verändert. Durch Kastrationen soll die Überzahl an Hunden reduziert werden. Wir sind mittlerweile soweit, dass wir beginnen, die ersten Projekte zu planen, wobei alles mit der Spendenbereitschaft unserer Mitmenschen steht und fällt.

Eure Aufmerksamkeit liegt dabei vor allem auf der Insel Fuerteventura …
Weil das eine Herzensangelegenheit ist, weil wir uns dort seit vielen Jahren engagieren, die Situation kennen und bereits mit den Gemeinden im Gespräch waren. Dadurch ist eine Basis vorhanden. Doch wir wollen uns nicht vollständig auf Fuerteventura festlegen. Es gibt bereits Gespräche mit einer Organisation in Andalusien.

Reisen immer aus eigener Tasche gezahlt

Wie viele Mitglieder habt ihr im Verein, die euch bei eurer Arbeit unterstützen?
Es sind ungefähr 20 Mitglieder. Mittlerweile haben wir dank der Zeitungsartikel auch die ersten Mitglieder außerhalb unserer Familien aufgenommen. Unsere Mitglieder verteilen sich über ganz Deutschland.

Wie organisiert ihr eure Arbeit bei diesen großen Entfernungen zwischen den einzelnen Mitgliedern?
Momentan wickeln wir fast alles über E-Mails ab. Unsere Mitglieder erhalten einen Newsletter und es finden Vereinstreffen statt. Das geschieht zurzeit aber noch sehr reduziert, weil die ersten Projekte noch nicht gestartet sind.

Fahrt ihr für eure Tierschutzarbeit regelmäßig nach Fuerteventura?
Ich bin alle drei, vier Monate unten. Steffi war in der Zwischenzeit auf Lanzarote oder hat sich auf dem spanischen Festland Vereine angeschaut. Jetzt bin ich wieder für zwei Monate auf Fuerteventura, um mit den Gemeinden und Tierärzten Gespräche zu führen. Das machen wir immer auf eigene Kosten. Den Verein wollen wir nutzen, damit wir im größerem Stil vor Ort etwas bewirken können.

Ihr habt wahrscheinlich ein anderes Auftreten, wenn ihr euch als Vereinsvorsitzende vorstellt. Ist es denn sehr schwierig mit den Gemeinden zu verhandeln?
Das auf jeden Fall. Steffi und ich sprechen zwar Spanisch, aber nur mit Händen und Füßen. Darum habe ich immer jemanden dabei, der fließend Spanisch spricht. Wenn wir mit Spaniern erscheinen, werden wir ernst genommen, obwohl wir "nur" zwei blonde Mädchen sind. Es wird immer schwieriger, weil durch den ortsansässigen Verein viel falsch gelaufen ist. Deswegen hat die Gemeinde auch gesagt, dass die Station wieder umfunktioniert wird. Das Vertrauen ist erst einmal zerbrochen.

Hunde haben eine Frist von 21 Tagen

Wie muss man sich ein solches Auffanglager vorstellen?
Relativ unterschiedlich. Die Station, in der Steffi und ich gearbeitet haben, war die größte Station mit bis zu 250 Hunden. Die anderen drei Stationen sind kleiner mit 30 bis 40 Hunden. Dabei werden die beiden Stationen im Norden gut geführt. Die Hunde bekommen Futter und Wasser. Sie sind in den kleinen Zwingeranlagen gut aufgehoben. Im Süden sieht das leider anders aus.

Welche Zustände herrschen im Süden?
Für einen Tierarzt wird von den Gemeinden nicht viel Geld ausgegeben. Es herrscht die Mentalität vor, dass bei einem verletzten Tier, das sowieso eingeschläfert wird, keine Behandlung notwendig ist. Das Fatale daran ist, dass von den Hunden 21 Tage abgesessen werden müssen. Also auch ein schwerkranker Hund wird nicht vorher erlöst. Im Süden sind die Zwinger vielleicht zwei, drei Quadratmeter groß. Wenn die Station voll ist, sitzen sie dort mit fünf, sechs Hunden drin.

Das klingt furchtbar chaotisch und erschreckend …
Normalerweise tun wir es uns auch nicht an, dort reinzugehen, weil wir genau wissen, dass wir keinem Hund helfen können. Eines der schlimmsten Erlebnisse war, als wir sahen, wie in einer Tötungsstation eine Hündin ihre Welpen bekam. Ein anderes, wie tote Welpen zwischen den anderen Hunden lagen und nicht herausgeholt wurden. Die Welpen lagen da nicht erst seit ein, zwei Tagen. Das sind Sachen, die unnütz sind. Da kann man eigentlich nur noch von pervers sprechen. Man könnte versuchen, es den Hunden so angenehm wie möglich zu machen.

Der Grundsatz für eure Arbeit lautet "Hilfe zur Selbsthilfe". Wie stellt ihr euch den Idealfall vor?
Das Problem auf der Insel ist, dass jede Woche 20 neue Hunde in den Stationen eintreffen, aber nur zwei vermittelt werden. Deswegen ist die Tötung der Hunde eingeführt worden. Im Idealfall würden die Tierärzte Kastrationen durchführen, um die Flut der Hunde zu stoppen, sodass vielleicht nur noch fünf Hunde pro Woche abgegeben werden. Die Situation vor Ort muss sich ändern.

"Die Resonanz (...) hat uns erschlagen"

Was steht euch dabei im Weg?
Das eine Problem dabei ist das fehlende Verständnis der Bevölkerung. Hunde sind in Spanien reine Nutztiere. Wenn die Hunde keinen Nutzen mehr als Wach- oder Jagdhunde haben, dann haben sie ausgedient und der nächste Hund wird angeschafft. Das andere Problem sind die Kosten. Denn die Bereitschaft zur Kastration wäre da, nur das Geld nicht. Wir würden da gerne einspringen und als Verein einen Teil der Kosten übernehmen.

Um diese Probleme würde es auch in dem Projekt in Andalusien gehen?
Voraussichtlich werden wir da Anfang nächsten Jahres hinfliegen. Die sind ein sehr junges Team, das seinen Schwerpunkt auf die Aufklärungsarbeit in den Schulen setzt. Die Kinder sollen lernen, dass Hunde auch Haustiere sein können. Wir wollen nun schauen, inwieweit wir miteinander kooperieren können.

Jetzt hört sich das alles sehr zeitaufwändig an. Du wirst sicherlich einige Stunden damit verbringen, zu organisieren und zu planen. Zusätzlich studierst du. Wie lässt sich das miteinander vereinbaren?
Momentan schreibe ich meine Bachelor-Arbeit und hätte ich geahnt, dass es so viel Arbeit mit dem Verein ist, dann hätte ich vielleicht die Vereinsgründung verschoben. Die Resonanz auf die kürzlich erschienenen Zeitungsberichte hat uns erschlagen. Wir wollten diese Entwicklung aber auch nutzen, deswegen haben wir nicht gesagt, wir sprechen uns in einem halben Jahr wieder und die Herausforderung angenommen. Wir freuen uns immer über neue Mitglieder, das Interesse anderer Studenten und Spenden.


Weitere Infos zum Tierschutzverein findest du unter www.animalcare-tierschutz.de

Artikel-Bewertung:

3.11 von 5 Sternen bei 219 Bewertungen.

Passende Artikel