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21.08.2012

Für Gehörlose ist es schwer an Gesprächen teilzunehmen | Foto: Thinkstock

Gehörlos studieren: Eine absolute Barrierefreiheit gibt es nicht

Benjamin L. meistert sein Schicksal...

In Deutschland gibt es ca. 80.000 Gehörlose. Benjamin L. aus Trier ist einer von ihnen. Später möchte er in forstwissenschaftlichen Forschungsanstalten arbeiten, was nich ... mehr »

24. Sep 2013

Renzo Ruf

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Gehörlos studieren an der Gallaudet University

-ARCHIV-

Die Uni, an der niemand hört

Trotz Menschenmenge auffallend ruhig

Diese Szenen könnten sich an jeder amerikanischen Universität abspielen: Kurz nach der Mittagspause schlendern Dutzende von Studierenden durch den Korridor des lang gezogenen Vorlesungsgebäudes. Sie lachen und gestikulieren, sie flirten und debattieren. Doch an der Gallaudet University in Washington bleibt es trotz dieser Menschenansammlung auffallend ruhig. Denn die meisten Kommilitonen reden nicht miteinander, sondern tauschen sich in der Gebärdensprache American Sign Language (ASL) aus, der führenden Verständigungsform in der Universität. "Dabei handelt es sich jedoch um mehr als eine reine Zeichensprache", erklärt Trey Gordon.

Der 20-jährige Student aus Alabama beschreibt ASL als eine "blühende, eigenständige Sprache", die ihm endlich die Möglichkeit gegeben habe, sich gewählt auszudrücken. Gordon ist gehörlos, schon sein ganzes Leben lang. Damit er sich auch mit Leuten verständigen kann, die der Gebärdensprache nicht mächtig sind, werden seine lebhaften Gesten durch eine Simultan-Dolmetscherin übersetzt. Sie gehört zum universitätseigenen Übersetzungsteam, das nur eine der zahlreichen Besonderheiten dieser außergewöhnlichen Universität ist.

Menschen mit gleicher Lebenserfahrung

15 Autominuten vom Weißen Haus entfernt werden 1.821 Studentinnen und Studenten auf dem überschaubaren Campus der Gallaudet University (ausgesprochen: Gal-luh-det) unterrichtet. Viele von ihnen suchen in Washington nicht nur akademische Herausforderung, sondern auch den Kontakt zu Menschen, die ähnliche Lebenserfahrungen gemacht haben wie sie.

Die Studentin Jennifer Wrenn (20) beispielsweise stammt aus der Provinzstadt Worcester im Bundesstaat Massachusetts. Sie erzählt, dass sie die Grundschule teils in öffentlichen, teils in privaten Institutionen absolviert habe. Dies sei nicht immer einfach gewesen, ist sie doch seit Geburt gehörlos. An der Gallaudet University aber gibt es für sie keine Erschwernisse mehr: Im Unterricht werden moderne technische Hilfsmittel eingesetzt, um den Lehrstoff an alle Studenten zu vermitteln. Und nach den Vorlesungen treffen sich die Studenten in den offenen Universitäts-Gebäuden zum Gedankenaustausch.

"Wir sind eine verbundene Gemeinschaft", sagt die angehende Lehrerin Wrenn. Dies bestätigt auch Gordon. Er nennt die Universität sein "neues Zuhause". Auf Nachfrage räumt der junge Südstaatler allerdings ein, dass er sich anfänglich auf dem Campus nur schlecht zurechtgefunden habe. "Ich stamme vom Land, aus einer Familie voller Gehörloser, und Washington ist eine große Stadt", schiebt er nach. Nun aber liebe er es, neue Stadtviertel zu entdecken und internationale Kommilitonen kennenzulernen.

Moderne Technik verbessert den Alltag

Sechs Prozent aller Studenten auf dem Campus stammen aus dem Ausland. Für sie ist der Besuch der Gallaudet University nicht ganz billig. Studenten aus Industrienationen wird derzeit jährlich fast 25.000 Dollar für Studiengebühren, Unterkunft und Verpflegung in Rechnung gestellt. Christian Vogler arbeitet seit gut zwei Jahren für die Gallaudet University; der promovierte Informatiker aus Deutschland steht dem "Technology Access Program" vor.

Seine kleine Abteilung versucht, die Kommunikationsmöglichkeiten der Gehörlosen im Alltag zu verbessern. Der 39-Jährige demonstriert zur Erklärung das Videotelefon in seinem Büro: Die moderne Technologie ermöglicht es dem gehörlosen Dozenten rund um die Uhr, alltägliche Telefongespräche zu führen. Eine zwischengeschaltete Dolmetscherin übernimmt die Übersetzung zwischen Vogler, der die Gebärdensprache benutzt, und der angerufenen Person, die englisch spricht. Die USA seien bezogen auf die Gesetzgebung fortschrittlicher als Deutschland, merkt er an. "Ich will aber nicht über den Zugang der Gehörlosen zu Hochschulen streiten. Ich will diesen Zugang vereinfachen."


Kurz & kompakt

  • Die Gallaudet University in Washington D.C. richtet sich mit ihrem akademischen Angebot gezielt an gehörlose und schwerhörige Menschen.
  • Sie wurde 1864 durch das nationale Parlament ins Leben gerufen.
  • Es studieren rund 1.800 Studenten an der Universität, davon sind sechs Prozent ausländische Studierende.

Noch mehr ...

Benjamin L. aus Trier studiert als Gehörloser an der TU Dresden Forstwirtschaft im Master. Doch auch hier holten ihn die Umstände seiner Behinderung schnell wieder ein.

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