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21. Jun 2016

Heike Kruse

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Student und Kabarettist Michael Feindler im Interview

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"Irgendwann bin ich nach Berlin"

Michael, wann begann deine Laufbahn als Kabarettist?
Angefangen habe ich mit Kabarett bereits in der Schulzeit. Ende 2004 haben wir bei uns an der Schule in Wuppertal eine Kabarett-Gruppe gegründet. Der damalige Referendar Robin Meis, der selbst in seiner Schulzeit Kabarett gemacht hat, wollte diese Erfahrung an uns Schüler weitergeben. Die Notbremse (Pause) ... wie wir uns genannt haben. 

Oh. Ich dachte schon ...
Was hast du gedacht?

Ich dachte, das wäre die Notbremse, damit du weiterhin in der Schule ...
... damit ich dableiben konnte (lacht). Nee, so schlimm sah es da nicht aus. In der Gruppe habe ich auch noch in meiner Zivildienst-Zeit bis 2009 gespielt. 

Wie kam es nach dieser ersten Erfahrung zu deinem Wunsch, Kabarettist zu werden?
Im Sommer 2007 habe ich Poetry Slams und Lesebühnen für mich entdeckt. Da hatte ich die Möglichkeit, meine eigenen Texte außerhalb eines Ensembles zu testen. Als ich Ende 2008 merkte, dass ich mit meinen Texten abendfüllend spielen könnte, entwickelte sich bei mir der Wunsch, das auch beruflich zu machen. Irgendwann bin ich dann nach Berlin gegangen.

Also, einfach so bist du doch sicherlich nicht nach Berlin gegangen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Es gibt keine Hochschule oder Ausbildung für Kabarettisten. Man rutscht da irgendwie rein und studiert irgendwas nebenher (grinst). Bei mir fiel die Wahl auf Politikwissenschaften an der Freien Universität. Doch bevor ich genau wusste, was ich studiere, stand fest, dass ich nach Berlin gehe.

"Ich kann auch mal völlig daneben hauen!

 Interview Michael FeindlerZog dich die Stadt als kulturelle Metropole an?
Kulturell ist Berlin übersättigt, deshalb sollte man nicht den Fehler begehen, nach Berlin zu gehen, um groß rauszukommen. Das funktioniert hier meist nicht. Aber es ist eine Stadt, in der man sich ausprobieren und ein Netzwerk aufbauen kann. Berlin hat meiner Erfahrung nach einfach kein Langzeitgedächtnis. Bei der offenen Bühne in der "Scheinbar" in Berlin-Schöneberg, einem kleinen Varieté-Theater, kann ich völlig daneben hauen, am nächsten Tag wiederkommen und es ist ein neues Publikum da. 

Braucht man als Kabarettist ein besonders dickes Fell, weil man auch mal vor einem nicht so dankbaren Publikum stehen kann?
Das definitiv. Das Scheitern muss miteingeplant werden. Man braucht auch eine hohe Frusttoleranz, den Mut zur Selbstkritik und ab und an eine innere Distanz, damit man Kritik nicht zu persönlich nimmt. 

Was braucht man noch?
Ebenfalls braucht man eine hohe Selbstdisziplin, weil man sich komplett selbst organisieren muss. Das ist aber eine Eigenschaft, die man lernt. Ich würde mich selbst nicht als Vorbild für Selbstdisziplin bezeichnen. Ich brauche den Zeitdruck. Wenn ich neue Texte schreibe, dann lasse ich Berlin gerne hinter mir. Hier werde ich manchmal zu sehr abgelenkt. So viel zum Thema Selbstdisziplin. 

Wenn du schon immer den Wunsch hattest Kabarettist zu werden, warum hast du mit dem Studium angefangen?
Naja, versicherungstechnisch ist es einfach praktischer. Das ist zumindest die pragmatische Antwort. Ehrlich gesagt, liegt das Studium aber gerade auf Eis. Ich möchte mich auf das Kabarett konzentrieren. Das ist das, was ich schließlich machen will. Und wer mir jetzt vorwirft, ich läge dem Staat damit unberechtigterweise auf der Tasche, sollte es lieber so sehen: Mit der Immatrikulation lasse ich mir eine Kabarettausbildung subventionieren, für die es von staatlicher Seite keine offizielle Unterstützung gibt. Für den kommenden Herbst habe ich mir aber vorgenommen, wieder zweimal die Woche zur Uni zu gehen (lacht). 

"Die Wenigsten kommen zurück"

Im Herbst willst du ebenfalls dein neues Programm vorstellen ...
Im Sommer finden weniger Auftritte statt und ich bereite intensiv mein Programm vor. Ich muss das Programm allerdings noch fertig schreiben und proben. Bei meinem neuen Programm soll Bildungspolitik der rote Faden sein.

Kannst du vielleicht ein Beispiel aus deinem neuen Programm geben?
Mmmh ... Der Schwerpunkt liegt auf jeden Fall auf der studentischen Generation, die in die Bachelor-/ Master-Systeme reingewachsen ist. Dazu kommen auch immer wieder Alltagsbeobachtungen. 

Es geht also auch um das studentische Leben, wie sich Studenten fühlen ...
... ganz richtig. Ich kann und will das nicht trennen. Die bildungspolitischen Entwicklungen sind sehr stark damit verknüpft, welche Charaktere sich in meiner Generation tummeln. Ich halte den Einfluss der Bildungspolitik für mitentscheidend für die soziale Entwicklung. 

Was würdest du anderen empfehlen, wenn sie diesen Beruf ergreifen möchten?
Einfach machen! Ich bin kein Freund davon, dass man sagt: Das ist zwar mein Traum, aber ich mache erst einmal etwas anderes. Da weiß ich aus diversen Gesprächen mit verschiedensten Leuten, dass das selten klappt. Die Wenigsten kommen zurück. 

Davor hast du aber keine Angst, wenn du im Herbst zurück an die Uni gehst?
Nee, die Angst habe ich nicht. Da wird es eher mal passieren, dass ich eine Vorlesung ausfallen lasse. 

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