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06. Aug 2012

Barbara Kotzulla

Archiv

Wie ein Superheld fliegen: Base Jumper Jürgen Mühling im Interview

-ARCHIV-

Der Film zum Sprung: "Chronicle – Wozu bist du fähig?" ab dem 17. August 2012 auf DVD und Blu-ray

"Irgendwann hat mich die Realität eingeholt"

UNICUM: Wie bist du zum Base-Jumping gekommen?
Mühling: Einerseits wollte ich die Faszination des menschlichen Fluges in seiner reinsten Form für mich erfahren. Andererseits interessiert(e) mich parallel das Ausloten von technischen Grenzen (hier mittels Fallschirm) in Verbindung mit maximaler Herausforderung.

Was ist dein persönlicher Nervenkitzel dabei?
Den Mut zu haben sich seiner Angst zu stellen und das Wagnis einzugehen. Daraus folgt der erhebende Selbstbeweis in der Konfrontation zur Gefahr.

Was war der aufregendste Sprung  bzw. deine größte Herausforderung, die du gewagt hast?
Bei mir gibt es hier keine Superlative, sondern einen ganzen Haufen von gleichermaßen spannenden Erlebnissen. Sei es jetzt ein Sprung in den Alpen von einem selbst erklommenen Berg oder der Vollmondsprung von einer abgeschalteten Radioantenne. Auch der Sprung in einen Canyon oder vom Rotorblatt eines Windrades ist jedes Mal ein aufregendes Erlebnis ohne Gleichen.

"Riskiere nie mehr, als du bereit zu verlieren bist ..."

Wer hat als Kind nicht davon geträumt ein Superheld mit Superkräften sein zu wollen. Findest du, dass du dir das bewahrt hast?
So gesehen "nein", da mich die Realität irgendwann einholt hat. Allerdings finde ich die wenigen Sekunden, in denen ich zum Beispiel mit meiner Wingsuit nur knapp über dem Boden durch ein Tal fliege schon extrem genial ...

Im Film "Chronicle" stellen die Hauptcharaktere fest, dass sie mit ihren Kräften über Grenzen hinaus gehen können. Wie probierst du aus bzw. wie stellst du fest wie weit du gehen kannst?
Beim Fallschirmspringen entscheiden letzten Endes nur der Verstand und das Risikobewusstsein über die maximal mögliche Aufgabe. Dazu braucht es vor allem eine ehrliche Selbsteinschätzung, da der menschliche Körper so gesehen recht zerbrechlich ist und man nur sehr wenig Marge für Kardinalsfehler hat. Alles was dabei dann im Erfolg endet, kann möglicherweise "richtig" sein und zum nächsten Schritt führen. Alles andere, dabei speziell das was eventuell vom Glück beseelt gerade so überlebt wird, sollte eine Lehre sein.

Welche mentalen Fähigkeiten sind notwendig? Was denkst und fühlst du direkt vor einem Sprung?
Sportlich gesprochen ist es die Kunst, sich hunderprozentig auf die gestellte Aufgabe konzentrieren zu können. Alles Störende wird ausgeblendet, während man sich auf keinen Fall dem Kosmos der angrenzenden Möglichkeiten hingeben darf. Dazu muss ein Base-Springer definitiv auch eine auf Können beruhende Selbstsicherheit haben. Ich persönlich fühle dabei die Aufregung, Anspannung, Angst und Zweifel zeitgleich mit Freude, Erwartung, Willen und Neugier. Im Zenith des Fokus wird mein Sprung dann zum völligen Selbsterlebnis und zum Einswerden mit den Elementen. Ich definiere dadurch förmlich für mich den Sinn des Lebens ...

Welchen Tipp hast du für unsere drei Jungs aus Chronicle, um Ihre Grenzen auch akzeptieren zu können?
Jeder sollte sich seiner eigenen Unzulänglichkeit(en) immer gewahr sein, so es an der Spitze des eigenen Bewusstseins ja bekanntlich keinen Vergleich gibt. Und so bleibt die Verantwortung um die Konsequenzen allzeit bestehen. Also wie wär’s mit: "Riskiere nie mehr, als du bereit zu verlieren bist ..."


Base Jumper Jürgen "Mahle" Mühling

  • Er springt seit 1986 und kommt auf mehr als 10.000 Sprünge. Davon sind aktuell 987 Base, Tendenz steigend ...
  • Im normalen Leben ist er professioneller Fallschirmsprunglehrer und Tandempilot bei TAKE OFF Fallschirmsport in Fehrbellin.
  • Er ist u. a. Bronzemedaillengewinner bei den Weltmeisterschaften 2001 im Gebäudespringen von den Petronas Towers in Kuala Lumpur/Malaysien.
  • Mühling hält den Weltrekord im Base-Springen mit 10 Skyline Gebäuden innerhalb von 24h während des Skyscraper Festivals in Frankfurt am Main.
  • Sein aktueller Erfolg: Die nationale Weltbestleistung mit 231 rein deutschen Springern in einer Formation über Eloy/Arizona.
  • Der 46-Jährige ist schon vom Fernsehturm und dem Olympiastadion in Berlin gesprungen, außerdem von der Eiger Nordwand in der Schweiz und vom Tafelberg in Südafrika.

Film-Tipp "Chronicle – Wozu bist du fähig?"

Stell dir vor, du würdest Superkräfte erlangen. Stell dir vor, du könntest diese Kräfte immer besser beherrschen. Stell dir vor, deine Macht wäre irgendwann unermesslich. Wozu wärst du fähig? In "Chronicle – Wozu bist du fähig?" erweckt eine mysteriöse Entdeckung in drei Teenagern telekinetische Fähigkeiten – mit verheerenden Folgen.

Nehmen wir einmal Spiderman: Peter Parker wird von einer radioaktiven Spinne gebissen, hat fortan den "Spinnensinn" und kann Wände hochklettern. Er zieht sich ein Kostüm an und wird zum Superhelden. Oder die Fantastic Four: Kosmische Strahlung verändert die Moleküle von vier Wissenschaftlern, die fortan alle etwas anderes können, zum Beispiel unsichtbar werden. Sie ziehen sich also ein Kostüm an und werden zu Superhelden.

Chronicle – Wozu bist du fähig? spielt mit dem Motiv der Superhelden-Entstehung, doch der Film verlagert eine übersinnliche Geschichte in die greifbare Realität. Denn was würde jeder von uns tun, wenn er auf einmal fliegen könnte oder unfassbar stark wäre? Sich ein Kostüm nähen und auf Gangsterjagd gehen? Wohl kaum ...

Andrew (Dane DeHaan) ist ein Außenseiter. Er leidet unter der Erkrankung seiner Mutter, dem alkoholsüchtigen Vater und dem Mobbing in der Schule. Um seinem trostlosen Dasein ein wenig Bedeutung zu geben, fängt Andrew an, seine Umwelt mit einer Videokamera einzufangen. Seine einzige Bezugsperson ist Cousin Matt (Alex Russell), der ihn zu dem Besuch einer Party überredet. Im Laufe der Nacht verlangt der beliebte Steve (Michael B. Jordan) von Andrew ihm zu folgen. Steve und Matt haben einen Tunnel gefunden, aus dem merkwürdige Geräusche dringen. Die drei Jungs begeben sich in die Höhle und treffen auf ein leuchtendes Objekt. Am nächsten Tag wachen sie ohne jede Erinnerung, aber mit telekinetischen Kräften ausgestattet, auf. Die Gruppe hält ihre Fähigkeiten erst unter Verschluss, doch die Verlockungen, die sich daraus ergeben, sind zu groß. Als einer ihrer Streiche aus dem Ruder gerät, nimmt ein verherrendes Schicksal seinen Lauf.

Regie-Debütant Josh Trank hat bei Chronicle – Wozu bist du fähig? alles richtig gemacht: packende Story, glaubwürdige Schauspieler, ungewöhnliche Optik. Der Zuschauser sieht alles nur durch Andrews oder andere Kameras, was zwar an einigen Stellen etwas bemüht wirkt, aber auch eine ganz andere Nähe zu den Figuren und der Geschichte zulässt.

Chronicle – Wozu bist du fähig? ist ein Anti-Superhelden-Film. Doch beschäftigt er sich mit den universellen Fragen aus jedem Superhelden-Kosmos: Verändert Macht den Menschen? Und: Wie will der Mensch mit seiner Macht die Welt verändern?

Ein sehenswerter Überraschungshit, der Elemente aus SciFi, Teenagerdrama und Action gekonnt zu verknüpfen weiß, und erfreulicherweise auf den erhobenen Zeigefinger der Moral verzichtet.

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